Inhalt
Ein Buch schreiben in der dritten Lebensphase – zwischen Mut, Zweifel und der Kunst, dranzubleiben
Manchmal entscheidet sich etwas in uns, bevor wir es überhaupt aussprechen.
Nicht als Feuerwerk, eher wie ein leises Klicken irgendwo hinter dem Brustbein. Kein Drama, kein Tusch – und trotzdem eindeutig.
Ich erinnere mich an Lanzarote. Atlantikwind, dieses besondere Novemberlicht, das nicht blendet, sondern eher… entlarvt. Der Horizont so weit, dass er fast schon eine Zumutung war. Und mitten in dieser Weite stand eine Frage, die erstaunlich schwer wog:
Will ich wirklich ein Buch schreiben mir 60+ – und noch dazu eines, das mich zeigt?
Denn ein Buch ist nicht nur Papier.
Ein Buch ist ein Loslassen der Kontrolle.
Ein Buch ist eine Einladung an fremde Augen.
Ein Buch ist ein Stück Öffentlichkeit, das bleibt, während wir längst weitergehen.
Und vielleicht ist das – wenn wir ehrlich sind – auch eine Frage des Älterwerdens: Was sind wir noch bereit zu wagen, obwohl wir die Endlichkeit inzwischen besser kennen als früher?
In dieser Solo-Folge von Gelassen älter werden nehme ich dich mit hinter die Kulissen meines Schreibens. Und ich verspreche dir: Es geht nicht nur um mich. Es geht um etwas, das du wahrscheinlich kennst – vielleicht mit einem anderen Projekt, einem anderen Traum, einem anderen Zögern.
Wenn du spürst, dass du in dieser dritten Lebensphase noch einmal etwas Eigenes in die Welt geben willst, aber dich Verletzlichkeit bremst… dann findest du hier hoffentlich Spuren, die dich stärken.
Warum ein Buchprojekt im Alter anders klingt
In jüngeren Jahren war vieles von uns – ohne dass wir es böse meinten – getragen von der Illusion, wir hätten unendlich viele Versuche. Man probiert, scheitert, probiert neu. Die Zeit fühlt sich elastischer an.
In der dritten Lebensphase ist das anders.
Da ist oft mehr Freiheit, mehr Autonomie, weniger äußere Taktung. Und gleichzeitig spüren wir deutlicher: Kraft ist ein kostbares Gut. Fokus ist nicht nur Tugend, sondern eine Form von Selbstfürsorge. Nicht alles geht. Und nicht alles muss gehen.
Diese Mischung aus Freiheit und Fragilität ist keine Schwäche – sie ist Realität.
Und genau darum benötigt ein großes Vorhaben (Buch, Podcast, Vereinsprojekt, Aufbruch, Versöhnungsgespräch) häufig nicht mehr Druck, sondern etwas anderes:
Weite. Freundlichkeit. Handwerk. Und eine neue Art, mit unseren inneren Stimmen umzugehen.
Der Anfang: Eine Verlagsanfrage, die nicht „Juhu!“ rief
Bei mir begann es im September 2024. Eine E-Mail – so eine, die man zweimal liest, nicht weil sie kompliziert ist, sondern weil sie etwas auslöst.
Die Einladung, ein Buch über das Älterwerden zu schreiben, im Kontext meines Podcasts. Der Verleger Uli Ehrenspiel vom Now Verlag läutete damit mehr als ein Projekt ein. Er berührte – ohne es zu wissen – eine Lebensfrage.
In jüngeren Jahren wäre das ein Paukenschlag gewesen. Ich hätte gejubelt, Luftsprünge gemacht, vielleicht am selben Tag schon losgeschrieben.
Dieses Mal war es anders.
Es war eher ein behutsames inneres Nachklingen.
So, als würde etwas in mir sagen:
Ja, das ist bedeutsam. Aber prüf erst, ob du das wirklich tragen willst.
Und dann kam sie, diese bekannte Schwelle:
Wenn etwas persönlicher wird, wird es verletzlicher.
Wer schreibt, wer gestaltet, wer sich zeigt – verliert ein Stück Kontrolle.
Bis zur Druckfreigabe können wir noch steuern. Aber danach gehört es der Welt.
Kennst du diese Stelle?
Die Stelle, an der du merkst: Wenn ich das mache, könnte ich missverstanden werden. Oder bewertet. Oder kritisiert.
Oder – fast die zärtlichste Form der Angst – geliebt. Und plötzlich muss man damit umgehen, dass etwas wirkt.
Ich hatte in dieser Phase Unterstützung: Tamara Dietl – erfahrene Autorin und Journalistin, an meiner Seite als Gespräch, als Spiegel, als ruhige Kompetenz.
Und dennoch blieb die Frage:
Will ich das wirklich? Und was macht das mit meiner Lebensphase Freiheit?
Drei Impulse, die aus dem Schreiben kommen und weiter reichen
Im Podcast teile ich drei Gedanken, die aus meinem Schreibprozess stammen, aber eigentlich zu vielen Lebensprojekten passen.
Sie haben mit Entscheidungen zu tun.
Mit Ambivalenz.
Und mit Selbstwirksamkeit, dieser unspektakulären, warmen Kraft, die uns im Alter oft mehr trägt als jede Hochglanz-Motivation.
Impuls 1: Entscheidungen brauchen Weite
Manche Entscheidungen trifft man nicht am Schreibtisch.
Man trifft sie… im Gehen.
Auf Lanzarote merkte ich: Es gibt Orte, die machen in uns Platz. Das Draußen, der Wind, der Horizont – das ist wie ein inneres Aufräumen, ohne dass man einen Besen in die Hand nehmen muss.
Während die Wellen ihren alten Rhythmus übten – kommen, gehen, kommen, gehen –, übte ich etwas anderes: ehrlich hinsehen.
Die schwierigste Teilfrage war nicht: „Schaffe ich das?“
Die schwierigste Teilfrage war:
Wie gehe ich damit um, dass mein Schreiben öffentlich wird?
Und da merkte ich: Wir verwechseln im Leben oft „Entscheidung“ mit „Festlegung“.
Eine Entscheidung ist manchmal erstmal nur ein Satz an uns selbst:
„Ich werde Wege finden.“
Wege, Bewertungen anzuschauen, ohne mich von ihnen bestimmen zu lassen.
Wege, meinen Selbstwert nicht am nächsten Kommentar aufzuhängen.
Mini-Übung für dich:
Wenn du gerade vor etwas stehst – einem Projekt, einer Veränderung, einem Gespräch, das du seit Wochen aufschiebst – dann stell dir nicht zuerst die Frage: „Was ist richtig?“
Stell dir diese Frage:
„Wo bekomme ich Weite, um es zu fühlen?“
Vielleicht ist es ein Spaziergang.
Vielleicht ein Fenster.
Vielleicht ein Ort, an dem du dich selbst wieder hörst.
Impuls 2: Ambivalenzkompetenz – zwei Stimmen, ein Chor
Als ich „Ja“ sagte zum Buch, war damit nicht plötzlich alles leicht.
Es wurde eher… ehrlicher.
Denn dann stand ich vor dem, was ich gern die Zwei-Stimmen-Situation nenne.
Vielleicht kennst du die auch.
Da ist die kontemplative Stimme: „Sein vor Tun. Stille. Nicht alles muss produktiv sein.“
Und da ist die andere Stimme. Bei mir manchmal berlinerdirekt:
„Komm ma aus’m Knick, wa!“
Früher hätte ich versucht, eine der beiden Stimmen gewinnen zu lassen.
Heute übe ich etwas anderes: Ambivalenzkompetenz.
Das heißt nicht, dass wir unentschlossen bleiben.
Es heißt, dass wir aufhören, uns selbst zu zerreißen, nur weil wir komplex sind.
Ich stelle mir diese beiden Stimmen oft wie zwei Ufer eines Flusses vor.
Wenn ich nur ein Ufer sehe, fahre ich irgendwann auf Grund.
Der Fluss wird nur befahrbar, wenn ich beide im Blick behalte.
Und im Älterwerden ist das besonders wichtig.
Weil unsere Realität ambivalent ist:
- Wir sind freier – und verletzlicher.
- Wir sind erfahrener – und manchmal müder.
- Wir haben mehr Zeit – und weniger Zukunft.
Ambivalenzkompetenz heißt:
Ich darf sagen: „Ich will das.“ Und gleichzeitig: „Ich habe Angst davor.“
Beides ist wahr.
Beides darf am Tisch sitzen.
Kleine Praxis:
Nimm dir (wirklich nur) fünf Minuten und schreib zwei kurze Absätze:
- „Warum ich es will…“
- „Wovor ich mich fürchte…“
Lies beides laut.
Nicht, um es zu lösen. Nur, um es zu würdigen.
Impuls 3: Handwerk und Rituale – Selbstwirksamkeit im Kleinen
Ich brauche Räume, die mich tragen.
Im Frühjahr zog ich für zwei Wochen in die Pfalz. Ferienwohnung, Treppenhaus mit Kinderlachen, Kaffeeduft, ein Fenster mit Blick in einen Hof, der nach Nachmittag klang. Von 8 bis 18 Uhr hatte ich ein Zeitgerüst.
Später ging es an die dänische Riviera – mit Inge, meiner Frau, und Lea, unserer Jüngsten. Vier, fünf Stunden Arbeit am Tag, dann Meer, Wege, Bäckereien, Muscheln.
Und schließlich: zwei Wochen Kopenhagen, bei Lea. Alltag teilen, kochen, reden – und acht Stunden Manuskript.
Was ich dabei immer wieder beobachte:
Wenn wir uns Zeit geben und uns einen Rahmen bauen, wächst nicht nur das Werk – es wächst auch das Vertrauen.
Ich schreibe mit dem Ohr.
Bevor ein Satz trägt, landet er als Klang in meinem Körper.
Ich lese laut. Ich höre, ob die Melodie den Sinn hält. Ob der Atembogen stimmt.
Schreiben ist Resonanz.
Und vielleicht ist auch das Älterwerden Resonanz:
Was schwingt in uns nach? Was schwingt nicht mehr? Was wollen wir neu zum Klingen bringen?
Mir helfen kleine Rituale, unspektakulär – aber tragend:
- Eine Tasse Kaffee, zwei tiefe Atemzüge am offenen Fenster: „Hallo, Tag.“
- Fokusfenster: 50 Minuten schreiben, 10 Minuten bewegen.
- Satzpflege: Über Nacht liegen lassen, morgens laut lesen.
- Vokabulargarten: Wörter notieren, die leuchten.
- Körper: dehnen, gehen, kurz laufen – Blut zum Kopf, Gedanken in Bewegung.
Und dann dieser Satz, der weh tut und heilt:
„Kill your darlings.“
Streich das, was du liebst, wenn es dem Ganzen nicht dient.
Das ist übrigens auch eine Alterskunst:
Nicht alles behalten, nur weil es einmal schön war.
Nicht alles festhalten, nur weil es einmal zu uns gehörte.
Manches darf gehen, damit etwas anderes Raum bekommt.
Und jetzt kommt für mich der Kern:
Diese Rituale sind nicht nur Produktivität. Sie sind Selbstwirksamkeit.
Selbstwirksamkeit ist wie ein psychologisches Immunsystem gegen diese leise Hilflosigkeit, die sagt: „Es lohnt sich nicht mehr.“
Doch.
Es lohnt sich.
Gerade jetzt.
Weil es unser Leben ist.
Abgabe, Lektorat und dieses weiche Glück beim Schreiben 60+
Bei mir kam irgendwann der Tag der Abgabe: der 20. August.
Ich fühlte mich, als wäre ich einmal zu oft durch eine Schleuse geschleust worden.
Das Wasser der Spannung abgelassen. Die Luft dünn. Die Knochen ein bisschen schwerer.
Und gleichzeitig: dieses weiche Glück, das ich kenne, wenn etwas rund geworden ist.
Dann begann das Lektorat – ein Feintanz aus Streichen, Schärfen, Schieben.
Und ich war dankbar, dass das kein Urteil über mich ist, sondern eine Einladung an den Text.
Mit Steffi von Wolff hatte ich eine Lektorin, die behutsam ist – und klar.
Genau diese Mischung.
Vielleicht ist das auch ein tröstlicher Gedanke, wenn du selbst an etwas arbeitest:
Kritik muss kein Angriff sein. Manchmal ist sie eine Form von Zuwendung – wenn sie klug und respektvoll kommt.
Worum es im Kern geht: Beziehung stiften
Wenn ich ganz ehrlich bin:
Ich schreibe, um Beziehungen zu stiften.
Zwischen mir und mir.
Zwischen dir und mir.
Zwischen Erfahrung und Sprache.
Und dieses Buch trägt ein Manifest in sich: eine Sehnsucht nach einer Pro-Aging-Kultur.
Nicht kleinmachend. Nicht beschönigend.
Sondern wahrhaftig – mit Würde, Teilhabe, Selbstwirksamkeit.
Links und Ressourcen
Magazin und Vertiefungen: hier der Link
Podcast Folge mit Tamara Dietl: hier der Link
Buch von Tamara Dietl „Die Seele bleibt Fußgänger“
Zwei Fragen an dich
Zum Schluss möchte ich dir – wie in der Episode – zwei Fragen mitgeben. Nicht als To-do. Eher als kleines Klopfen an deine innere Tür.
- Welche Entscheidung in deinem Leben braucht gerade Weite statt Druck?
- Welche zwei Stimmen in dir würdest du gern nicht mehr gegeneinander ausspielen, sondern als Chor anerkennen?
Wenn du magst, schreib mir.
Denn eine Solo-Folge ist nur scheinbar solo.
In Wahrheit sind wir hier ein Resonanzraum.

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7