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Verbundenheit statt Glücksmoment – was im Alter wirklich trägt
Ein Fußballtor in letzter Minute. Eine gute Nachricht. Ein Essen mit Menschen, die wir mögen. Solche Augenblicke machen glücklich – und das dürfen sie auch. Nur tragen sie uns nicht unbedingt durch jene Zeiten, in denen das Leben weniger leichtfüßig daherkommt.
Was bleibt, wenn der Glücksmoment verflogen ist? Wenn der Beruf endet, der Körper sich verändert, vertraute Rollen verschwinden oder Menschen fehlen, die lange selbstverständlich zu unserem Leben gehörten?
Darüber sprechen wir in dieser Folge von „Gelassen älter werden“ mit dem Glücksforscher, Autor und Podcaster Leonard Gabriel Heygster. Und ziemlich schnell wird klar: Wer nach dem Glück fragt, landet bei etwas Tieferem. Bei Verbundenheit.
Glück ist schön – Wohlbefinden reicht tiefer
Wissenschaftlich betrachtet ist Glück zunächst ein positives Gefühl, ausgelöst durch etwas, das für uns einen Wert besitzt. Wir freuen uns über ein gelungenes Gespräch, einen Sonnenuntergang, ein Wiedersehen oder eben über das Tor der eigenen Mannschaft.
Zufriedenheit entsteht anders. Sie ist das Ergebnis einer inneren Bewertung. Wie zufrieden bin ich mit meinen Beziehungen, meiner Arbeit, meinem Körper oder meinem Leben insgesamt? Glück und Zufriedenheit bilden gemeinsam das, was in der Forschung als subjektives Wohlbefinden bezeichnet wird.
Leonard nennt das Glück ein „trojanisches Pferd“. Jeder Mensch reagiert auf dieses Wort, obwohl kaum jemand genau sagen kann, was er darunter versteht. Doch sobald wir die Frage ernsthaft verfolgen, führt sie uns weg vom schnellen Glücksreiz – und hin zu dem, was unser Leben dauerhaft zusammenhält.
„Wer die Frage nach dem Glück stellt, landet immer bei Verbundenheit.“
Das bedeutet nicht, dass kurze Glücksmomente nebensächlich wären. Im Gegenteil. Sie würzen unser Leben. Nur taugen sie nicht als Fundament. Ein Haus braucht schließlich mehr als schöne Fenster.
Bedeutsamkeit trägt weiter als Anerkennung
Viele Menschen wachsen mit einer stillen Wenn Dann Gleichung auf: Wenn ich beruflich erfolgreich bin, dann bin ich zufrieden. Wenn ich genügend Anerkennung bekomme, dann fühle ich mich wertvoll. Wenn ich schlanker, fitter oder leistungsfähiger bin, dann endlich bin ich glücklich.
Daran ist nicht grundsätzlich etwas falsch. Leistung kann Freude machen, beruflicher Erfolg kann bedeutsam sein und körperliche Fitness kann Lebensqualität schenken. Entscheidend ist jedoch eine andere Frage: Ist dieses Ziel wirklich meines?
Oder laufe ich einer Vorstellung hinterher, die mir Eltern, Gesellschaft, Werbung oder das eigene soziale Umfeld eingepflanzt haben?
Langfristige Zufriedenheit wächst nicht automatisch aus Leistung. Sie entsteht vielmehr dort, wo wir unser Leben an dem ausrichten, was für uns selbst bedeutsam ist. Das kann eine berufliche Aufgabe sein, das Engagement für andere Menschen, eine Freundschaft, Kreativität, Familie, Natur, Spiritualität oder etwas ganz anderes.
Bedeutsamkeit lässt sich nicht verordnen. Sie ist eigensinnig. Was den einen Menschen innerlich aufrichtet, lässt den nächsten vollkommen kalt.
Älterwerden ist eine Akzeptanzübung
Im Älterwerden begegnen wir Veränderungen, um die wir nicht gebeten haben. Der Körper setzt Grenzen. Beziehungen wandeln sich. Manche Möglichkeiten verschwinden. Und irgendwann lässt sich auch die eigene Endlichkeit nicht mehr mit ein paar geschäftigen Handgriffen beiseiteschieben.
Akzeptanz wird dann zu einer wichtigen Fähigkeit. Allerdings wird sie häufig missverstanden. Akzeptieren heißt nicht, alles gutzuheißen. Es bedeutet auch nicht, aufzugeben oder sich in sein Schicksal zu fügen.
Akzeptanz heißt zunächst nur: Es ist, wie es ist. Oder: Es war, wie es war.
Dieser Satz kann ungeheuer entlastend sein. Denn wer das Unveränderliche nicht mehr unablässig bekämpft, gewinnt Kraft für das, was noch gestaltet werden kann. Das gilt für die eigene Biografie ebenso wie für körperliche Einschränkungen oder versäumte Möglichkeiten.
Vielleicht war nicht jede Entscheidung richtig. Vielleicht haben wir zu lange funktioniert, uns zu häufig angepasst oder einen Traum auf später verschoben. Frieden entsteht jedoch nicht dadurch, dass wir die Vergangenheit nachträglich umschreiben. Er beginnt mit einem weicheren Blick auf den Menschen, der wir damals waren – mit seinen Möglichkeiten, Ängsten und Begrenzungen.
Wer bin ich, wenn der Beruf wegfällt?
Für viele Menschen der Babyboomer Generation war Arbeit weit mehr als Broterwerb. Sie bedeutete Anerkennung, Zugehörigkeit, Tagesstruktur und Identität. Fällt der Beruf weg, entsteht deshalb nicht nur freie Zeit. Es öffnet sich ein Zwischenraum, der befreiend, aber auch verstörend sein kann.
Wer bin ich, wenn meine Visitenkarte nichts mehr über mich erzählt?
Diese Frage lässt sich nicht ein für alle Mal beantworten. Sie begleitet uns durch das Leben. Gerade beim Übergang in die dritte Lebensphase kann es hilfreich sein, die eigene Geschichte noch einmal neu zu lesen: nicht als Aufzählung von Erfolgen und Niederlagen, sondern als Fundus.
Welche Fähigkeiten habe ich entwickelt? Was habe ich durchgestanden? Was ist mir zugewachsen? Welche Eigenschaften helfen mir – und welche stehen mir manchmal im Weg? Was will ich bewahren, und was darf nun leichter werden?
So entsteht nach und nach eine Identität, die nicht mehr allein an einer beruflichen Rolle hängt. Vielleicht beginnt genau dort eine neue Form von Freiheit: Ich muss nicht mehr nur der sein, der ich für andere gewesen bin.
Vier Fragen als Kompass für die dritte Lebensphase
In seinem Buch „Humans are happy – Die Wissenschaft des Wohlbefindens“ stellt Leonard vier scheinbar einfache Fragen vor:
Wer bin ich?
Was brauche ich?
Was will ich?
Was kann ich?
Man kann sie rasch lesen und ebenso rasch wieder vergessen. Spannend werden sie erst, wenn wir ihnen Zeit geben.
Die erste Frage führt in die eigene Biografie und zu den Erfahrungen, die uns geprägt haben. Die zweite richtet den Blick auf unsere Bedürfnisse. Die dritte öffnet den Raum für Wünsche und Zukunftsbilder. Und die vierte erinnert uns an unsere tatsächlichen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Ressourcen.
Dabei verändern sich die Antworten. Was mit 30 wichtig war, muss mit 60 nicht mehr stimmen. Was früher undenkbar erschien, kann plötzlich locken. Wohlbefinden braucht deshalb regelmäßige innere Aktualisierungen. Ein gelegentliches Nachschauen: Passt dieses Leben noch zu mir?
Leonard beschreibt drei Fähigkeiten, die für seelische Gesundheit wichtig sind: sich selbst immer wieder zu aktualisieren, sich regulieren zu können und Bedeutsamkeit im eigenen Tun zu finden. Darin steckt keine komplizierte Glücksformel. Eher eine Einladung, nicht dauerhaft am eigenen Leben vorbeizuleben.
Das Leben als innerer Aufrichtungsprozess
Einer der schönsten Gedanken dieser Episode stammt von der 87-jährigen Professorin Annelie Keil:
„Das Leben ist ein Aufrichtungsprozess, aber nicht im orthopädischen Sinne.“
Dieser Satz dreht unseren gewohnten Blick auf das Alter um. Körperlich werden die Kräfte vielleicht weniger. Ein Rollator wird notwendig, manches geht langsamer oder gar nicht mehr. Doch innere Aufrichtung kann weiterhin geschehen – durch Versöhnung, Reifung, Verbundenheit und einen bewussteren Umgang mit der eigenen Lebensgeschichte.
Das gelingt nicht von selbst. Alt werden macht einen Menschen nicht automatisch weise. Aber es eröffnet die Möglichkeit, schärfer zu unterscheiden: Was gehört wirklich zu mir? Was kann ich loslassen? Was verdient meine verbleibende Zeit?
Vielleicht liegt Wohlbefinden im Alter gerade nicht darin, das frühere Leben möglichst lange festzuhalten. Vielleicht wächst es dort, wo wir das Heute nicht ständig mit dem Gestern verrechnen.
Der Glücksmoment bleibt willkommen. Doch getragen werden wir von etwas anderem: von Beziehungen, in denen wir gemeint sind. Von Aufgaben, die uns bedeutsam erscheinen. Von der Verbindung zu uns selbst. Und von der leisen Gewissheit, dass Entwicklung nicht aufhört, nur weil das Berufsleben endet oder der Körper langsamer wird.
Das Leben richtet uns weiter auf. Manchmal fast unmerklich. Aber es tut es.
Über den Gast
Leonard Gabriel Heygster ist Glücksforscher, Autor, Gründer des HAH Instituts für Wohlbefinden und Gastgeber des Podcasts „HUMANS ARE HAPPY“. In seinem gleichnamigen Buch verbindet er Erkenntnisse aus Psychologie, Neurologie und Soziologie mit persönlichen Erfahrungen und konkreten Fragen zur eigenen Lebensgestaltung.
Links
[Link zum Buch Humans are happy]
Leonard Gabriel Heygster und HUMANS ARE HAPPY

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7