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Natürlich altern statt Longevity Hype – was Dietrich Grönemeyer über ein gutes Älterwerden sagt
Manchmal beginnt Älterwerden ganz unspektakulär. Nicht mit einer Diagnose. Nicht mit einem großen Drama. Sondern mit diesem Morgenmoment, an dem man aufsteht und kurz denkt: Aha. Heute ist der Körper zuerst wach geworden – und ich komme gleich hinterher.
Und genau da, in dieser alltäglichen Mini-Wahrheit, setzt Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer an. Nicht mit Aufsehen, nicht mit „noch schnell optimieren“, sondern mit einem Satz, der sich wie ein kleiner innerer Richtungswechsel anfühlt:
„Jungsein ist ein Geisteszustand. Alter ist keine Krankheit.“
In unserer Podcastfolge von Gelassen älter werden sprechen wir mit ihm über „Natürlich altern“ – als Haltung, als Lebenskunst, als machbares Programm für den Alltag. Und ja: auch mit Humor. Weil ohne Humor wird’s schnell so streng, so asketisch, so unerquicklich.
Natürlich altern – was ist damit eigentlich gemeint
„Natürlich“ klingt erst mal, als müsste man nur in den Wald gehen und barfuß auf Moos treten. Kann man machen. Das muss man aber nicht.
Bei Dietrich Grönemeyer meint „natürlich“ vor allem: realistisch, menschenfreundlich, lebensnah. Der Mensch ist nicht nur Körper, sagt er sinngemäß, sondern auch Denken, Fühlen, Beziehung, Kultur – ein ganzes Bündel aus Biografie, Vorlieben, Verletzlichkeiten.
Das ist wichtig, weil wir uns in der Medizin (und leider auch in der Gesellschaft) oft auf ein einziges Etikett reduzieren: Alter gleich Problem. Und dann ist die Spirale schnell da: weniger zuhören, schneller abtun, schneller „altersbedingt“ sagen.
Grönemeyer dreht den Blick um: Älterwerden ist kein Fehler im System. Es ist das System.
Die Grönemeyer Formel – für natürlich altern
Er nennt es eine Formel, ich nenne es manchmal lieber: ein alltagstaugliches Geländer. Nichts Abgehobenes. Eher ein solcher Satz an Handgriffen, an denen man sich festhalten kann, wenn es wackelt.
1 Haltung – innen und außen hängen zusammen
Dietrich Grönemeyer sagt etwas, das man sofort im Körper spürt: Innere Haltung ist äußere Haltung. Wenn Angst, Trauer oder Stress durch uns gehen, gehen die Schultern runter, der Atem wird flach, der Rücken wird eng.
Und dann, oft ganz plötzlich, merkt man: Wenn ich mich aufrichte, passiert auch innerlich etwas. Nicht magisch. Aber spürbar.
Mini-Experiment: Setzen Sie sich jetzt gerade hin, Schultern einen Tick zurück, Kinn locker, Atem tief – und beobachten Sie, was sich im Inneren verändert. Nur 20 Sekunden. Reicht.
2 Bewegung – Turnen bis zur Urne, ja… aber bitte menschlich
Der Satz „Turne bis zur Urne“ ist natürlich knackig, fast ein wenig frech. Und trotzdem steckt darin etwas sehr Bodenständiges:
- Bewegung hält den Körper in Schwung
- und ganz nebenbei auch den Kopf
Es geht nicht um sportliche Heldentaten. Eher um diese Kindergarten-Bewegungen, die wir irgendwann verlernt haben, weil wir „erwachsen“ werden wollten. Kniebeugen. Hampelmann. Einfaches Dehnen. Wiederholen. Dranbleiben.
3 Genuss muss – und zwar nicht als Luxus, sondern als Lebensmittel
„Genuss muss“ ist so ein Satz, der bei manchen sofort Protest auslöst: „Ja aber Zucker… ja aber Kalorien… ja aber…“
Grönemeyer erzählt dazu die Anekdote einer sehr alten Frau, die sinngemäß sagt: Jeden Tag ein Stück Kuchen. Nicht als Ernährungsdogma, sondern als Erinnerung: Essen ist nicht nur Treibstoff. Essen ist auch Beziehung, Farbe, Duft, Ritual.
Und gleichzeitig betont er: Genuss darf klug sein.
- selbst kochen, möglichst einfach
- buntes Gemüse, gute Proteine (z.B. Hülsenfrüchte)
- nicht dauernd Fastfood
Also kein Entweder-oder. Eher ein: Lecker und vernünftig, und bitte ohne schlechtes Gewissen als Hauptzutat.
4 Schlaf gut – regenerieren, entmüllen, Kraft tanken
Beim Schlaf wird Grönemeyer sehr konkret: Schlaf ist Regeneration. Der Körper füllt auf, die Bandscheiben „trinken“ wieder, das Gehirn sortiert – und ja, er benutzt das schöne Wort „entmüllen“.
Wichtig ist für ihn weniger die magische Stundenanzahl, sondern:
- Schlafqualität
- ein Ritual, das den Tag schließt
- kleine Ruheinseln (Powernap, wenn’s passt)
Man könnte sagen: Schlaf ist keine Pause vom Leben. Schlaf ist Pflege am Leben.
5 Entspannung – Ruhepunkte, die Sie erden
Entspannung ist nicht nur Wellness. Entspannung ist ein Gegengewicht. Ein kleiner innerer Anker gegen Daueranspannung, Nachrichtenflut, Sorgenkino.
Grönemeyer spricht darüber sehr praktisch: Fenster auf, Luft rein, abdunkeln, Musik, kurze Übungen. Nicht kompliziert, eher: machbar.
6 Gemeinschaft und Lachen – weil Isolation würdelos macht
Gemeinschaft ist bei ihm kein „Nice to have“. Es ist ein Gesundheitsfaktor.
Gerade im höheren Alter kann Isolation zu einer stillen Entwürdigung werden: keiner fragt, keiner berührt, keiner teilt den Alltag. Und dann wird das Leben klein.
Gemeinschaft dagegen macht stark: trösten, in den Arm nehmen, miteinander sprechen, auch über Angst. Und Lachen ist dabei nicht oberflächlich – es ist, wenn man so will, eine kleine Rebellion gegen die Schwere.
Was Sie als Patientin oder Patient konkret tun können – drei Fragen, die bleiben dürfen
Ein Teil unseres Gesprächs ging genau in diese Alltagsszene: Sie sitzen beim Arzt, vielleicht müde, vielleicht verunsichert, und bekommen dieses schnelle „Das ist altersbedingt“.
Dietrich Grönemeyer schlägt etwas Simples vor, das ich sehr liebe, weil es so unprätentiös ist:
Schreiben Sie sich drei Fragen auf, die Sie unbedingt beantwortet haben wollen.
Und dann: Gehen Sie nicht raus, bevor Sie Antworten haben.
Nicht aggressiv. Nicht laut. Eher: geduldig, aber bestimmt – aus der Haltung heraus, dass Würde und Zeit kein Luxus sind.
Das ist übrigens auch eine schöne Erinnerung an etwas Menschliches: Viele Ärztinnen und Ärzte sind mal angetreten, um genau das zu sein – menschlich, zugewandt, hilfreich. Manchmal ist es unter Ökonomie, Zeitdruck und Routine verschüttet. Aber verschüttet heißt nicht: weg.
Longevity als Industrie – was daran gut ist und wo es kippt
Wir sprechen auch über den Longevity Trend, Biohacking, Technik, Messgeräte, Optimierungsangebote. Grönemeyer ist da nicht pauschal dagegen. Es gibt sinnvolle Anwendungen.
Aber er warnt vor dem Kipppunkt:
- wenn wir ohne Begleitung alles ausprobieren
- wenn Technik Angst verstärkt
- wenn wir in Richtung Hypochondrie rutschen
Sein Fokus liegt weniger auf „immer länger“, mehr auf dem schönen Gedanken: den Jahren Leben geben. Also: heute gut leben. Und morgen, wenn’s kommt, wieder.
Liebevolle Medizin und Weltmedizin – ein Blick, der größer ist als der Körper
Am Ende wird das Gespräch fast philosophisch, aber auf eine warme Art.
Grönemeyer spricht über Liebe, über Berührung, über diese schlichte Heilkraft einer Hand, die tröstet. Und er benutzt den Begriff „Weltmedizin“ – als Verbindung von Schulmedizin und traditionellen Heilweisen, nicht dogmatisch gegeneinander, sondern als gemeinsames Zukunftsmodell.
Ich mochte besonders diesen Unterton: Humanmedizin heißt nicht automatisch human. Humanität ist etwas, das man immer wieder aktiv herstellen muss – im System, aber auch im Alltag.
Drei kleine Schritte für heute – wenn Sie gleich nach dem Lesen etwas tun wollen
- Aufrichten und atmen: 20 Sekunden. Spüren, ob etwas leichter wird.
- Genuss bewusst setzen: Eine Sache heute, die Ihnen schmeckt – ohne Eile.
- Gemeinschaft aktivieren: Eine Nachricht, ein Anruf, ein Treffen. Nicht groß. Echt.
Weiterhören und weiterlesen
- Natürlich Altern: Fit bis 100 mit der Grönemeyer-Formel – Dietrich Grönemeyer [Link]
- Gelassen älter werden App mit Extra-Folgen und Online-Treffen [Link]
- Und hier kannst du mein Buch „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ vorbestellen!

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7