Halten Sie es für möglich, sich proaktiv auf Ihre eigene dritte Lebensphase vorzubereiten? Und wussten Sie, dass auf Sie im Schnitt noch 20 – 28 gute Jahre nach dem 60. Lebensjahr warten? Die nächsten Jahre gehen jeden Tag zwischen 2800 – 3500 Menschen in den Ruhestand? 24 Millionen Babyboomer. 2,5 Millionen hochaltrige Menschen (über 85 Jahre alt). Wir sind eine langlebige Gesellschaft geworden und dafür gibt es sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene keine echten Vorbilder.

Pionier:in der dritten Lebensphase werden

Heute möchte ich darüber schreiben, was ich von meinen Interviewgästen im Podcast gelernt habe bzw. was Sie meinen Hörer:innen mit auf den Weg für eine zufriedene und gelassene dritte Lebensphase geben. Wenn Sie so wollen, ein kleines Zwischenfazit auch für mein eigenes Älterwerden. Sicher werde ich bei Gelegenheit dazu einige O-Töne in einem eigenen Podcast oder Trailer zusammenstellen.

1. Tipp – sich vorbereiten

Allen voran empfehlen Prof. Hans Werner, Dr. Katharina Mahne und Wolfgang Schiele, sich auf die dritte Lebensphase und den damit verbundenen Ruhestand vorzubereiten. Und Prof. Eckart Hammer setzt noch einen darauf und spricht davon, dass dies für Männer besonders zentral ist, da bei ihnen die Identifikation mit Beruf zentral ist und deshalb die Gefahr einer echten Leere entsteht. Die üblichen Kompensationsversuche, wie Haus renovieren, Keller ausmisten, den Garten auf Vordermann bringen und versäumte Urlaubsreisen nachzuholen, tragen im besten Fall eine Zeit, doch ersetzen die entstandenen Lücken i.d.R. nicht. Wahrscheinlich gibt es genau aus diesem Grund immer mehr Menschen, die Vorträge zum Thema „Übergang in die Rente“ halten oder Ruhestandscoaching anbieten. Aus meiner Sicht hat Wolfgang Schiele dazu ein sehr systematisches Buch geschrieben, das unterschiedliche Anregungen gibt und vielfältige Einflugschneisen bietet. Also erscheint es – ausgehend von dem, was sowohl die Wissenschaft bestätigt, als auch die bisherigen Erfahrungen zeigen – für viele Menschen zielführend zu sein, sich auf den Übergang vorzubereiten.

Und die Partnerschaft wird in dieser Zeit ebenfalls vor neue Herausforderungen gestellt. Gilt es doch, die gewonnene gemeinsame Zeit als Paar so zu gestalten, dass die jeweiligen Bedürfnisse gut berücksichtigt werden können. Gerade im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Verbundenheit ergeben sich hier interessante Möglichkeiten. Wünschenswert wäre es, wenn hier die Forschung intensiviert werden würde. Tipps für die dritte Lebensphase, die Zweite:

2. Tipp – Annehmen und Loslassen

Besonders beeindruckt hat mich das Gespräch mit Pater Anselm. Er spricht, so würde ich aus heutiger Sicht sagen, über das psychologisch schwierigste Thema in Anbetracht unseres langen Lebens. Vom Annehmen und Loslassen. Wir können die mit dem Älterwerden verbundenen Veränderungen körperlicher, geistiger und manchmal auch seelischer Couleur nur annehmen lernen. Manchmal sind die Prozesse schleichend und wir haben ausreichend Anpassungsmöglichkeiten und auch Zeit dafür, doch sie können auch plötzlich über uns hereinbrechen und dann als Krise erlebt werden. In diesen Jahren geht es nicht mehr um Applaus, Einfluss und Macht, sondern eher um Rückbesinnung, Reflexion des eigenen Lebens und um die Entdeckung neuer Sinnmöglichkeiten. Annehmen steht dabei ebenfalls im Fokus. Generativität kann dabei eine wichtige Rolle spielen.

Und dann ist da das Loslassen. Ja, es ist wirklich unser letztes Lebensdrittel, es geht auf das Ende, auf das Sterben zu. Wie sagt der Volksmund: „Die Einschläge kommen näher“ und unser geübtes Prinzip der Verdrängung, funktioniert weniger und weniger. Sowohl Pater Anselm, als auch Dr. Ina Schmidt geben dazu Hinweise und empfehlen, mit Vertrauten und Freunden zu sprechen und dabei die möglichen Ängste in den Blick zu nehmen. Wie oft höre ich in meinem Umfeld, dass die Eltern meiner Freund:innen eher nicht über diese letzte Lebensphase sprechen wollen. Dabei kann es sehr sinnvoll sein, über die eigenen Vorstellung zur Beerdigung und zur Trauerfeier in den Austausch zu gehen.

3. Tipp – sich bewegen

Tipp 3 unter den Tipps für die dritte Lebensphase, dürfte Ihnen allen bekannt sein. Bewegung ist das ganze Leben über das A und O für Wohlbefinden und Gesundheit. Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie sich nach der Arbeit von der Couch aufgerafft und nochmal eine Runde gedreht haben – spazieren gehend oder joggend? Das ist einfach gut, die leichte oder stärkere Anstrengung, die frische Luft, die unser Gehirn frei bläst. Danach fühlen wir uns schlichtweg besser. Punkt.

Die Beweglichkeit im Alter ist die Voraussetzung für Lebensqualität und Eigenständigkeit. Wer wünscht sich von uns nicht, bis in höhere Alter mobil zu sein? Ingo Froböse – als Sport- und Präventionswissenschaftler – macht im gemeinsamen Podcast deutlich, dass es oft der kleine Umweg ist, das Treppensteigen, die Gartenarbeit, die 10000 Schritte über den Tag verteilt, die den Unterschied machen. Doch neben der Ausdauer scheint es auch sinnvoll zu sein, etwas für den Muskelerhalt zu tun. Ruhig mal eine Kiste tragen, das Holz klein machen oder auch zu Hause mit einem Theraband Kräftigungsübungen einbauen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Und für alle Jüngeren, die vielleicht meinen Podcast hören oder diesen Beitrag lesen, hat Ingo Froböse auch einen Tipp: Die Gesundheit sollte so früh wie möglich im Leben einen entscheidende Rolle spielen. Je früher sich die Menschen darum kümmern, desto größer die Wahrscheinlichkeit sich über 60 noch guter Gesundheit zu erfreuen.

Tipps für die dritte Lebensphase

4. Tipp – sich entspannen

Genauso wichtig wird über 60 Jahren neben der körperlichen Betätigung auch die Entspannung. Ingo Froböse betont dies in unserem Gespräch mehrfach. Wieso? Durch unsere Leistungsgesellschaft sind wir auf immer weiter, höher und schneller programmiert. Phasen der bewussten Entspannung und Regeneration kommen dabei zu kurz. Unter den Tipps in der dritten Lebensphase scheint dieser Hinweis des Wissenschaftlers besonders wichtig zu sein, da Regeneration eine wichtige Präventionsfunktion und auch länger braucht hat. Es geht also um eine gute Balance zwischen sich bewegen und sich entspannen.

In diesem Zusammenhang ist mir der Begriff „Zeitsouveränität“ zentral wichtig. Mit meiner Zeit autonom und in selbsttätiger Souveränität umgehen. Alles verbunden mit dem Gefühl: „ich muss nicht mehr“ – ich kann, wenn ich mich dafür entscheide. Viele Menschen beschreiben, dass der latente Druck durch das Arbeitsleben wegfällt und sich durch die Möglichkeit frei zu entscheiden, wie, wo und wie viel ich mich einbringe, eine besondere Freiheit verbunden mit Zeitwohlstand einstellt. Wer sich mehr mit dem Thema beschäftigen möchte, empfehle ich das Buch „Zeitwohlstand für alle“ von Stefan Boes.

5. Tipp – sich treffen

Gerade in der Corona Pandemie haben wir alle, ganz unabhängig von unserem Alter erlebt, wie zentral bedeutsam soziale Beziehungen bzw. Freundschaften sind. Silbernetz – eine Telefonmöglichkeit für Menschen über 60 Jahre gegen die Einsamkeit, gegründet von Elke Schilling, hatte nicht umsonst eine Verdopplung der Anrufe, während der erste beiden Lockdowns. Auch der Soziologe Martin Schröder betont in unserem Gespräch, wie Freundschaft zur Zufriedenheit beiträgt, und zwar gleichbleibend durch alle Lebensphasen hindurch. Eine Anzahl mehr als 5 Freuden verändert dabei nichts maßgeblich am Zufriedenheitsempfinden. Wie viel Freunde haben Sie aktuell? Zu welchen Menschen in Vereinen oder im Rahmen Ihrer Hobbys haben Sie intensiveren Kontakt? Sind Sie zufrieden mit Ihrem sozialen Umfeld?

Nach dem Berufsleben fallen natürlicherweise viele soziale Beziehungen weg, die sich durch die Arbeit ergeben haben. Frauen haben im Vergleich zu Männern eher stabilere und umfangreichere persönliche Netzwerke. Beim Älterwerden kann es deshalb sinnvoll sein, sich auch mit jüngeren Menschen zu befreunden, denn je älter ich werde, desto größer die Gefahr, dass gleichaltrige Menschen sterben und sich das persönliche Netzwerk reduziert.

Zudem sind wir Menschen seit jeher soziale Wesen. Unser Gehirn schüttet Botenstoffe aus, die in uns Wohlgefühle auslösen und helfen Stress abzubauen, wenn wir in Kontakt mit Menschen sind. Das Spannungsfeld zwischen der Verbindung mit anderen und unserem Autonomiebedürfnis regt uns in der Gemeinschaft mit anderen an. Tipps für die dritte Lebensphase – die sechste.

6. Tipp – neues Lernen

Unser Gehirn ermöglicht es neues zu lernen und das bis zu unserem Tod. Wie sagt es Gerald Hüther gerne in seinen Vorträgen „Wenn ich als 80-Jähriger in eine Chinesin verliebt bin, kann ich auch noch Chinesisch lernen“. Und bei meiner Oma habe ich erlebt, dass sie im Alter von über 80 Jahren immer noch Volkshochschulkurse zu Sprachen und Literatur besucht hat. Dieses Training hat sie auch geistig und mental fit gehalten und sie hatte dazu soziale Ansprache durch die anderen Teilnehmenden. Menschen sind von Grund auf neugierig, sie wollen kleinere und größere Abenteuer wagen. Und gerade im Erlebnis wieder etwas gemeistert zu haben, stellt sich Lebensfreude und Selbstbewusstsein ein.

Wie oben schon beschrieben sind wir eine langlebige Gesellschaft geworden. Wir bleiben bis ins hohe Alter gesünder und fühlen uns leistungsfähiger. Vor diesem Hintergrund nehmen Firmengründungen von Menschen über 60 Jahren langsam doch stetig zu, wie neuste Zahlen zeigen. Dabei werden oftmals unbekannte Felder bestellt und die 70-jährige Seniorin baut eine Agentur für Online-Seminare auf.

7. Tipp – sinnvolles tun

Bei meinen letzten „Learning“ möchte ich alle Menschen in der dritten Lebensphase, wie zu Beginn, wieder persönlich ansprechen. Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Ihre Gaben, Talente und Fähigkeiten sind, die Sie im Laufe des Lebens erworben haben? Können Sie spontan drei bis fünf Ihrer Talente benennen? Oder braucht es doch ein wenig Zeit diesen auf die Spur zu kommen? Es ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn es darum geht, etwas Sinnvolles tun zu wollen, sich genau darüber mehr Bewusstheit zu verschaffen.

Die Generativität, also das eigene Ausrichten des Lebensinteresses auf die nachfolgende Generation, verbunden mit dem Wunsch etwas zu schaffen, das die eigene Existenz überlebt, sowie das Bestreben für andere Menschen von Bedeutung zu sein, hat für Sie und mich, besonders in der dritten Lebensphase einen hohen sinnstiftenden Charakter. Diese Sinnstiftungsprozess wird dadurch verstärkt, wenn er auf den eigenen Talenten und den mit ihnen verbundenen Werten aufbaut. Tamara Dietl hat es in unserem Gespräch vor dem Hintergrund der aktuellen Klimakrise auf den Punkt gebracht, in dem sie sinngemäß sagte: „Als Babyboomer haben wir in den letzten Jahrzehnten die Fähigkeiten erworben gesellschaftliche Prozesse zu gestalten. Wieso setzen wir sie nicht für das überlebenswichtige 1,5 Grad Ziel ein und springen damit verantwortlich der jungen Generation bei?“

Sinnvolles tun, die Frage danach wird für Sie auch deshalb so bedeutsam, da der Sinnbereich der Arbeit eben wegfällt. Und wenn Sie dies bewusst reflektieren, hat dieser Teil in Ihrem Leben sicher mehr als die Hälfte Ihrer Zeit bestimmt. Was soll an diese Stelle treten? Wie wollen Sie diesen Sinnbereich ausgleichen?

In meinem Podcast werde ich auf jeden Fall versuchen auch in dieser Hinsicht weiter Anregungen zu geben. Also abonnieren Sie ihn gerne!