Utopien und Pioniergeist sind gefragt!

Gesellschaftlich und individuell wissen wir schon lange, dass uns der demografische Wandel mit Macht erreicht hat. Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen eine eindeutige Sprache:

„Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung zeigen, dass die Zahl der 65-Jährigen und Älteren seit 1991 von 12 Millionen auf 18 Millionen im Jahr 2019 deutlich gestiegen ist. Da jüngere Geburtsjahrgänge zugleich sinkende Personenzahlen aufweisen, stellen die über 65-Jährigen im Zeitverlauf auch einen immer größeren Anteil an der Gesamtbevölkerung. Dieser stieg von 15 % im Jahr 1991 auf 22 % im Jahr 2019.“1

Statistisches Bundesamt, 12.03.2021

Dies zieht für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eine nachhaltige Veränderung nach sich. Die Themen sind bekannt: Rentensicherheit, Pflegebetreuung, Alterssicherung, Gesundheitssystem, Arbeits- und Wohnungsmarkt, Lebensformen im Alter.2

Es gibt nicht die jungen Alten

Besonders herausfordernd ist es, dass alle namhaften Alternsforscher*innen von einer ausgeprägt heterogenen Gruppe sprechen. Es gibt also nicht ‚die Alten‘, vielmehr existieren vielfältige Lebens- und Wohnformen mit unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen (Bildung, Einkommen, Gesundheit, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern). Ebenso spiegeln sich die spätestens seit den achtziger Jahren einsetzenden gesellschaftlichen Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen in der Vielfalt von Lebensstilen der Menschen in ihrer dritten Lebensphase wider.

Es gibt keine Modelle des Älterwerdens für die Babyboomer oder die jungen Alten

Und es gibt wenig bis gar keine Modelle des Älterwerdens für die Generation der Babyboomer, obgleich wir heute im Durchschnitt fast 10 bis 12 Jahre länger leben als unsere Eltern und dies mit noch steigender Tendenz. Wer 1956 geboren wurde, hatte als Frau bei der Geburt eine Lebenserwartung von 85 Jahren und als Mann von 81 Jahren.3 Oder, mit einer etwas  anderen Blickrichtung, hat ein heute 65-jähriger Mann in Deutschland noch durchschnittlich 16 Jahre vor sich und eine 65-jährige Frau  durchschnittlich noch fast 20 Lebensjahre. Mit diesen Entwicklungen steigt ebenso die Anzahl der Hochbetagten (Personen über 85 Jahren). Seit 1991 verzeichnen wir einen Anstieg um 50 Prozent auf 2,4 Millionen Menschen.4

Und wenn Sie sich die Frage stellen: „Wie nehme ich heute eine 65-jährige Frau im Vergleich zu meiner Mutter im gleichen Alter wahr?“ Dann lässt vermutlich nicht nur der veränderte Habitus, die heute 65-jährige Frau deutlich jünger erscheinen. Tatsächlich entspricht auch der Gesundheitszustand einer heute 65-jährigen Person etwa dem einer 55-Jährigen im Jahr 1970.5

Gesundheit, Selbstverantwortung, Proaktivität, Generativität, soziale Beziehungen und Autonomie sind zentrale Themen der Alternsforschung, weil sie den Prozess des Älterwerdens bestimmen. Ausgehend davon haben die Babyboomer erstmals die Chance, echte Gestalter*innen ihrer dritten Lebensphase zu werden, jedoch, ohne dass es dafür bereits Vorbilder gibt.

Damit sind die zwischen 1943 und 1966 Geborenen gewissermaßen Pionier*innen des eigenen, länger anhaltenden Älterwerden – Prozesses. Prof. Hans Werner Wahl bestätigte kürzlich im Podcast „Gelassen älter werden“ das Wechselspiel zwischen den darin liegenden Möglichkeiten und den damit verbundenen Ambivalenzen, die naturgemäß durch die körperlichen und kognitiven Veränderungen Bedeutung erlangen. 

Die jungen Alten mit vielfältigen Lebensstilen und Bedürfnissen

Ambivalenzen werden jedoch auch deshalb wirksam, weil unsere Gesellschaft immer noch  von abwertenden Altersstereotypen durchzogen ist, auch wenn sich in manchen Lebensstilen der jungen Alten zunehmend eine Resilienz  dagegen einstellt. So spricht Matthias Horx von den sogenannten „Free Agern“, „Golden Mentoren“ und den „Forever Youngstern“. Fast 10 Millionen Menschen stehen für diese drei Lebensmodelle. Sie repräsentieren die Megatrends „Silver Society“, „Wissenskultur“ und „Gesundheit“.6

Damit einher geht die Vision einer Kultur des Pro Aging in unserer Gesellschaft. Und so schreibt Matthias Horx folgerichtig: „Die Pro- Aging-Gesellschaft lebt von der Aufwertung und Wiederentdeckung der Altersweisheit, von der Anzapfung des krisenerprobten, mit existenzieller Erfahrung angereicherten Lebens- und Weltwissens der Alten. Auch die Free-Ager von morgen sind keine ‚Alten‘, sondern eine Innovationsquelle zweiter Ordnung: Befreit von der traditionellen Alters-Verkrustung und von der aktuellen Jugend-Fixierung, können sie neue Wege in die Zukunft weisen, bei denen der Reichtum der Vergangenheit nicht ausgeklammert, sondern konstruktiv remodelliert wird.“7

Die jungen Alten wollen sich beteiligen

Und genau darum geht es: Die „jungen Alten“ wollen sich proaktiv beteiligen und beteiligt werden, sie wollen Verantwortung übernehmen, sie wollen neue Lebens- und Wohnkonzepte mit entwickeln. Damit verbunden ist der Wunsch nach einer sinnvollen Aufgabe, jedoch auch die Bereitschaft Sozialräume mitzugestalten. 

So reichten z. B. die rund 30 Stühle im Raum nicht aus, so groß war das Interesse an einer Veranstaltungsreihe zu generationsübergreifenden Wohnprojekten bei der Volkshochschule in Marburg kurz vor der Pandemie. Und wer war vorrangig anwesend: die Generation der Babyboomer! 

Allen drei von Horx beschrieben Lebensstilen ist gemeinsam, dass sie die Familie und Verwandte als wichtigen Bezugspunkt sehen und den Austausch unter Gleichgesinnten schätzen. Dies sollte bei Wohnprojekten in Form von Gemeinschaftsräumen oder auch Besucherappartements Entsprechung finden. So können die Kinder mit den Enkeln zu Besuch kommen und dem Wunsch nach Kommunikation und Begegnung wird Rechnung getragen.

Drei Lebensstile der Babyboomer

Die Free Ager sind besonders der Natur verbunden und ihnen kommen gemeinschaftliche Grünanlagen mit Gartenmöglichkeiten entgegen. Zudem sind sie besonders regional ausgerichtet und bevorzugen Produkte aus der näheren Umgebung. Sie wünschen sich ein gesundes Umfeld und sind tendenziell umweltbewusst. Viele von ihnen sind der Idee gemeinschaftlicher Wohn- und Lebensprojekte offen gegenüber eingestellt. 

Die Golden Mentoren wünschen sich im Besonderen Kultur, Kunst und intellektuellen Input. Ihnen gefällt deshalb eher eine gewisse Urbanität mit erreichbaren Angeboten von Volkshochschulen bis hin zu Universitäten. Berufliche Aktivitäten bis weit über 70 sind keine Seltenheit. Sie beteiligen sich besonders gerne an Veranstaltungen, bei denen sie ihren Mentoren Bedürfnissen nachgehen können. Gleichzeitig lieben sie ihre Souveränität und Eigenständigkeit. Daneben bevorzugen sie auch häufiges und längeres Reisen, was jedoch nicht unbedingt bedeutet, dass sie kleinere Wohnungen präferieren, zumal sie mehrheitlich über ausreichende finanzielle Ressourcen verfügen.

Die Forever Youngster stellen ihre eigene Gesundheit in den Mittelpunkt. Somit ist ihnen ihre Ernährung und ihr seelisches Wohlbefinden extrem wichtig. Dabei sind sie regional und bioorientiert. Sie negieren fast ihr Älterwerden und halten sich gerne unter ihresgleichen auf. Entsprechend orientieren sie sich häufig an ‚modernen‘, zeitgemäßen Wohnstilen und -formen und umgeben sich gerne auch mit jüngeren Menschen in ihrem direkten Wohnumfeld. In dieser Podcast Episode stelle ich die drei Lebensstile genauer vor. Hier der Link!

Generationen kompatibel statt altengerecht – die jungen Alten sind anspruchsvoll

Ein guter Teil der eingereichten und ausgezeichneten Projekte des „2. Hessischen Preises für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau“ zeigt auf, dass es einer „Utopienwelle der Pionier*innen“ und der Unterstützung ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure bedarf, um vielfältige Wohnformen und Wohnkonzepte für die Zukunft auf den Weg zu bringen.

Christiane Varga bringt es auf den Punkt: „In Zukunft geht es um mehr als um ‚altersgerechtes‘ Wohnen. Das Credo lautet: generationenkompatibel statt altengerecht. Darauf basiert eine Entwicklung, die sich immer stärker abzeichnet und den künftigen Freeager-Generationen modernes, modulares und gemeinschaftliches Wohnen ermöglicht: Das Prinzip des „Co – Housing“ widerlegt das Klischee des alleinlebenden, hilfsbedürftigen Seniors, der einsam in seiner vollautomatisierten Umgebung lebt. Vergleicht man die Alleinlebenden-Quoten der über 65-Jährigen über die Jahre hinweg, leben heute nur noch ein Drittel von ihnen allein, vor 20 Jahren waren es noch 41 Prozent.8

Neben den bekannten Metaebenen des „gut und gelassen Älterwerdens“ gibt es im Kontext der dritten Lebensphase ganz individuelle und persönliche Bedürfnisse und Motivationen, die nach Meinung der Alternsforscher*innen beim Älterwerden in den Fokus rücken. Dazu gehört u.a. eine reflektierende Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensentwürfen verbunden mit der Antizipation subjektiver Zukunftsträume. Schlichte, an sich selbst gerichtete Fragen, wie die folgenden, können dabei als Türöffner für echte Ermöglichungsräume wirken:

Wie gestalte ich meine Jahre in der dritten Lebensphase? Was will ich gerne noch erleben? Wie will ich meine Zukunft proaktiv beeinflussen?  Welche Fähigkeiten und Ressourcen habe ich in meinem Leben entwickelt? In welchem Wohnumfeld will ich leben? Wie gestalte ich meine Wohnung mit fortschreitendem Altern?

Literatur:

Die Babyboomer gehen in Rente, Körber Stiftung, 2018

Die Lebensstile 2020, Zukunftsinstitut, 2020

Die neue Psychologie des Alterns, Hans-Werner Wahl, 2017

Pro-Aging – Die Alten machen uns jung – Zukunftsinstitut, 2017

Wandel des dritten Lebensalters, Francois Höpflinger, 2019

Wohnen und Leben in der Silver Society geht weit über barrierefreie Konzepte hinaus: Erfolgreiche Wohnmodelle müssen die Bedürfnisse von Alt und Jung integrieren, Christiane Varga, 2016 

Fußnoten:

1 Statistisches Bundesamt, 12.03.2021

2 Die Babyboomer gehen in Rente, Körber Stiftung, 2018

3 Sterbetafel Statistisches Bundesamt 2019

4 Statistisches Bundesamt, 12.03.2021

5 Die Babyboomer gehen in Rente, Körber Stiftung, 2018

6 Zukunftsinstitut, Lebensstile 2020, 2020

7 Aus Pro-Aging – Die Alten machen uns jung – Zukunftsinstitut

8 Wohnen und Leben in der Silver Society geht weit über barrierefreie Konzepte hinaus, Christiane Varga, 2016