Inhalt
Die Einladung – für einen Neuanfang im Alter
Manchmal stehen wir an einer Weggabelung und wissen erst im Rückblick, wie weit wir eigentlich schon gegangen ist.
In meinem Buch „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ taucht diese Bank gleich zu Beginn auf. Eine Bank an einer Weggabelung. Ein Ort zum Sitzenbleiben, zum Nachdenken, vielleicht auch zum Nachspüren dessen, wo wir noch auf der Suche nach Antworten sind. Ein Ort, an dem der Blick zurückgehen darf, bevor er sich wieder nach vorne richtet.
Als diese beiden Fotos entstanden sind, musste ich genau daran denken. Da steht dieser alte Sessel mitten in der Landschaft, etwas verloren und gleichzeitig so selbstverständlich, als hätte er immer schon dort gestanden. Darauf mein Buch. Ein paar Schritte entfernt stehe ich. Auf dem ersten Bild schaue ich zurück. Auf dem zweiten hinaus in die Weite.
Zwei Bilder, die für mich inzwischen viel mehr erzählen als eine Fotosession für ein Buch.
Meine Herzspur
Im April ist „Die größte Reise deines Lebens“ erschienen. Ich weiß noch ziemlich genau, wie sich dieser Moment angefühlt hat. Nach all den Monaten des Schreibens, Verwerfens, Zweifelns, Wiederaufnehmens, nach all den Gesprächen und den sehr persönlichen Erfahrungen, aus denen dieses Buch entstanden ist, war es plötzlich da.
Gedruckt, gebunden, mit einem Umschlag, meinem Namen darauf und mit all den Fragen darin, denen ich selbst nicht mehr ausweichen wollte. Fragen nach Endlichkeit und Freiheit, nach Angst, Schmerz, Leere, Beziehungen, Übergängen und danach, wie wir eigentlich älter werden wollen, wenn wir spüren, dass die vorgefertigten Bilder immer weniger passend werden. Wenn wir uns dann auf den Weg machen, für uns selbst eine neues, ein anderes tragendes Narrativ zu entwickeln. Welch ein schöner Prozess.
Und dann kam der Juli. Drei Monate nach dem Erscheinen bekam ich die Nachricht, dass mein Buch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste steht. Ich habe diesen Satz mehrfach gelesen. Und ich glaube, ich musste erst lernen, ihn mehr und mehr zu bewohnen: Ich habe einen SPIEGEL-Bestseller geschrieben.
Mein Verleger, Ulrich Ehrlenspiel sagte mir, dass es nur 1,48 Prozent aller Bücher auf die Liste schaffen.

Mich feiern dürfen
Das klingt für mich noch immer größer, als es sich in meinem Inneren manchmal anfühlt. Und gleichzeitig habe ich diesen Moment richtig gefeiert. Es nicht gleich abtun mit „war halt Glück“. Ich wollte mich bewusst umdrehen. Genau wie auf diesem Foto. Noch einmal hinschauen. Mir selbst zugestehen: Das hast du gewollt. Dafür bist du losgegangen. Du hast etwas von dir hineingelegt, das verletzlich war, manchmal kantig, manchmal emotional, manchmal widerstreitend, manchmal schwer in Worte zu fassen. Und es hat andere Menschen erreicht. Wie wunderbar.
Vielleicht ist das sogar eine kleine Alterslektion für mich. Wir können erstaunlich gut darin werden, das Gelungene schnell wieder zu relativieren. Andere sind erfolgreicher. Andere verkaufen mehr. Das nächste Projekt wartet doch schon. Doch wieso eigentlich? Wieso nicht für einen Augenblick auf der eigenen Lebensbank sitzen bleiben und würdigen, was geworden ist?
Weniger aus Selbstgefällig, sondern aus Dankbarkeit. Vielleicht sogar aus einer Form von Selbstfreundschaft. Ein Satz „mit sich selbst befreudet sein“, der in dem letzten Jahr mehr und mehr Bedeutung für mich gewonnen. Selbst die Frankfurter Rundschau titelte ein Interview, dass ich mit @Robin Schmidt führen durfte, exakt so.
Deshalb war die Fotosession für mich weit mehr als die Produktion neuer Bilder. Sie war ein Innehalten mit Kamera. Ein Sichtbarmachen dieses Weges. Da stehen die Bücher auf diesem alten Sessel, und ich schaue zu ihnen zurück, voller Freude und mit einem Stolz, den ich zum Ausdruck kommen lassen darf. Diese Etappe gehört zu meinem Leben. Ich darf sie ansehen. Ich darf sie feiern. Ich darf sie behalten.
Innehalten als Voraussetzung für einen Neuanfang im Alter
Und doch erzählt das zweite Bild bereits von etwas anderem.
Gerade bin ich in Dänemark im Urlaub. Vielleicht brauche ich diese Entfernung sogar mehr, als ich vorher gedacht habe. Andere Luft, anderes Licht, das Meer, der Himmel, die Weite und vor allem ein Stück Abstand von den vergangenen Monaten, in denen das Buch, die Lesungen, Gespräche und die vielen Reaktionen sehr viel Raum eingenommen haben.
Ich merke, wie gut mir diese räumliche Distanz tut, weil sie langsam auch eine innere Distanz entstehen lässt. Weniger im Sinne von Weggehen. Denn mein Buch wird natürlich weiter zu mir gehören. Ich werde Lesungen machen, darüber sprechen, Menschen begegnen, die mir erzählen, was einzelne Passagen in ihnen ausgelöst haben. „Die größte Reise deines Lebens“ wird ein Teil meiner Herzspur bleiben.
Doch vielleicht braucht jeder wirkliche Übergang einen kleinen Zwischenraum, eine Landschaft zwischen dem Gewesenen und dem, was noch keinen Namen hat. Dänemark fühlt sich für mich gerade ein wenig so an. Als könnte ich hier das Bisherige noch einmal ansehen, ohne schon wissen zu müssen, wie das Kommende genau aussehen wird.
Denn da ist noch etwas. Oder besser: Da ist noch einiges beim Neuanfang im Alter
In meinem Brief an mein 88-jähriges Ich wünsche ich mir, dass ich eines Tages mit meinen Gedichten hinausgegangen bin, vielleicht als ältester Poetry-Slammer Deutschlands. Dieser Satz ist damals vermutlich mit einem kleinen Augenzwinkern entstanden, doch inzwischen frage ich mich, ob er nicht viel ernster gemeint ist, als ich dachte. Wieso sollte wir mit 64 nicht noch einmal auf eine Bühne gehen und etwas tun, bei dem man sich ein bisschen lächerlich machen könnte, bei dem das Herz schneller schlägt und bei dem man am Ende vielleicht denkt: Gut, dass du dich getraut hast?
Vielleicht gehört genau das zu meinem Bild vom Älterwerden: nicht nur Bewährtes fortzuführen, sondern noch einmal Anfänger zu werden. Noch einmal unsicher zu sein. Noch einmal etwas zu tun, bei dem das Ergebnis eben nicht feststeht.
Wieder ein Neuanfang im Alter
Und dann gibt es diesen anderen, wesentlich größeren Traum: Ich möchte einen Roman schreiben. Schon beim Schreiben dieses Satzes spüre ich Respekt. Vielleicht sogar ein kleines inneres Zurückzucken. Denn ein Roman ist für mich eine andere Welt. Ich kann nicht einfach meine Gedanken sortieren, Erfahrungen reflektieren und daraus einen Gedankenbogen bauen.
Da müssen Figuren irgendwann atmen. Sie brauchen ihre eigenen Widersprüche, ihre Eigenwilligkeit, vielleicht sogar die Unverschämtheit, sich nicht daran zu halten, was ich mit ihnen vorhatte. Eine Geschichte muss tragen. Dialoge müssen leben. Leerstellen müssen ausgehalten werden. Ich darf nicht alles erklären, was ich verstanden zu haben glaube. Und gerade darin liegt für mich der Reiz.
Ich habe in den vergangenen Jahren einige Schreibseminare besucht, unter anderem bei Bodo Kirchhoff am Gardasee. Alles Erfahrungen, die meine Freude an Sprache und mein Zutrauen zum Schreiben geprägt haben. Und trotzdem merke ich, dass ich mich bei diesem nächsten Schritt nicht allein auf das verlassen möchte, was ich bisher gelernt habe.
Da ist so eine Ahnung in mir, dass ich mir professionelle Begleitung holen werde. Dass ich mit Romanautorinnen und Romanautoren sprechen möchte, die wissen, was es bedeutet, eine Geschichte über zweihundert und mehr Seiten lebendig zu halten. Menschen, die mir nicht sagen, wie mein Roman aussehen soll, sondern die die richtigen Fragen stellen, wenn ich mich verirre. Vielleicht brauche ich genau das: jemanden, der eine Taschenlampe hält, während ich selbst in einen Raum gehe, den ich noch nicht kenne.
Und damit bin ich wieder bei diesem zweiten Foto. Derselbe Sessel. Dieselben Bücher. Derselbe Mann. Und doch ist etwas anders. Mein Blick geht hinaus ins Land. Hinter meinem Rücken liegt etwas, das gelungen ist. Vor mir liegt etwas, bei dem unklar ist, ob es gelingen wird. Und genau darin steckt für mich gerade eine unbändige Lebendigkeit.
Vielleicht wird manches in diesem Roman mit meinem eigenen Leben zu tun haben. Vielleicht sehr viel weniger, als ich heute vermute. Vielleicht werde ich unterwegs feststellen, dass die Geschichte eine vollkommen andere Richtung nimmt. Ich weiß es nicht. Und dieses Nichtwissen fühlt sich erstaunlich gut an. Es ist keine Unruhe des Getriebenseins, eher eine Aufbruchs-Unruhe, dieses leichte Kribbeln, das entsteht, wenn ich an einer Tür stehe und noch nicht sehen kann, was dahinterliegt.
Neuanfang im Alter – mit 64 möchte ich noch viele dieser Türen erkunden, sie aufstoßen und wagen einzutreten.
Vielleicht ist das überhaupt eine der Erfahrungen, die mich durch die vergangenen Jahre trägt: Älterwerden bedeutet natürlich auch, sich von etwas zu verabschieden, doch das schließt nicht aus, sich noch einmal etwas vorzunehmen. Noch einmal neugierig zu werden. Noch einmal zu staunen. Noch einmal zu riskieren, dass etwas nicht gelingt. Noch einmal die Hand auf eine Türklinke zu legen, obwohl man nicht weiß, welcher Raum sich dahinter öffnet. Meine Zukunft soll nicht nur aus der Fortsetzung dessen bestehen, was bereits gut funktioniert. Sie darf und soll mich immer wieder überraschen.
Deshalb gehören diese beiden Bilder für mich inzwischen untrennbar zusammen. Auf dem einen schaue ich zurück auf etwas, das einmal nur eine Idee war und schließlich zu einem Buch wurde. Auf dem anderen schaue ich nach vorne, dorthin, wo noch kein fertiges Manuskript liegt, keine Bestsellerliste wartet, auch keine3 eine Gewissheit, dass aus all den ersten Sätzen irgendwann wirklich ein Roman werden wird.
Nur eine Ahnung. Eine Sehnsucht. Eine neue Herzspur. Ein Neuanfang
Vielleicht ist das eine der schönsten Freiheiten des Älterwerdens: Ich darf das würdigen, was hinter mir liegt, ohne dort zu bleiben. Und ich darf mich nach vorne drehen, ohne das Vergangene dafür zurückzulassen.
Das Würdigen und das Wagen. Das Angekommensein und das Aufbrechen. Erinnerung und Sehnsucht. Vielleicht gehören sie viel enger zusammen, als wir alle denken.
Ich stelle mir vor, wie ich noch einen Moment auf dieser Bank an der Weggabelung sitze. Mein Buch liegt neben mir. Ich streiche vielleicht einmal über den Umschlag, denke an all die Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, und dann stehe ich irgendwann auf.
Gerade weil es für Jetzt genug ist. Weil ich es würdigen kann.
Und weil irgendwo da draußen vielleicht schon die nächste Geschichte auf mich wartet.
Meine Klangspur für dich
Am 7. April 2026, genau am Erscheinungstag meines Buches, ist eine ganz besondere Folge von „Gelassen älter werden“ erschienen: „Wenn das Leben plötzlich kostbar wird“. Darin hat @Uursula Kollritsch mit mir über mein Buch gesprochen. Wie es entstanden ist, darüber, wieso die Endlichkeit den Blick auf das Leben verändern kann, über die Erfahrung mit meinem Vater, über Freiheit, Beziehungen und darüber, weshalb „Die größte Reise deines Lebens“ für mich nie ein klassischer Ratgeber sein sollte, sondern eine Einladung, die eigene Herzspur und den eigenen Resonanzraum zu entdecken.
Wenn du diesen Anfang meiner Buchreise noch einmal hören möchtest oder noch nicht gehört hast, findest du die Folge hier:
🎧 Wenn das Leben plötzlich kostbar wird – die Podcastfolge zum Erscheinungstag
Vielleicht ist es gerade jetzt, wo mein Blick langsam weiterwandert, schön, noch einmal an diesen Anfang zurückzukehren.
Dein Resonanzraum – und wie ist es bei dir, mit deinem Neuanfang im Alter
Gibt es etwas in deinem Leben, zu dem du dich noch einmal bewusst umdrehen möchtest, um zu würdigen, was du geschafft, gewagt oder durchgestanden hast?
Und wenn du dich danach wieder nach vorne drehst:
Was wartet dort auf dich? Was möchtest du noch beginnen, obwohl du nicht weißt, ob es gelingt?
Vielleicht ist es etwas Großes. Vielleicht etwas, von dem niemand außer dir wissen muss. Vielleicht ein lang gehegter Traum, der sich immer wieder meldet und den du bisher mit einem „irgendwann“ vertröstet hast.
Ich glaube inzwischen, dass wir manche Träume beim Älterwerden, besser wahrnehmen können, sie uns leichter zugestehen, sie leben wollen.

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7