Bertram Kasper

Frieden ohne Vergebung: Antje Schomaker über Kontaktabbruch, Selbstliebe und innere Freiheit

Müssen wir einem Menschen verzeihen, damit wir endlich unseren Frieden finden?

Dieser Gedanke hält sich hartnäckig. In Ratgebern, Therapieräumen und Familiengesprächen begegnet uns immer wieder die Vorstellung, Vergebung sei der letzte und entscheidende Schritt auf dem Weg zur Heilung. Erst vergeben, dann loslassen. Erst versöhnen, dann frei sein.

Doch was geschieht, wenn die Verletzung bleibt? Wenn keine Entschuldigung kommt? Wenn ein Vater nicht bereit oder nicht in der Lage ist, Verantwortung für das zu übernehmen, was geschehen ist?

Die Sängerin und Songwriterin Antje Schomaker gibt darauf in unserem Gespräch eine bemerkenswert klare Antwort:

„Ich kann ein ganz tolles, friedliches Leben führen, ohne meinem Vater alles zu vergeben.“, Antje Schomaker

Ein Satz, der etwas öffnet. Vielleicht sogar eine Tür, vor der viele Menschen seit Jahren stehen. Frieden ohne Vergebung, eine wunderbare Vorstellung.

Die Sehnsucht nach der Entschuldigung

Kinder hören nicht einfach auf, sich nach der Liebe ihrer Eltern zu sehnen. Auch dann nicht, wenn sie längst erwachsen sind. Manchmal bleibt diese Hoffnung bis weit in die zweite Lebenshälfte hinein lebendig: Vielleicht erkennt mein Vater irgendwann, was er mir angetan hat. Vielleicht versteht meine Mutter eines Tages, was mir gefehlt hat. Vielleicht kommt doch noch dieser eine Satz, der alles leichter macht.

Es tut mir leid.

Antje erzählt offen davon, wie viel Kraft sie in die Beziehung zu ihrem Vater gesteckt hat. Wie sehr sie sich angestrengt hat, geliebt und gesehen zu werden. Und wie schmerzhaft die Erkenntnis war, dass all dieses Bemühen nicht zu der ersehnten Nähe führen würde.

Das ist eine bittere Wahrheit. Und zugleich kann in ihr etwas Befreiendes liegen: Ich muss mein Leben nicht länger davon abhängig machen, ob ein anderer Mensch sich verändert.

Frieden beginnt dann nicht mit der Entschuldigung des anderen. Er beginnt mit der Entscheidung, die eigene Kraft zurückzuholen.

Kontaktabbruch ist selten eine spontane Entscheidung

In ihrem Song „30 Euro“ spricht Antje über den Kontaktabbruch zu ihrem Vater. Solche Entscheidungen werden von außen schnell beurteilt. Eltern bleiben schließlich Eltern, heißt es dann. Familie könne man sich nicht aussuchen. Blut sei dicker als Wasser.

Doch diese Sätze erzählen wenig über das, was ein Mensch zuvor vielleicht jahrelang ausgehalten hat.

Ein Kontaktabbruch ist häufig kein jäher Schnitt aus einer Laune heraus. Er ist das Ende eines langen inneren Ringens. Davor liegen Gespräche, neue Anläufe, Zweifel, Schuldgefühle, Hoffnung und immer wieder Enttäuschung. Wer schließlich eine Grenze zieht, entscheidet sich nicht unbedingt gegen einen Menschen. Manchmal entscheidet er sich zum ersten Mal wirklich für sich selbst.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Grenzen sind keine Strafe. Sie sind ein Schutzraum. Und sie können notwendig werden, wenn eine Beziehung dauerhaft verletzt, beschämt oder die eigene Lebenskraft aufzehrt.

Verstehen bedeutet nicht verzeihen

Antje versucht, die Geschichte ihres Vaters zu verstehen. Sie sieht, dass auch er geprägt wurde, dass Menschen ihre Verletzungen weitergeben und häufig nur die Formen von Nähe kennen, die sie selbst erfahren haben.

Dieses Verstehen macht die eigene Geschichte größer. Es kann Zusammenhänge sichtbar machen und den Hass leiser werden lassen. Doch Verstehen verpflichtet nicht zur Vergebung.

Wir dürfen die Lebensgeschichte eines Menschen sehen und trotzdem sagen: Was geschehen ist, war für mich nicht in Ordnung.

Wir dürfen Mitgefühl haben und dennoch Abstand halten.

Wir dürfen verstehen, ohne zu entschuldigen.

Gerade Menschen aus der Babyboomer-Generation haben häufig gelernt, familiäre Spannungen auszuhalten. Man redete nicht über alles. Man riss sich zusammen, machte weiter und trug manches schweigend mit sich herum. Nach außen sollte die die Familie funktionieren – was es den Einzelnen innerlich kostete, blieb oft Nebensache.

Heute können wir anders auf diese alten Loyalitäten schauen. Nicht, um pauschal mit der Vergangenheit abzurechnen. Wohl aber, um Verantwortung neu zu sortieren.

Wenn der Körper nicht länger schweigt

Eine weitere Spur unseres Gesprächs führt in Antjes Leben als Musikerin. Sie erzählt von Sexismus, Grenzüberschreitungen und Erfahrungen in der Musikbranche, die sie lange zu bewältigen versuchte. Irgendwann reagierte ihr Körper mit Panikattacken.

Der Kopf kann vieles erklären, beschwichtigen und schönreden. Der Körper ist da weniger diplomatisch.

Er meldet sich, wenn eine Grenze dauerhaft überschritten wird. Mit Unruhe, Schlaflosigkeit, Schmerzen, Erschöpfung oder Angst. Solche Reaktionen sind kein persönliches Versagen. Sie können ein Hinweis darauf sein, dass wir zu lange gegen uns selbst gelebt haben.

Antje beschreibt diese Erkenntnis sinngemäß so: Ihren Kopf konnte sie belügen, ihren Körper nicht.

Darin liegt eine wichtige Einladung – gerade für die zweite Lebenshälfte. Der Körper ist nicht bloß eine Hülle, die möglichst reibungslos funktionieren soll. Er ist ein Erfahrungsarchiv. Er erinnert sich an das, was wir übergehen. Und manchmal zwingt er uns auf recht ruppige Weise dazu, endlich hinzuhören.

Mit sich selbst befreundet sein

„Dann habe ich gesagt: Jetzt schaue ich, dass ich mich liebe, und stecke meine Energie dort hinein.“

Vielleicht ist das der eigentliche Wendepunkt in Antjes Geschichte. Die Energie fließt nicht länger ausschließlich in die Frage: Wie kann ich erreichen, dass mein Vater mich endlich liebt?

Stattdessen entsteht eine neue Frage: Wie kann ich heute gut für mich sorgen?

Selbstliebe klingt mitunter wie ein hübscher Kalenderspruch. In Wahrheit ist sie Handarbeit. Sie zeigt sich darin, eigene Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, Nein zu sagen, Hilfe anzunehmen und Beziehungen zu wählen, in denen man nicht ständig um Sicherheit und Zuwendung kämpfen muss.

Man ist nicht über Nacht mit sich selbst befreundet. Auch diese Beziehung braucht Zeit. Wir müssen uns kennenlernen, unsere alten Muster verstehen und herausfinden, was uns wirklich guttut.

Therapie kann dabei ein wichtiger Weg sein. Antje spricht offen darüber, wie sie ihre Geschichte aufgearbeitet und gelernt hat, vertraute Beziehungsmuster zu durchbrechen. Dadurch wurde eine andere Form von Liebe möglich: ruhiger, sicherer, weniger von Angst und Kampf bestimmt.

Wer Aufregung gewohnt ist, verwechselt Frieden anfangs vielleicht mit Langeweile. Auch das gehört zur Neuorientierung der Seele.

Abschließen ohne Schlussstrich

Abschließen bedeutet nicht, dass die Vergangenheit plötzlich bedeutungslos wird. Es heißt auch nicht, dass wir nie wieder traurig, wütend oder sehnsüchtig werden dürfen.

Innerer Frieden ist kein endgültig aufgeräumtes Zimmer. Manches liegt später wieder mitten im Weg.

Doch wir können lernen, anders damit umzugehen. Die Vergangenheit darf Teil der eigenen Geschichte bleiben, ohne weiterhin Regie über das ganze Leben zu führen. Das ist vielleicht eine der reifsten Formen von Freiheit.

Wir müssen nicht auf die Einsicht eines anderen Menschen warten. Wir brauchen auch keine feierliche Versöhnungsszene, damit unser Leben weitergehen darf.

Wir dürfen selbst entscheiden, wann das vergebliche Warten endet.

Die Erlaubnis, das eigene Leben zu wählen

Das Gespräch mit Antje Schomaker handelt von einer schwierigen Vater Tochter Beziehung. Doch es reicht weit darüber hinaus. Es geht um die Frage, wem unser Leben eigentlich gehört.

Dürfen wir uns von Erwartungen lösen, die uns krank machen? Dürfen wir eine Beziehung beenden, obwohl andere das nicht verstehen? Dürfen wir unseren Frieden finden, ohne alles vergeben zu haben?

Ja, wir dürfen.

Vielleicht beginnt Gelassenheit genau dort: nicht im Vergessen, nicht im Schönreden und auch nicht in einer erzwungenen Vergebung. Sondern in der freundlichen und zugleich entschlossenen Hinwendung zum eigenen Leben.

Die Episode ist eine Einladung, die eigene Geschichte anzuschauen, ohne sich von ihr einsperren zu lassen. Und vielleicht den Satz auszusprechen, der so lange keinen Platz hatte:

Ich darf wichtig sein. Ich darf mich schützen. Ich darf weiterleben.

Auch ohne die Entschuldigung, auf die ich so lange gewartet habe.

Links

Antje Schomaker [LINK ZUR WEBSITE]
Song 30 Euro [LINK ZUM SONG]
Love of My Life [LINK ZUM SONG]

Die größte Reise deines Lebens [LINK ZUM BUCH]