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Als Life Teacher Lebenserfahrung weitergebn
Ein Lebenslauf ist selten eine gerade Linie. Er hat Kurven, Umwege, überraschende Abzweigungen und manchmal auch eine Sackgasse, aus der wir rückwärts wieder rausmussten. Genau darin steckt Wissen. Wissen darüber, wie das Leben tatsächlich spielt, wenn kein Lehrbuch danebenliegt und die passende Lösung auf Seite 47 verrät.
Vielleicht hast du viele Jahre gearbeitet, Kinder begleitet, Krisen bewältigt, neu angefangen oder Entscheidungen getroffen, die du heute anders treffen würdest. Vieles davon steht in keinem Zeugnis. Für junge Menschen könnte es trotzdem genau die Erfahrung sein, die ihnen gerade fehlt. Lebenserfahrung weitergeben heißt deshalb mehr, als gute Ratschläge zu verteilen. Es heißt, die eigene Geschichte zur Verfügung zu stellen.
In der neuen Folge von „Gelassen älter werden“ spricht Catharina Maria Klein mit Ludwig Tiede. Er ist 28 Jahre alt und Gründer der gemeinnützigen Bildungsinitiative LifeTeachUs. Seine Idee: Menschen aus der Praxis kommen als Live-Teacher in Schulen. Dort sprechen sie über ihren Beruf, ihre Entscheidungen, ihr Scheitern, ihre Neuanfänge und über all das, was zwischen den ordentlichen Zeilen eines Lebenslaufs liegt.
Was im Lehrplan fehlt
Am Ende seiner eigenen Schulzeit wusste Ludwig eine Menge. Auf einige sehr konkrete Fragen des bevorstehenden Lebens hatte er jedoch kaum Antworten. Was steht in einem Mietvertrag? Wie findet man eine Wohnung? Ausbildung, Studium oder duales Studium? Welche Möglichkeiten gibt es, wenn die Eltern ein Studium finanziell kaum unterstützen können? Und ist eine einmal getroffene Berufswahl wirklich eine Entscheidung fürs ganze Leben?
Ludwig erkannte zwei Lücken: Unterricht fällt aus, und Lebensvorbereitung kommt vielerorts zu kurz. Beides brachte er zusammen. Wenn eine reguläre Stunde ausfällt, muss daraus keine bloße Wartezeit werden. Ein Mensch mit Berufs- und Lebenserfahrung könnte in dieser Zeit von etwas erzählen, das junge Menschen sonst kaum zu hören bekommen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Lehrkräfte zu ersetzen. Ludwig spricht im Podcast mit großem Respekt über ihren Beruf. Live-Teacher bringen eine andere Form des Wissens mit. Sie liefern keinen weiteren Fachunterricht, sondern den Zusammenhang zwischen Unterricht und Leben. Aus einer ausgefallenen Stunde wird so eine Stunde fürs Leben.
Wieso Umwege wertvoll sind – darin liegen die Chancen: Lebenserfahrung weitergebeb
Mit den ersten 500 Live-Teachern hat Ludwig noch persönlich telefoniert. Er hörte dabei fast 500 Lebensgeschichten. Kaum eine verlief schnurgerade. Menschen wechselten Berufe, machten Fehler, standen wieder auf, gingen einen Schritt zurück und fanden später einen Weg, den sie früher gar nicht sehen konnten.
Gerade solche Geschichten nehmen jungen Menschen den Druck, schon mit 17 oder 18 Jahren den ganzen Rest ihres Lebens überblicken zu müssen. Eine Biografie mit Kurven sagt: Du darfst entscheiden, und du darfst später neu entscheiden. Der erste Weg muss nicht der letzte sein.
Im Gespräch fällt dafür ein schönes Wort: Lebenswissen. Es meint kein auswendig gelerntes Faktenpaket. Es ist jenes Wissen, das im Tun entsteht. Wie führe ich ein schwieriges Gespräch? Wie verhandle ich fair? Wie erkenne ich, wem ich vertrauen kann? Wie gehe ich mit einer Niederlage um, ohne mich selbst gleich mit abzuschreiben?
„Jeder trägt etwas in sich, was für andere wertvoll sein kann.“
Dieser Satz von Ludwig Tiede trifft den Kern. Gerade Menschen jenseits der 50 erleben auf dem Arbeitsmarkt oft, dass ihr Alter stärker gesehen wird als ihr Erfahrungsschatz. LifeTeachUs dreht die Blickrichtung um. Hier ist das gelebte Leben kein Makel, sondern der eigentliche Stoff.
Das bekommt angesichts künstlicher Intelligenz eine zusätzliche Bedeutung. Fakten lassen sich in Sekunden abrufen. Programme verändern sich, Werkzeuge bekommen ein neues Update. Die Erfahrung, wie Menschen miteinander arbeiten, streiten, zweifeln und wieder zueinanderfinden, lässt sich schwerlich herunterladen. Eine KI kennt Antworten. Deine Geschichte kennt Wege.
Wie Begegnung die Schubladen ausräumt
Catharina erzählt in der Folge von ihrer eigenen Familie. Sie lebt in Hamburg, ihre Eltern in Freiburg, die Generationen sind über mehrere Regionen verteilt. So geht es vielen Familien. Großeltern und Enkel sehen sich, aber der beiläufige Alltag miteinander fehlt. Das kurze Gespräch am Küchentisch, eine Frage zwischendurch, das gemeinsame Tun, all das ist seltener geworden.
LifeTeachUs schafft solche Generationenbegegnungen an einem Ort, den junge Menschen ohnehin besuchen: in der Schule. Dabei treffen sie auf Menschen, die aus anderen Berufen, Familiengeschichten, sozialen Milieus oder Ländern kommen. Für manche Kinder wird die Welt dadurch ein gutes Stück größer.
Eine gelungene Stunde besteht nach Ludwigs Vorstellung zur Hälfte aus Erzählen und zur Hälfte aus Fragen, Antworten und Austausch. Niemand soll 45 Minuten lang einen Vortrag halten. Junge Menschen wollen beteiligt sein. Sie wollen wissen, warum jemand einen bestimmten Weg genommen hat, was schiefging und wie es weiterging.
Auch die Live-Teacher lernen. Manche gehen mit festen Bildern von der „Jugend von heute“ in eine Klasse und treffen dort auf wache, neugierige Schülerinnen und Schüler. Plötzlich melden sich sogar Jugendliche, die im Fachunterricht meist still bleiben. Aus einem Urteil wird eine Begegnung. Und aus „den Jungen“ werden einzelne Menschen mit eigenen Gedanken, Sorgen und Hoffnungen.
Solche Erfahrungen sind mehr als ein freundlicher Austausch zwischen Jung und Alt. Sie stärken unser Verständnis füreinander. Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen einander zuhören, selbst wenn sie am Ende verschiedener Meinung bleiben.
Wie du deine Lebenserfahrung weitergeben kannst
LifeTeachUs bezeichnet dieses Engagement als besonders flexibles Ehrenamt. Der Einstieg beginnt mit der App. Dort meldest du dich als Live-Teacher an, reichst dein Thema ein und durchläufst eine Vorbereitung. Ein erweitertes Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtung gehören ebenfalls dazu. Wer technische Fragen hat, bekommt Unterstützung per Telefon, Nachricht oder in einer persönlichen Sprechstunde.
Danach entscheidest du selbst, wann und wie oft du aktiv wirst. Fragt eine Schule eine Stunde an, erhalten mehrere passende Live-Teacher die Nachricht. Wer Zeit und Lust hat, übernimmt. Wer an diesem Tag schon verplant ist, lässt die Anfrage einfach vorbeiziehen. Auch den eigenen Radius sowie Einsätze vor Ort oder digital legst du selbst fest.
Dein Thema muss keine glatte Erfolgsgeschichte sein. Vielleicht hast du in einem Handwerk gearbeitet, Menschen gepflegt, ein Unternehmen geführt, bist eingewandert, hast einen Beruf aufgegeben oder dich nach einer Krise neu sortiert. Vielleicht möchtest du in einer Grundschule vorlesen. Entscheidend ist, dass du bereit bist, ehrlich zu erzählen und ebenso ehrlich zuzuhören.
Was dabei zu dir zurückkommt
Lebenserfahrung weitergeben klingt zunächst nach einer Bewegung von Alt zu Jung. Tatsächlich fließt viel zurück. Live-Teacher lernen, was junge Menschen beschäftigt und wie sie auf die Welt schauen. Sie erleben Interesse an ihrer Person und an ihrem Weg. Ludwig sagt, er verlasse eine Schule regelmäßig mit einem breiten Grinsen.
Hinzu kommt ein unerwarteter Nebeneffekt: Wer selbst vor einer achten oder neunten Klasse gestanden hat, blickt oft mit noch mehr Respekt auf Lehrkräfte. Jugendliche sind ein ehrliches Publikum. Wenn es langweilig wird, merkt man das ziemlich schnell. Eine solche Stunde macht Freude, sie kostet aber auch Kraft.
In der Altersforschung gibt es für das Weitergeben an die nächste Generation einen Begriff: Generativität. Gemeint ist der Wunsch, etwas vom eigenen Wissen, den Erfahrungen und der Haltung weiterzureichen. Vielleicht ist das eine besonders schöne Form von Gabenzeit. Wir geben etwas weiter und merken dabei, dass das eigene Leben noch einmal anders zu leuchten beginnt.
Am Ende des Gesprächs erzählt Ludwig auch von seinem eigenen Älterwerden. Kurz vor dem 30. Geburtstag spürt er erstmals deutlicher, dass Zeit vergeht. Zugleich erlebt er eine wohltuende Seite daran: Mit den Jahren weiß er besser, was er will, was ihm entspricht und worauf er verzichten möchte.
Das ist eine Botschaft, die weit über das Klassenzimmer hinausreicht. Das Leben lässt sich nicht vollständig auf später verschieben, auf den Ruhestand, den richtigen Kontostand oder jenen sagenhaften Tag, an dem endlich alles erledigt ist. Wir dürfen heute sinnvoll arbeiten, heute Freude erleben und heute etwas von uns in die Welt geben.
Vielleicht liegt ausgerechnet in einem Umweg, den du lange bedauert hast, eine Geschichte, die einem jungen Menschen Mut macht. Vielleicht wird aus einer alten Erfahrung eine neue Verbindung. Und vielleicht gehört dein Leben tatsächlich für eine Stunde auf den Stundenplan.
Deine Umwege gehören jetzt auf den Stundenplan.
Podcastfolge „Lebenserfahrung weitergeben weil die Schule dich braucht“ anhören
Mehr über LifeTeachUs und die Anmeldung als Live-Teacher
Welche Erfahrung aus deinem Leben würdest du gern an junge Menschen weitergeben?
Links:
- Zur App: https://www.lifeteachus.org/lifeteachus-app
- Thema finden: https://www.lifeteachus.org/finde-dein-thema
- Instagram: https://www.instagram.com/lifeteachus_official/

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7