Bertram Kasper

Partnerschaft im Ruhestand: Dein Partner ist kein Freizeitprogramm

Wenn einer in Rente geht, beginnt für beide eine neue Lebensphase. Warum Liebe dann manchmal neu verhandelt werden muss und wie Nähe gelingt, ohne dass die eigene Freiheit verloren geht.

Montagmorgen, kurz nach neun. Früher war um diese Zeit längst jemand bei der Arbeit. Jetzt steht ein zweiter Kaffeebecher auf dem Tisch. Schön eigentlich. Nur: Der eine möchte endlich gemeinsam frühstücken, spazieren gehen und die nächsten Reisen planen. Die andere muss gleich in eine Videokonferenz. Und aus dem schönen Gedanken „Endlich haben wir mehr Zeit“ wird, ohne böse Absicht, eine Erwartung.

Was passiert mit einer Beziehung, wenn der Beruf wegfällt, vertraute Rollen durcheinandergeraten und plötzlich viel mehr Alltag geteilt wird? Darüber spricht Catharina Maria Klein in unserem Podcast „Gelassen älter werden“ mit der Beziehungsexpertin und Autorin Nina Deißler. Ein Gespräch über Liebe, Freiraum, alte Gewohnheiten und die erstaunlich einfache Frage: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben?

Was sich mit dem in der Partnerschaft im Ruhestand verändert

Wer in Rente geht, verliert nicht bloß Termine im Kalender. Da verschwinden auch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, Aufgaben, Anerkennung und ein Stück Tagesstruktur. Was jahrelang nebenher ein eigenes Leben war, muss auf einmal anders gefüllt werden.

Und die Partnerschaft? Sie bekommt die Veränderung unmittelbar zu spüren. Besonders dann, wenn einer bereits im Ruhestand ist und der andere noch arbeitet. Der eine freut sich über freie Nachmittage. Die andere kommt erschöpft heim und möchte erst mal ihre Ruhe. Beides ist verständlich. Schwierig wird es, wenn stillschweigend vorausgesetzt wird, dass der Partner nun die ganze Lücke füllt, die der Beruf hinterlassen hat.

Nina Deißler beschreibt das sehr anschaulich: Plötzlich bekommen Kleinigkeiten ein ungeahntes Gewicht. Der Einkauf, die Pfandflaschen, der Rasen. Was früher zwischendurch erledigt wurde, besetzt nun ganze Vormittage und manchmal auch das Gespräch beim Abendessen.

Der Ruhestand verändert nicht nur die Zeit, die wir haben. Er verändert die Erwartungen, die wir aneinander stellen.

Liebe ist bedingungslos, eine Beziehung nicht

Ein besonders kluger Gedanke aus dem Gespräch: Nina unterscheidet zwischen Verliebtheit, Liebe und Partnerschaft. Verliebtheit lebt oft von Hoffnungen und Vorstellungen. Liebe beginnt für sie dort, wo wir den anderen als eigenständigen Menschen sehen, samt Grenzen, Wünschen und Eigenheiten.

Für die Beziehung gilt trotzdem etwas anderes. Nina sagt:

„Jede Beziehung kommt mit Bedingungen. Und diese Bedingungen sind Verhandlungssache.“

Das klingt nüchtern. Dabei steckt viel Zuneigung darin. Denn über Bedingungen zu sprechen, bedeutet nicht, die Liebe kleinzurechnen. Es bedeutet, die Wirklichkeit ernst zu nehmen. Wer braucht wie viel Zeit allein? Wer kümmert sich künftig um welche Aufgaben? Was wollen wir gemeinsam erleben, was lieber getrennt?

Vielleicht waren diese Fragen früher gar nicht nötig. Nun sind sie es. Und es ist kein Zeichen einer schlechten Beziehung, wenn die Antworten unterschiedlich ausfallen.

Zwei Menschen bleiben zwei Menschen

„Jetzt machen wir endlich alles zusammen.“ Für manche Paare ist das eine wunderbare Vorstellung, für andere der Beginn eines schleichenden Engegefühls. Beide Reaktionen haben Platz.

Ein Satz von Nina bleibt besonders hängen:

„Es darf zwei eigene Leben geben.“

Auch nach 30 oder 40 gemeinsamen Jahren muss niemand sämtliche Interessen teilen. Der eine liebt das Reisen, die andere den Garten. Einer engagiert sich im Verein, die andere genießt einen stillen Nachmittag mit einem Buch. Das ist keine Absage an die Gemeinsamkeit. Im Gegenteil: Wer eigene Erfahrungen macht, bringt auch wieder etwas mit nach Hause.

Dazu gehört freilich, sich von manchen eingespielten Rollen zu verabschieden. Gerade in Partnerschaften, in denen eine Person über Jahrzehnte den größten Teil der Familien- und Sorgearbeit übernommen hat, können alte Rechnungen auftauchen. Nicht immer laut. Manchmal zeigt sich der Groll erst in einem beiläufigen „Immer bleibt alles an mir hängen“.

Nina rät, darüber zu sprechen, bevor aus solchen Sätzen feste Urteile übereinander werden.

Alte Beziehungsmuster gehen nicht automatisch in Rente

Warum fällt uns das Reden über Bedürfnisse eigentlich so schwer? Nina nennt fünf Beziehungsschutzmuster, die Menschen im Lauf ihres Lebens entwickeln: Anpassung, Leistung, Kontrolle, Distanz und Hoffnung.

Keines davon ist an sich schlecht. Rücksicht nehmen ist gut. Sich kümmern ebenso. Problematisch wird es, wenn jemand nur noch nachgibt, alles kontrollieren möchte oder sich aus Angst vor Verletzung immer weiter zurückzieht.

Hinzu kommt, was wir als Kinder über Beziehungen gelernt haben. Nina spricht von „Beziehungsschablonen“. Wer erlebt hat, dass Konflikte mit Schweigen beantwortet werden, greift später womöglich selbst dazu. Wer gelernt hat, dass Harmonie nur durch Anpassung entsteht, sagt auch mit 65 noch „Wie du willst“, obwohl es innen längst anders aussieht.

Die gute Nachricht aus dem Gespräch: Beziehungskompetenz ist kein angeborenes Talent. Wir können sie weiterentwickeln. Auch nach vielen gemeinsamen Jahren.

Der Beziehungstüv: Fünf Fragen, die sich lohnen in der Partnerschaft im Ruhestand bewährt haben

Nina empfiehlt Paaren einen kleinen „Beziehungstüv“, gerade vor dem Übergang in den Ruhestand. Kein feierliches Krisengespräch am Küchentisch, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Vielleicht bei einem Spaziergang oder einem guten Tee.

  1. Worauf freue ich mich in unserer neuen Lebensphase?
  2. Wovor habe ich ein bisschen Bammel?
  3. Wie viel Zeit möchte ich mit dir verbringen, und wie viel Zeit brauche ich für mich?
  4. Was soll sich zwischen uns verändern, was unbedingt bleiben?
  5. Wofür schätze ich dich, auch wenn ich es im Alltag viel zu selten sage?

Die Antworten müssen nicht auf Anhieb zueinanderpassen. Es reicht fürs Erste, einander zuzuhören. Ein Plan, über den beide sprechen, ist besser als eine unausgesprochene Vorstellung, die später zum Vorwurf wird.

Eine Stunde im Monat und ein paar Minuten Stille

Nina geht sogar noch einen Schritt weiter. Ihr Vorschlag für eine langfristig gute Beziehung ist ein festes Gespräch, möglichst einmal im Monat. Eine Stunde ohne Telefone, ohne Alltagshektik. Zeit für Dankbarkeit, Wertschätzung und die Frage, was am anderen eigentlich so liebenswert ist.

Anschließend darf auch das Platz bekommen, was gerade weh tut oder Sorgen macht. Der Clou: Der andere muss nicht sofort antworten, rechtfertigen oder eine Lösung finden. Erst mal genügt es, zu sagen: „Ich höre dich.“

Und dann empfiehlt Nina noch etwas, das fast ein bisschen ungewohnt klingt: Setzen Sie sich gegenüber und schauen Sie sich einige Minuten in die Augen. Ohne zu reden. Drei Minuten sind ein Anfang, fünf schon eine schöne Übung. Einfach den Menschen anschauen, für den Sie sich irgendwann entschieden haben.

Vielleicht entdeckt man in diesem stillen Moment mehr als in der zehnten Diskussion über den Wocheneinkauf.

Und wenn ich allein in Rente gehe?

Auch diese Frage kommt im Podcast zur Sprache. Für Singles wird mit dem Ruhestand manchmal ein Wunsch nach Partnerschaft wieder spürbar, der zwischen Arbeit und Verpflichtungen lange im Hintergrund geblieben ist.

Ninas Rat ist angenehm frei von Suchstress: Gestalten Sie ein Leben, das Ihnen Freude macht. Engagieren Sie sich dort, wo Ihre Interessen liegen. Lernen Sie Menschen kennen, ohne aus jedem Kontakt gleich eine mögliche Liebesgeschichte zu machen. Aus Begegnungen entstehen Bekanntschaften, aus Bekanntschaften vielleicht Freundschaften und manchmal mehr.

Eine Partnerschaft ist kein Beweis für ein gelungenes Leben. Sie kann es bereichern. Das ist ein Unterschied.

Gemeinsam älter werden heißt nicht, alles gemeinsam zu tun

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Podcastfolge: Den Ruhestand nicht als fertiges gemeinsames Lebensprogramm zu betrachten, sondern als Gelegenheit, sich neu kennenzulernen. Mit all dem, was gewachsen ist. Und mit den Wünschen, die lange keinen Platz hatten.

Dafür braucht es keine völlig neue Beziehung. Manchmal genügt ein ungewohnt ehrlicher Satz am Küchentisch: „Sag mal, wie stellst du dir unsere nächsten Jahre eigentlich vor?“

Links:

Nina Deißler: „Du bist nicht beziehungsunfähig“ [Link zum Buch]

Podcast „Mission Liebe“ mit Nina Deißler [Link zum Podcast]

Und Sie? Was hat sich in Ihrer Partnerschaft verändert, seit der Ruhestand näher rückt oder schon begonnen hat? Vielleicht ist heute ein guter Abend, um darüber zu sprechen.