Inhalt
Ein Gespräch mit Eileen O’Rourke über Endlichkeit, die Lebensfreude beim Älterwerden und Mo, der Tod
Beim Lesen hab ich Mo zunächst für einen Menschen gehalten. Einen Mann im Hoodie, mit dunklen Augen, der Tee trinkt und ziemlich gute Fragen stellt. Erst nach und nach wurde mir klar, mit wem Eileen O’Rourke da eigentlich spricht: mit dem Tod.
Diese Gestalt hat mich neugierig gemacht. Denn die Frage, wie wir mit unserer Endlichkeit leben, begleitet mich schon lange. In meinem Podcast „Gelassen älter werden“ habe ich mit Eileen darüber gesprochen, wie aus dem Tod, dem sie lange ausweichen wollte, ein innerer Begleiter wurde.
In diesem Beitrag:
- Dem Tod eine Gestalt geben
- Bewusst leben ohne neuen Leistungsdruck
- Wenn ein Leben einfach okay war
- Bleiben und mit Kindern ehrlich sein
Dem Tod eine Gestalt geben
Für Eileen war der Tod lange ein „Endgegner“. Schon als Kind und Jugendliche hatte sie Menschen verloren und keinen Umgang mit den Gefühlen gefunden, die damit verbunden waren. Weglaufen wurde zu einer vertrauten Bewegung in ihrem Leben.
Als ihr Vater im Sterben liegt, spürt sie diesen Impuls wieder. Sie möchte sich vor dem Schmerz schützen. Zugleich gibt es in ihr den Wunsch, bei ihm zu sein. Diesem Wunsch folgt sie.
Nach seinem Tod kehrt die Angst zurück. In einem nächtlichen inneren Gespräch fragt Eileen in die Dunkelheit, was der Tod eigentlich von ihr will. Die Antwort, die in ihr auftaucht, wird zum Ausgangspunkt ihres Buches:
„Ich will dich nur erinnern, dass du jetzt leben darfst.“
Eileen beginnt zu schreiben. Mo bekommt eine Gestalt, eine Stimme, einen Platz in ihrem Leben. Mit ihm lässt sich reden. Heute hilft ihr dieser innere Gesprächspartner dabei, Entscheidungen zu prüfen: Passt das, was ich gerade tue, zu dem Leben, das ich führen möchte?
Bewusst leben ohne neuen Leistungsdruck
Die Frage nach dem letzten Tag hat allerdings einen Haken. Sie kann sich wie eine Aufforderung anhören, möglichst viel in die verbleibende Zeit hineinzupacken. Noch eine Reise. Noch ein Vorhaben. Irgendwas wird sich doch finden, das unbedingt erlebt werden muss.
Eileen kennt diesen Druck gut. Eine Zeit lang hatte sie das Gefühl, sie müsse besonders schnell und intensiv leben, am liebsten rund um die Uhr wach sein, um bloß nichts zu verpassen.
Heute beschreibt sie eine andere Aufmerksamkeit. Im Gespräch erzählt sie, wie sehr sie der Anblick eines Schmetterlings berühren kann. Einfach wahrnehmen zu dürfen, was da gerade vorbeifliegt, wird für sie zu etwas Kostbarem.
Das berührt eine Frage, die mich auch beim Älterwerden beschäftigt: Wie viel von dem, was wir tun, wollen wir wirklich? Gerade nach dem Berufsleben lässt sich der Kalender rasch wieder füllen. Ein gutes Leben verträgt aber auch einen Nachmittag, von dem es hinterher wenig zu berichten gibt.
Wenn ein Leben einfach okay war
Eine Szene aus Eileens Buch hat mich besonders beschäftigt. Sie fragt ihren Vater auf der Palliativstation, ob er in seinem Leben etwas anders machen würde. Sie hofft auf eine Antwort, die ihr etwas mitgibt. Vielleicht auch auf die eine große Weisheit, die diesen Abschied leichter macht.
Seine Antwort fällt schlicht aus: Es war okay. Und es sei auch okay, jetzt zu gehen.
Eileen macht das zunächst traurig. Sie weiß von Träumen, die ihr Vater nicht umgesetzt hat, von Geschichten, die er geschrieben und nie veröffentlicht hat. Im Schreiben verändert sich später ihr Blick auf seine Antwort.
Mich hat dieses „Okay“ beruhigt. Darin lag für mich etwas Versöhnliches. Ein Mensch schaut auf sein Leben und lässt es gelten. Auch mit dem, was offen geblieben ist.
Wir tragen oft lange Listen mit uns herum: was wir noch schaffen wollten, was wir versäumt haben, was besser hätte werden sollen. Da tut mir der Gedanke gut, dass ein Leben am Ende einfach okay gewesen sein darf. Ohne dass jede Möglichkeit ausgeschöpft wurde.
Bleiben und mit Kindern ehrlich sein
Beim Lesen fiel mir auf, wie häufig Eileen vom Bleiben erzählt. Bei ihrem Vater. Bei Menschen, deren Schmerz sie nicht lösen kann. Und bei ihren eigenen Gefühlen, denen sie lange ausweichen wollte.
Sie beschreibt, dass sie beim Weglaufen ihr inneres Gepäck jedes Mal mitgenommen hat. Für sie veränderte sich etwas, als sie begann, sich ihren Fragen zu stellen und auszuhalten, was dabei hochkam. Das Bleiben wurde für sie zu einer Erfahrung von Freiheit.
Wie anspruchsvoll diese Ehrlichkeit sein kann, zeigt sich auch in ihrer Rolle als Mutter. Als ihre Tochter wissen will, ob Mama ebenfalls einmal sterben muss, stehen Eileen die Tränen in den Augen. Sie merkt, wie schwer ihr eine Antwort fällt.
Im Gespräch erzählt sie davon, solchen Fragen mit der Zeit besser standhalten zu wollen. Und sich zu erlauben, dabei auch zu weinen. Das beschäftigt Eltern genauso wie Großeltern: Wie sprechen wir über den Tod, wenn wir selbst traurig sind oder nach Worten suchen?
Mich berührt an Eileens Haltung, dass sie ihre Kinder an dem teilhaben lassen möchte, was in ihr vorgeht. Traurigkeit darf sichtbar werden. Ebenso die Freude darüber, jetzt zusammen zu sein.
Mo hat in unserem Gespräch viele Fragen aufgeworfen. Einige davon begleiten mich weiter. Vor allem die, wie ich neugierig bleiben möchte, auf das Leben und auf mich selbst, bis ins hohe Alter.
Welche Frage würden Sie Mo stellen, wenn er heute mit am Tisch säße?
Links
Zum Buch: [Link]
Mehr über Eileen: [Website der Autorin]

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7