Bertram Kasper

Sichtbarkeit und Gelassenheit – der Versuch eines Ausgleichs

Ich will auf die Bühne. So. Jetzt ist es raus. Ich mag diesen Augenblick kurz vor einer Lesung. Dieses gedämpfte Stimmengewirr im Raum, Stühle rücken über den Boden, irgendwo klappert ein Glas, Menschen begrüßen sich, ich schaue noch mal in mein Buch, obwohl ich längst weiß, was ich lesen möchte. Dann werde ich angekündigt. Mein Name fällt. Ich stehe auf und gehe nach vorne. Für einen Moment schauen viele Menschen nur in eine Richtung. Zu mir. Und ja, das gefällt mir.

Ich freue mich, wenn Menschen meinen Podcast hören. Ich freue mich über Einladungen, über einen gut gefüllten Saal, über Rückmeldungen zu meinem Buch, über eine Mail, in der mir jemand schreibt, dass ein Satz ihn noch Tage später beschäftigt hat. Natürlich schaue ich auch auf Zahlen. Downloads, Reichweite, verkaufte Bücher. Wenn ein Beitrag besonders viel Resonanz bekommt, merke ich das. Und wenn einer ziemlich geräuschlos im digitalen Straßengraben landet, merke ich auch das.

Gleichzeitig gibt es diese andere Sehnsucht in mir: Ruhe. Ein Spaziergang über die Felder, bei dem niemand etwas von mir möchte. Ein Nachmittag ohne Mikrofon, ohne Kamera, ohne Veröffentlichungstermin. Schreiben am Schreibtisch, Kaffee daneben, Blick aus dem Fenster. Menschen treffen, denen völlig egal ist, wie viele Bücher ich verkauft habe und ob irgendein Beitrag gerade gut läuft. Einfach Bertram sein.

Manchmal wundere ich mich selbst darüber, wie kräftig beide Bewegungen in mir sind. Da ist dieser Teil, der sagt: Da geht noch was. Geh raus. Schreib weiter. Misch dich ein. Nutze deine Möglichkeiten. Deine Themen verdienen Öffentlichkeit. Und fast gleichzeitig meldet sich eine zweite Stimme: Jetzt ist aber auch mal gut. Handy weg. Schuhe an. Raus. Lange dachte ich, ich müsste irgendwann entscheiden, welche dieser beiden Seiten eigentlich die richtige ist. Heute glaube ich: Genau das wäre der Fehler.

Zwischen Applaus und Stille

Vielleicht gehört diese Ambivalenz viel stärker zum Älterwerden, als ich zunächst gedacht habe. Wir reden gern über Gelassenheit, über Loslassen, über das Freiwerden von Erwartungen. Das klingt wunderbar, fast wie ein weiter Blick über eine ruhige bis zum Horizont reichende Wasserfläche. 

Doch mal ehrlich: heißt Gelassenheit wirklich, dass mir Erfolg egal werden muss? Muss ein Mensch, der sich mit dem Älterwerden beschäftigt, irgendwann anfangen, seine Wünsche nach Wirkung, Aufmerksamkeit oder Anerkennung diskret zu verstecken?

Ich glaube das inzwischen weniger denn je. Rückzug ist nicht automatisch weise und Sichtbarkeit ist nicht automatisch eitel. Ich kann mich zurückziehen, weil ich innerlich frei geworden bin. Ich kann mich genauso gut zurückziehen, weil ich Angst vor Kritik, Ablehnung oder eigener Größe habe. Und ich kann eine Bühne suchen, weil ich bewundert werden möchte. Ich kann dort allerdings auch stehen, weil ich etwas zu sagen hat. Wie so oft liegen die Dinge enger nebeneinander, als es unsere hübschen moralischen Schubladen gern hätten.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht: Will ich sichtbar sein? Sondern: Wovon lasse ich meinen Wert abhängig werden?

Das ist für mich eine sehr viel unbequemere Frage. Denn Aufmerksamkeit tut gut. Punkt. Ich freue mich, wenn mir nach einer Lesung jemand sagt: „Ihr Buch hat bei mir etwas angestoßen.“ Ich freue mich, wenn Menschen ein Buch signiert haben möchten. Ich freue mich über Applaus. Und wenn irgendwann einmal 300 Menschen in einem Saal sitzen sollten, werde ich kaum nach der Veranstaltung seufzen: Ach, diese ganze Resonanz, wie belastend. Nee. Ich werde mich freuen. Sehr sogar.

Die spannende Stelle kommt für mich erst danach. Was passiert, wenn der Saal das nächste Mal kleiner ist? Wenn eine Podcastfolge weniger gehört wird? Wenn eine Anfrage, mit der ich gerechnet habe, ausbleibt? Wenn irgendein Beitrag kaum Reaktionen bekommt? 

Genau dort merke ich manchmal diesen winzigen inneren Stich. Kaum wahrnehmbar, trotzdem da. Bin ich noch interessant? Werde ich noch gesehen? War das vielleicht nur eine kurze Phase? Solche Gedanken kommen erstaunlich unspektakulär daher. Kein dramatischer Zusammenbruch, eher so ein kleines Kratzen am Selbstwert. Und vermutlich ist es gut, dieses Kratzen zu bemerken.

Anselm Grün und die Frage, wovon wir innerlich leben

Gerade bei Anselm Grün habe ich einen Umgang mit diesem Thema gefunden, der mir gefällt. Vielleicht auch deshalb, weil sein eigenes Leben diesen scheinbaren Widerspruch verkörpert. Da ist ein Benediktinermönch, der über Stille, Gelassenheit und inneres Freiwerden schreibt und gleichzeitig einer der bekanntesten spirituellen Autoren im deutschsprachigen Raum geworden ist. Millionen verkaufte Bücher, Vorträge, Interviews, Öffentlichkeit. Ein Mann also, der sich in ein Kloster zurückziehen könnte und gleichzeitig seit Jahrzehnten vor vielen Menschen spricht.

In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung habe ich bei Anselm Grün gelesen, dass er sich durchaus über seinen Erfolg freut und sich gelegentlich sogar eine kleine Eitelkeit zugesteht. Ich musste schmunzeln, als ich das las. Ausgerechnet ein Mönch räumt der Eitelkeit einen kleinen Stuhl am Tisch ein. Das gefällt mir, denn ich misstraue inzwischen jeder Lebenskunst, die so tut, als könnten wir menschliche Bedürfnisse einfach wegmeditieren.

Natürlich möchten wir anerkannt werden. Natürlich möchten wir gesehen werden. Natürlich freut es uns, wenn Menschen unsere Arbeit mögen. Die Freiheit beginnt vielleicht erst dort, wo diese Anerkennung Zugabe wird und weniger Grundnahrungsmittel ist. Anselm Grün beschreibt an vielen Stellen, wie sehr wir Menschen nach Anerkennung suchen und wie befreiend es sein kann, diese Anerkennung zunehmend auch in uns selbst zu finden. Das bedeutet für mich keineswegs, dass andere Menschen bedeutungslos werden. 

Eher dies: Ich freue mich, wenn du mich siehst, aber ich möchte meinen eigenen Blick auf mich nicht vollständig verlieren, sobald du woanders hinschaust.

Dieser Gedanke beschäftigt mich, denn Sichtbarkeit besitzt etwas Verführerisches. Sie wärmt. Und Wärme möchten wir behalten.

Was geschieht, wenn Bedeutung zur Gewohnheit wird?

Bei dem Psychoanalytiker und Führungsexperten Manfred Kets de Vries habe ich über Menschen gelesen, die lange in mächtigen Positionen gearbeitet haben. Er beschreibt, wie Einfluss, Status und Bedeutung irgendwann Teil der eigenen Identität werden können. Dann geht beim Verlust einer Position weit mehr verloren als ein Büro, ein Titel oder ein Fahrer vor der Tür. Plötzlich gerät auch die Frage ins Wanken: Wer bin ich eigentlich, wenn diese Rolle wegfällt?

Vor diesem Hintergrund hat mich eine Reportage des Journalisten Christian Schweppe in der WELT AM SONNTAG beschäftigt. Er hat ehemalige Spitzenpolitiker wie Annegret Kramp-Karrenbauer und Hubertus Heil beim Übergang aus mächtigen politischen Positionen begleitet. Mich interessierte beim Lesen weniger das politische Geschäft als das Danach. Was geschieht, wenn Menschen jahrelang erlebt haben, dass Räume still werden, wenn sie sprechen? Wenn Kalender voller Termine sind, Telefone klingeln und andere Menschen wissen wollen, was man denkt? Und plötzlich wird es ruhiger.

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht offen darüber, wie verführerisch politische Macht sein kann, weil sie einem Menschen auch persönlich Bedeutung verleiht. Hubertus Heil beschreibt einen anderen Versuch, mit dem Verlust von Macht umzugehen, nämlich stärker aus Dankbarkeit auf die eigene Zeit in Verantwortung zurückzuschauen. Beim Lesen dachte ich irgendwann: Diese Politikererfahrungen sind natürlich eine besondere, extreme Form. Und trotzdem berühren sie eine Frage, die viele Menschen beim Älterwerden kennen.

Wir erleben Bedeutungsverschiebungen. Die berufliche Rolle endet. Ein Amt wird abgegeben. Jüngere Menschen übernehmen Aufgaben, bei denen wir früher gefragt wurden. Ich sitze in einer Runde und merke plötzlich, dass das eigene Wissen zwar noch vorhanden ist, doch nicht mehr automatisch im Mittelpunkt steht. Und dann geschieht etwas ziemlich Freches: Die Welt dreht sich weiter. Ohne mich.

Ich empfinde das manchmal fast als tröstlich. Denn vielleicht liegt darin eine Einladung, die eigene Bedeutung neu zu sortieren und sie anders zu verankern.

Wer bin ich, wenn keiner meinen Namen sagt?

Diese Frage taucht auch bei Anselm Grün immer wieder auf: Wer bin ich jenseits dessen, was ich leiste? Sie klingt schlicht. Sie ist es überhaupt nicht. Denn Leistung gibt unserem Leben Struktur. Arbeit vermittelt Zugehörigkeit. Erfolg liefert Spiegel. Eine berufliche Funktion beantwortet jahrelang eine der ältesten Fragen überhaupt: Wer bist du? Ich bin Lehrer. Ich bin Ärztin. Ich leite dieses Unternehmen. Ich bin für diesen Bereich verantwortlich. Und irgendwann fällt der zweite Satzteil weg. Übrig bleibt: Ich bin.

Punkt.

Das müssen wir erstmal aushalten.

Für mich kommt noch eine besondere Variante hinzu. Mein beruflicher Weg hatte über Jahrzehnte einen stark dienenden Charakter. Die Sache stand im Vordergrund, Menschen, Aufgaben, Verantwortung. 

Heute steht mein Name auf einem Buch. Ich moderiere einen Podcast. Ich werde für Lesungen angekündigt. Ich bin plötzlich nicht nur derjenige, der etwas tut, sondern selber ein Stück weit Teil dessen, was öffentlich sichtbar wird. Das fühlt sich anders an. Und vielleicht erklärt das einen Teil meiner Ambivalenz.

Wer bin ich ohne Buch, Podcast, Lesungen, Presse? Natürlich lautet die Antwort: immer noch Bertram. Nur ist dieses „immer noch Bertram“ leichter geschrieben als gelebt.

Manchmal hilft mir dabei die Natur. Ein Spaziergang durch den Wald besitzt eine herrlich respektlose Qualität. Dem Baum am Wegrand ist es vollkommen wurscht, ob irgendein Beitrag von mir gerade gut läuft. Ein Feld interessiert sich nicht für Downloadzahlen. Der Himmel bewertet keine Bestsellerlisten. Ich bin dort einfach jemand, der geht, atmet, älter wird und vielleicht irgendwann stehenbleibt, weil das Licht zwischen zwei Bäumen gerade besonders schön ist. Für einen Moment gibt es keine Kennzahl. Das tut gut.

Vielleicht versteckt sich hinter Bescheidenheit manchmal Angst

Dann wäre da allerdings die Gegenbewegung. Denn ich kenne auch diese Sätze: Ich brauche den ganzen Rummel nicht. Die Sache ist wichtiger als meine Person. Ich möchte mich nicht in den Vordergrund drängen. Das sind vernünftige Sätze. 

Trotzdem frage ich mich inzwischen genauer, wann sie stimmen. Denn Bescheidenheit kann gelegentlich eine ziemlich elegante Tarnkappe sein.

Bei dem Psychologen Abraham Maslow habe ich über den sogenannten Jona-Komplex gelesen. Maslow beschreibt damit die erstaunliche menschliche Tendenz, nicht nur vor dem Scheitern Angst zu haben, sondern manchmal ebenso vor den eigenen Möglichkeiten, vor der eigenen Größe, vor dem Gedanken: Was wäre eigentlich, wenn es wirklich klappt?

Das scheint zunächst absurd. Wir wollen doch Erfolg. Oder? Vielleicht wollen wir ihn, solange er noch ein schöner Gedanke ist. Denn tatsächlicher Erfolg verändert etwas. Wer sichtbar wird, wird auch angreifbar. Wer mit einem Buch herausgeht, kann erleben, dass Menschen dieses Buch ablehnen. Wer öffentlich spricht, wird kritisiert. Wer etwas wagt, könnte tatsächlich scheitern. Und irgendwann reicht der Satz „Ich hätte ja gekonnt“ nicht mehr. Plötzlich muss ich es versuchen.

Maslows Gedanke hat mich deshalb erwischt. Vielleicht versteckt sich hinter meinem Wunsch nach Rückzug manchmal auch die Angst, größer zu denken. Wer bin ich denn, dass ich glaube, mit meinen Gedanken zum Älterwerden Menschen erreichen zu können? Wer bin ich, dass ich mich auf eine Bühne stelle? Wer bin ich, dass mein Name auf einem Buch stehen darf? Und dann auch noch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Ich kenne diese Fragen. Nur möchte ich ihnen nicht mehr automatisch glauben. Denn die Gegenfrage lautet: Wer bin ich, meine Möglichkeiten vorsorglich kleiner zu machen?

Meine Recherche über Sichtbarkeit, Erfolg und die psychologischen Schutzbewegungen dahinter hat mir noch einmal gezeigt, wie eng Anerkennung, Zugehörigkeit, Selbstwert und Verletzlichkeit miteinander verbunden sind. Gerade kreative Arbeit besitzt eine besondere Fallhöhe, weil ein Buch, ein Podcast oder ein Vortrag etwas Persönliches enthält. Kritik trifft deshalb manchmal nicht bloß das Werk, sondern fühlt sich an, als träfe sie den Menschen dahinter.

Sichtbarkeit macht verletzlich

Der Psychoanalytiker Donald Winnicott hat zwischen einem wahren und einem falschen Selbst unterschieden. Das ist ein komplexes psychologisches Konzept und taugt wenig für schnelle Selbstdiagnosen. Als Denkbild finde ich es allerdings spannend. Winnicott verbindet das wahre Selbst mit Lebendigkeit, Spontaneität und Kreativität. Ein falsches Selbst entwickelt sich stärker aus Anpassung, aus den Erwartungen der Umwelt, aus dem Wunsch, richtig zu funktionieren.

Genau darin sehe ich eine interessante Verbindung zur Öffentlichkeit. Wer öffentlich arbeitet, lernt irgendwann ziemlich genau, was funktioniert. Welche Überschrift Aufmerksamkeit bekommt. Welche Themen Resonanz erzeugen. Welches Foto besser ankommt. Welche persönliche Geschichte Menschen berührt. Das ist erst mal völlig normal. Ich wäre vermutlich ein merkwürdiger Podcaster, wenn mir komplett egal wäre, was meine Hörerinnen und Hörer interessiert.

Doch irgendwann lauert dort eine Falle. Ich beginne, die eigene Wirkung zu beobachten. Dann beginne ich vielleicht, sich selbst beim Wirken zuzusehen. Und irgendwann könnte eine Figur entstehen, von der ich denke: Ah ja, so muss ich also sein. Der Bertram fürs Publikum.

Das macht mich vorsichtig. Ich möchte keine glattpolierte Version meiner selbst werden. Ich möchte mich auf einer Bühne versprechen dürfen. Ich möchte Fragen haben, bei denen ich die Antwort selber noch suche. Ich möchte über Gelassenheit sprechen und trotzdem ungeduldig sein können, über Loslassen schreiben und gleichzeitig Dinge unbedingt erreichen wollen, über Vergänglichkeit nachdenken und mich über öffentliche Aufmerksamkeit freuen. Gerade diese Widersprüche erscheinen mir inzwischen menschlicher als jede perfekt ausbalancierte Autorenfigur.

Vielleicht besteht Authentizität sowieso weniger darin, immer gleich zu sein. Vielleicht bedeutet sie, die eigenen Widersprüche nicht ständig verstecken zu müssen.

Gelassenheit ist für mich keine Bewegungslosigkeit

Anselm Grün formuliert einen Gedanken, der für mich vieles zusammenbringt. Er beschreibt Gelassenheit und zupackendes Engagement als zwei Seiten, die zusammengehören. Das ist für mich fast ein Befreiungssatz. Denn Gelassenheit hatte in meinem Kopf manchmal einen leichten Geruch von Schaukelstuhl. Jetzt mach mal langsam. Du hast doch genug getan. Musst du dich denn noch so reinhängen?

Gerade beim Älterwerden begegnet mir diese Haltung immer wieder. Irgendwann sollen wir  offenbar gelernt haben, weniger zu wollen. Ich frage mich inzwischen: Wieso eigentlich? Vielleicht besteht Altersgelassenheit darin, freier mit dem eigenen Wollen umzugehen.

Ich darf ambitioniert sein, ohne getrieben zu sein. Ich darf auf eine Bühne gehen und gleichzeitig wissen, dass mein Wert dort weder entsteht noch endet. Ich darf mich freuen, wenn mein Buch erfolgreich ist und trotzdem erleben, dass mein Leben an einem stillen Dienstagmorgen genauso wirklich ist. Ich darf etwas erreichen wollen und ich darf aufhören, wenn der Preis dafür irgendwann zu hoch wird.

Genau darin finde ich einen Weg, der mir näher ist als die Vorstellung vom vollständigen Rückzug. Vielleicht ist Gelassenheit weniger das Ende des Wollens als das Ende des Zwangs, dass alles gelingen muss. Genau, da springt mein Herz an.

Mein Vater und die Bühne

Wenn ich über Sichtbarkeit nachdenke, taucht irgendwann auch mein Vater auf. Er wurde ungefähr mit 50 professioneller Märchenerzähler. Auch er stand vor Menschen. Auch er erlebte diesen Moment, wenn ein Raum still wurde und die Aufmerksamkeit sich sammelte.

Heute sehe ich darin etwas, das mich berührt. Ein Märchenerzähler tritt nach vorne, damit eine Geschichte hörbar wird. Er macht sich sichtbar und dient gleichzeitig etwas, das größer ist als er selbst. 

Darin könnte eine weitere eine Spur für mich zu finden sein. Denn ich möchte die Bühne weder verteufeln noch vergöttern. Ich möchte sie einsetzen. Für Themen, von denen ich glaube, dass sie es wert sind, erzählt zu werden. Für die Frage, wie wir älter werden wollen. Für eine andere Sicht auf das Alter. Für Gespräche über Endlichkeit, Freiheit, Beziehung, Aufbruch, Abschied und Sinn.

Natürlich steht dort auch meine Person. Das lässt sich nicht wegmogeln. Doch vielleicht muss Sichtbarkeit gar keine reine Selbstdarstellung sein. Vielleicht gibt es so etwas wie eine dienende Sichtbarkeit. Ich gehe nach vorne, damit etwas hörbar wird. Und danach gehe ich wieder herunter.

Vom Applaus zur Resonanz

Hier scheint genau die Veränderung zu liegen, nach der ich suche. Ich möchte Applaus weiterhin mögen. Doch ich möchte mich stärker für Resonanz interessieren. Applaus ist unmittelbar, laut und schön. Resonanz ist manchmal leiser. Sie kommt zwei Wochen später als Mail. Sie sitzt nach einer Lesung noch auf einem Stuhl und wartet, bis die anderen gegangen sind. Sie sagt vielleicht: „Ich musste nach Ihrem Text meinen Bruder anrufen.“ Oder: „Seit ich Ihren Podcast gehört habe, denke ich anders über meinen Ruhestand.“

Solche Momente sind für mich bedeutsamer als Zahlen. Trotzdem wäre es auch wieder unehrlich, Zahlen völlig belanglos zu nennen. Reichweite bedeutet schließlich, dass Gedanken Menschen erreichen. Die Frage lautet deshalb für mich weniger: Zahlen oder Bedeutsamkeit? Vielleicht geht beides. 

Die wirkliche Gefahr beginnt erst dann, wenn Zahlen anfangen, meinen inneren Wetterbericht zu bestimmen. Gute Reichweite: Sonnenschein. Wenig Reaktionen: Tiefdruckgebiet. Dann hätte ich etwas verloren, das mir beim Älterwerden immer wertvoller wird: meine innere Bewegungsfreiheit.

Anselm Grün scheint für sich einen Weg gefunden zu haben, Öffentlichkeit und inneren Rückzug miteinander zu verbinden. Ich möchte das weder romantisieren noch kopieren. Aber ich finde darin eine Spur, die mich anspricht. Sichtbarkeit und Gelassenheit müssen keine Gegner sein. Gelassenheit heißt für mich immer weniger: Ich brauche keine Bühne. Sie heißt eher: 

Ich brauche die Bühne nicht, um zu wissen, wer ich bin. Und genau deshalb darf ich sie betreten.

Ich möchte weiterhin dieses leichte Kribbeln spüren, wenn ich angekündigt werde. Ich möchte in einen Raum schauen und denken: Schön, dass ihr da seid. Ich möchte Menschen berühren, unterhalten, ins Nachdenken bringen. Ich möchte noch einiges ausprobieren. Schreiben. Lesen. Podcasts machen. Menschen begegnen. Vielleicht auch größere Bühnen betreten, als ich sie heute kenne.

Und danach möchte ich wieder gehen können. Zurück ins normale Leben. Zu Menschen, bei denen ich keinerlei Bühne brauche. Zum Schreibtisch. Auf einen Feldweg. Oder einfach auf mein Sofa.

Vielleicht ist Gelassenheit genau diese Beweglichkeit: hinausgehen können und zurückkommen können. Sichtbar werden und unsichtbar sein. Applaus genießen und Stille aushalten. Sich über Erfolge freuen und sich nicht von ihnen ernähren müssen.

Dorthin möchte ich.

Und auf dem Weg dahin werde ich vermutlich noch einige Bühnen betreten und Ehrenrunden einlegen.