Bertram Kasper

Am Abend vor unserem Podcastgespräch saßen wir mit unseren Nachbarn auf der Terrasse. Wir wohnen in einem Reihenhaus bei Marburg und sind damals mit anderen jungen Familien hier eingezogen. Die Kinder wurden größer, aus Nachbarschaft wuchs Vertrautheit, und nun saßen wir zusammen und sprachen übers Älterwerden. Das Wohnen im Alter beschäftigt mich also auch ganz persönlich.

Ich mag unser Zuhause. Gleichzeitig wünsche ich mir für die kommenden Jahre noch mehr Gemeinschaft: ein Miteinander, in dem wir unsere unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen und uns im Alltag unterstützen. Bei einem Vortrag von Claudia Mattheis wurde mir allerdings deutlich, wie viel Arbeit darin steckt, solch einen Wunsch gemeinsam umzusetzen.

Darüber habe ich mit Claudia von Livving und Peter Lennartz vom Podcast „Ziemlich bester Ruhestand“ gesprochen. Unser Tricast wurde zu einem lauten Nachdenken über Wohnträume, gewachsene Bindungen und die Frage, wie viel Veränderung sich gut anfühlt.

Zuerst kommt dein Lebensentwurf

Claudia sieht sich künftig in einer kleinen, barrierearmen Wohnung in Berlin. Menschen, die sie mag, sollen in der Nähe leben, ebenso die Dinge, die ihren Alltag ausmachen: das Kino, Restaurants, ärztliche Versorgung. Dazu einige Wochen oder Monate im Süden. Ihr früherer Traum vom dauerhaften Leben unter südlicher Sonne hat sich verändert.

Peter wiederum lebt nach vielen Jahren mit Haus und großem Garten gern in einer Stadtwohnung. Einen Monat in Spanien hat er bereits ausprobiert, um dem Berliner Winter zu entkommen. Er möchte sich die Freiheit erhalten, seine Vorstellungen weiterzuentwickeln.

Für Peter steht vor jeder Wohnungssuche die Frage nach dem Lebensmodell. Der Gedanke spricht mich an: Wie möchte ich meine Tage verbringen? Welche Menschen sollen darin vorkommen, und wie viel Rückzug brauche ich? Erst daraus ergibt sich, welche Wohnform zu mir passen könnte.

Wenn wir als Paar verschieden denken

Bei meiner Frau und mir zeigt sich, wie unterschiedlich solche Vorstellungen sein dürfen. Ich bin der Stratege, schaue voraus und beschäftige mich gern mit möglichen Veränderungen. Sie lässt vieles eher auf sich zukommen und möchte lieber dort bleiben, wo wir leben. Da haben wir Gesprächsbedarf, ganz klar.

Ein vertrautes Zuhause gibt Sicherheit. Wer hier bleiben möchte, hat dafür vielleicht ebenso gute Gründe wie jemand, den es zu neuen Menschen zieht. Mich interessiert deshalb, was wir jeweils mit unserem Wunsch verbinden. Welche Nähe suche ich? Was macht das Bleiben für meine Frau so wertvoll? Darüber möchte ich mehr mit ihr ins Gespräch kommen.

Ein älteres Paar aus meinem Bekanntenkreis hat dafür einen eigenen Weg gefunden. Er konnte sich betreutes Wohnen gut vorstellen, sie wollte unbedingt in den eigenen vier Wänden bleiben. Die beiden entschieden sich für Unterstützung im eigenen Zuhause. Ihre Geschichte erinnert mich daran, wie hilfreich es ist, die Bedürfnisse beider ernst zu nehmen.

Gemeinschaft braucht auch eine eigene Tür

Ich wünsche mir Menschen in meiner Nähe. Zugleich ist mir meine Freiheit lieb: selber entscheiden, wie ich den Tag verbringe, mich zurückziehen, meinen Gedanken nachgehen. Beides gehört zu mir. Gerade deshalb interessiert mich gemeinschaftliches Wohnen, bei dem eine eigene Wohnung und gemeinsame Räume zusammenkommen.

Claudia spricht sehr offen über die Arbeit, die eine Gemeinschaft mit sich bringt. Unterschiedliche Vorstellungen wollen besprochen werden, Zuständigkeiten brauchen Absprachen. Bei neuen Wohnprojekten hält sie eine begleitende Moderation für hilfreich. Schon die Frage, wie verbindlich gemeinsame Aktivitäten sein sollen, kann ganz verschiedene Antworten hervorbringen.

Auch die eigene Bereitschaft gehört dazu. Was möchte ich einbringen, und wo brauche ich Abstand? Eine geschlossene Tür darf ebenso selbstverständlich sein wie eine Einladung zum Kaffee. Für mich beginnt das gute Zusammenleben damit, solche Wünsche aussprechen zu dürfen.

Peter erinnert daran, dass sich Verbundenheit auch aus einer eigenen Wohnung heraus leben lässt, durch Freundschaften, Nachbarschaft oder ein Engagement. Wie jemand wohnt, erzählt eben erst einen Teil davon, wie verbunden er sich fühlt.

Was ich behalten möchte – Wohnen im Ater

„Ich sammle viel lieber Erinnerungen“, sagt Claudia. Sie und ihr Mann trennen sich zunehmend von Dingen, weil sie leichter leben möchten. Ich kann das gut nachvollziehen: Vor einigen Jahren habe ich begonnen, meinen Besitz zu reduzieren. Im Gespräch erzähle ich von meinen 100 Büchern und den 166 Kleidungsstücken, die ich sogar in einer Liste erfasst hatte. Ja, auch beim Ausmisten kommt der Stratege durch.

Das hat mir gutgetan. Für mich entsteht das Zuhausegefühl vor allem durch Menschen. Peter betont stärker die Bedeutung eines vertrauten Ortes und der Erinnerungen, die mit einem Haus verbunden sind. Beides hat seinen Platz. Ein Gegenstand darf bleiben, weil er eine Geschichte erzählt; ein anderer darf gehen, weil er heute nur noch Platz beansprucht.

Vielleicht beginnt eine Veränderung deshalb ganz klein. Mit einem Zimmer, das eine neue Aufgabe bekommt. Oder mit der Frage, was du in deinem Zuhause heute wirklich gern um dich hast.

Wohnen im Alter erst mal ausprobieren

Claudia erzählt von Wohngemeinschaften, Genossenschaften, Baugruppen und Wohnungen mit ergänzenden Serviceangeboten. Auch Pflegebauernhöfe kommen zur Sprache, bei denen das Leben mit Natur und Tieren verbunden ist. Mich reizt daran, wie unterschiedlich der Alltag aussehen kann. Um herauszufinden, was zu mir passt, möchte ich solche Orte selbst erleben.

Eine Frau aus einem unserer Gesprächskreise erzählte von ihren Besuchen an möglichen neuen Wohnorten. Sie nimmt sich von Dienstag bis Donnerstag eine Pension und schaut, wie die Stadt unter der Woche funktioniert. Wie kommt sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurecht? Welche Wege wären im Alltag nötig, und wie fühlt sie sich dort? Diese Art, eine Stadt kennenzulernen, gefällt mir.

Ich nenne das Fühlung aufnehmen. Mit Menschen sprechen, die schon in einem Projekt wohnen, oder nach einer Gästewohnung zum Probewohnen fragen. Dabei haben auch die Kosten ihren Platz. Peter weist darauf hin, dass eine kleinere Wohnung nach einem Umzug teurer sein kann als das bisherige Zuhause mit einem alten Mietvertrag. Wünsche und finanzielle Möglichkeiten gehören zusammen auf den Tisch.

Ein Gespräch als erster Schritt

Claudia wirbt dafür, sich früh mit den eigenen Wohnwünschen zu beschäftigen. Peter fragt nach, wie viel Vorausdenken schon nötig ist. Mir gefällt diese Reibung zwischen uns, weil ich beide Impulse verstehe: die kommenden Jahre genießen und zugleich neugierig erkunden, was später passen könnte.

Für mich heißt das, weiter mit meiner Frau und mit Freunden zu sprechen und mir Wohnprojekte anzuschauen. Vielleicht entsteht mehr Gemeinschaft genau dort, wo wir heute leben. Vielleicht zieht es uns irgendwann anderswohin. Meine Überlegungen sind offen, und ich bin gespannt, was sich daraus entwickelt.

Dein Zuhause darf sich verändern. Auch deine Vorstellung davon, wie du alt werden möchtest, darf wachsen. Was würdest du aus deinem heutigen Leben gern mitnehmen, wenn du noch einmal neu über dein Zuhause nachdenkst?

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