Bertram Kasper

Ruhestand neu denken: Wie wir nach dem Beruf unseren eigenen Rhythmus in Freiheit finden

„Und ist das nicht toll, dass wir heute sagen können: Ich habe Zeit?“

Dieser Satz von Maria Klink bleibt hängen. Vielleicht deshalb, weil er so schlicht klingt. Keine große Lebensphilosophie, kein kluger Ratgebergedanke. Nur drei Worte: Ich habe Zeit.

Für viele Menschen ist genau das jahrzehntelang kaum vorstellbar. Der Kalender ist voll, Besprechungen schließen sich aneinander an, andere Menschen warten auf Entscheidungen. Der Arbeitstag gibt den Takt vor, oft auch weit über den Feierabend hinaus. Und dann endet der Beruf.

Plötzlich ist Zeit da. – Freiheit ohne Grenzen

Doch daraus folgt nicht automatisch, dass wir sie auch spüren.

In einer besonderen Episode von „Gelassen älter werden“ habe ich mit Maria Klink, Ursula Georgy und Gudrun Behm-Steidel über den Übergang in den Ruhestand gesprochen. Wobei schon dieses Wort nicht für alle passt. Maria nennt es lieber die nachberufliche Phase. Gudrun spricht von der Lebensphase Freiheit. Ich selbst suche ebenfalls immer wieder nach einem Ausdruck, der mehr meint als den Stillstand, der im Wort Ruhestand mitschwingt.

Vier Menschen, vier Wege aus dem Beruf

Maria hat bis kurz vor ihrem 70. Geburtstag gearbeitet. Nicht weil sie musste, sondern weil sie wollte. Sie war erfolgreich, hatte Freude an ihrer Aufgabe und erlebte es sogar als befremdlich, dass andere sie immer wieder fragten, wann sie denn nun endlich aufhören werde.

Gudrun entschied sich bereits mit 60 Jahren bewusst für den Vorruhestand. Sie wollte raus aus dem engen Takt der Hochschule und noch einmal auf ihre eigene Weise arbeiten. Später entwickelte sich daraus ihr Coaching für die Lebensphase Freiheit.

Ursula bereitete sich ungefähr zwei Jahre lang auf ihre Pensionierung vor. Sie überlegte sich neue Interessen, ließ sich coachen und ging mit einer gewissen Vorfreude in diesen neuen Abschnitt. Trotzdem fehlte ihr etwas, womit sie vorher kaum gerechnet hatte: der Kontakt zu den Studierenden.

Und ich selbst hatte über viele Jahre Zeit auf einem Arbeitszeitkonto angespart. Dadurch konnte ich früher aus meinem Beruf aussteigen. Die Begleitung meines sterbenden Vaters hatte mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, dass Lebenszeit nicht endlos auf Vorrat liegt. Gleichzeitig war ich müde geworden von beruflichen und organisatorischen Mustern, die sich immerzu wiederholten.

Schon an diesen vier Geschichten wird sichtbar: Den einen richtigen Weg in den Ruhestand gibt es nicht.

Manche Menschen brauchen einen Plan. Andere brauchen erst einmal Luft.

Wenn das große Kuchenstück Arbeit wegbricht.

Ursula erzählte von einer Übung, bei der sie ihren Alltag als Kuchendiagramm betrachtete. Wie viel Raum nehmen Arbeit, Familie, Freundschaften, Hobbys und Erholung ein?

Bei ihr nahm die Arbeit mehr als 90 Prozent dieses Kuchens ein.

Und genau dieses riesige Stück verschwindet mit dem letzten Arbeitstag. Nicht langsam, sondern manchmal von heute auf morgen. Da kann einem schon mulmig werden.

Wer neben dem Beruf ein großes Familienleben, Freundschaften, ein Ehrenamt oder viele Interessen gepflegt hat, erlebt den Übergang vermutlich anders als jemand, dessen Identität stark an die berufliche Aufgabe gebunden war. Deshalb greift die pauschale Forderung, man müsse sich nur früh genug einen guten Plan machen, zu kurz.

Ein Plan kann tragen. Er kann aber auch schon wieder zur nächsten Pflichtübung werden.

Vielleicht braucht es weniger den fertigen Ruhestandsplan und mehr eine ehrliche Frage: Was bleibt von meinem Leben übrig, wenn meine berufliche Rolle wegfällt?

Und noch eine zweite: Was darf neu entstehen?

Der Beruf endet, das Rennen bleibt

Maria stellte im Gespräch eine wunderbar ehrliche Frage: „Wie hört man auf zu rennen?“

Obwohl sie nicht mehr berufstätig ist, füllt sich ihr Tag noch immer fast so wie früher. Friseur, Sport, Termine, Podcast. Selbst der Wecker ist geblieben. Der äußere Beruf ist vorbei, doch der innere Terminkalender arbeitet scheinbar weiter.

Das kenne ich gut.

Nach der Veröffentlichung meines Buches merkte ich, wie erschöpft ich eigendlich war. Die Monate davor waren voller Termine, Erwartungen, Gespräche und Aufgaben gewesen. Als der große Moment schließlich da war, kam nicht nur Freude. Da war auch ein Loch.

Mein Körper verlangte nach Ruhe. Mein gewohntes inneres System rief trotzdem: weiter.

Solche Leistungsnarrative verschwinden nicht mit der Verabschiedungsfeier. Wer jahrzehntelang gelernt hat, den eigenen Wert mit Aktivität, Verlässlichkeit und Leistung zu verbinden, legt das nicht einfach am Garderobenhaken des Berufslebens ab.

Gudrun hat für sich eine kleine morgendliche Übung entwickelt. Sie fragt sich:

  • Wie fühle ich mich heute?
  • Was brauche ich?
  • Was war schön?
  • Wofür bin ich dankbar?

Erst danach schaut sie auf ihre Aufgabenliste. Nicht jede Aufgabe passt zu jedem Tag. Manchmal braucht es ein Gespräch. Manchmal Ruhe. Manchmal Bewegung. Und manchmal ist Bücher aussortieren genau richtig.

Das klingt unspektakulär. Doch darin steckt ein ziemlicher Rollenwechsel. Nicht mehr der Kalender entscheidet zuerst, sondern der eigene Zustand bekommt eine Stimme.

Freiheit braucht trotzdem eine Form

Ruhestand bedeutet nicht, dass jeder Tag völlig offen sein muss. Manche Menschen lieben feste Verabredungen und klare Strukturen. Andere fühlen sich wohler, wenn sie spontan entscheiden dürfen.

Auch Partnerschaften schaffen einen neuen Rhythmus. Plötzlich verbringen zwei Menschen viel mehr Zeit miteinander. Was machen wir gemeinsam? Wo braucht jeder seinen eigenen Raum? Wer steht wann auf? Wann wird gegessen? Was klingt wie Kleinkram, kann im Alltag ganz schön knirschen.

Freiheit heißt deshalb nicht Strukturlosigkeit.

Entscheidend ist eher, ob eine Struktur gewählt oder nur übernommen wurde.

Ein Ehrenamt, ein regelmäßiger Sporttermin, die Pflege von Freundschaften oder das Engagement im eigenen Wohnort geben dem Alltag Halt. Ich erlebe das selbst in meinem Heimat und Kulturverein. Dort gibt es Veranstaltungen, Sitzungen und Aufgaben. Der Unterschied zum früheren Beruf liegt für mich in der Dosis. Wir achten gemeinsam darauf, dass es nicht wieder zu viel wird.

Etwas tun, ohne sich erneut darin zu verlieren. Das ist eine feine Gradwanderung.

Muss ich der Gesellschaft noch etwas geben?

Kaum jemand geht in Rente, ohne früher oder später auf das Thema Ehrenamt angesprochen zu werden. Die Botschaft lautet oft: Du hast doch Erfahrung, jetzt gib der Gesellschaft etwas zurück.

Das kann Freude machen. Es kann aber auch neuen Druck erzeugen.

Maria berichtete von jemandem, der ihr sagte, sie dürfe ihre große Kompetenz doch nicht einfach der Gesellschaft entziehen. Was zunächst wie Anerkennung klingt, enthält bei genauerem Hinhören eine Forderung.

Als müsse ein Mensch sein Wissen bis zum letzten Tag verfügbar halten.

Dabei haben viele längst Verantwortung übernommen. Sie kümmern sich um Eltern, Partnerinnen oder Partner, helfen Nachbarn, begleiten Enkelkinder oder pflegen Freundschaften. Diese stillen Formen von Verbundenheit tauchen in keiner Ehrenamtsstatistik auf und sind trotzdem wertvoll.

Und man darf auch einfach mal nichts geben müssen.

Ursula formulierte es klar: Sie engagiert sich gern, aber nicht in einer Form, die sie jede Woche bindet. Ein Projekt darf überschaubar sein und wieder enden. Andere blühen gerade in einer dauerhaften Aufgabe auf.

Beides ist richtig, sofern es freiwillig bleibt.

Wer bin ich ohne meine Berufsrolle?

Der Abschied vom Beruf bedeutet oft auch den Abschied von Kontakten. Menschen, mit denen wir jahrelang gesprochen, gestritten, geplant und gelacht haben, verschwinden aus unserem Alltag.

Maria empfand das zunächst als schmerzhaft. Dann sagte jemand zu ihr: Das waren berufliche Kontakte.

Ein nüchterner Satz. Vielleicht sogar ein harter.

Doch viele Beziehungen sind an Rollen gebunden. Die Geschäftsführerin, der Professor, die Kollegin, der Vorgesetzte, der hilfreiche Kontakt. Fällt diese Rolle weg, verändert sich auch die Verbindung.

Einige Beziehungen tragen weiter, weil längst mehr entstanden ist. Andere lösen sich auf.

Gudrun brachte dafür einen etwas kantigen Ausdruck ins Gespräch: Man ist kein nützlicher Kontakt mehr.

Das muss nichts Tragisches sein. Es schafft Platz für Begegnungen, in denen nicht zuerst Funktion und Nutzen zählen. Maria genießt heute wieder die kleinen Gespräche mit Menschen aus ihrer Straße. Beziehungen, für die früher kaum Zeit blieb, bekommen neuen Atem.

Vielleicht liegt darin eine stille Aufgabe dieser Lebensphase: vom nützlichen Kontakt wieder mehr zum Menschen zu werden.

Mikroabenteuer statt höher schneller weiter

Ursula bestieg nach ihrer Pensionierung den Kilimandscharo. Ein großes Vorhaben, das sie über Monate vorbereitete. Doch im Gespräch ging es nicht nur um solche außergewöhnlichen Reisen.

Es ging auch um Mikroabenteuer.

Ein neuer Weg durch den Wald. Das Balancieren auf einem Baumstamm. Jemanden beim Spazierengehen freundlich grüßen. Einen Handstand ausprobieren. Einen Menschen ansprechen, den man sonst nur vom Sehen kennt.

Das Abenteuer liegt nicht in der Größe der Unternehmung. Es liegt darin, die eigene Gewohnheit kurz zu verlassen.

Gudrun grüßt auf ihrer morgendlichen Walkingrunde jeden Menschen mit einem freundlichen „Moin“. Nach ein paar Tagen grüßen manche schon von sich aus zurück. Ein kleiner Kontakt ist entstanden, kaum sichtbar und doch nicht nichts.

Ich habe Zeit

Vielleicht ist das einer der schönsten Sätze dieser Lebensphase.

  • Ich habe Zeit für einen Menschen.
  • Ich habe Zeit für mich.
  • Ich habe Zeit, eine Entscheidung nicht sofort zu treffen.
  • Ich habe Zeit, meine Meinung noch einmal zu ändern.
  • Ich habe Zeit, heute langsamer zu machen.

Natürlich ist auch diese Zeit nicht unbegrenzt. Das Älterwerden bringt Ungewissheiten mit sich. Gesundheit, Wohnen, Partnerschaft und Zukunft lassen sich nicht durchplanen wie ein berufliches Projekt. Gudrun übt deshalb, offene Fragen eine Weile offen zu lassen.

Nicht alles braucht sofort eine Lösung.

Das ist für Menschen, die viele Jahre lang organisiert, entschieden und Verantwortung getragen haben, beinahe eine neue Kunst. Vielleicht sogar eine kleine Zumutung.

Doch genau dort beginnt Gelassenheit. Nicht darin, dass alles geklärt ist, sondern darin, dass wir auch mit dem Ungeklärten ein Stück weiterleben.

Wie sieht Ihr eigener Rhythmus nach dem Beruf aus? Was fehlt Ihnen, was ist neu entstanden und wo rennen Sie vielleicht immernoch, obwohl längst niemand mehr hinter Ihnen her ist?