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Anfang November, vor zwei Tagen wurde die Uhr auf Winterzeit umgestellt. Schon allein dieses Ereignis ist Grund für eine depressive Episode, wäre da nicht noch der 48-stündige Dauerregen über Nizza, wo ich doch eigentlich Sonne bestellt hatte. Und dann las ich zu allem Überfluss einen Artikel über die Angst vor dem Älterwerden im letzten Lebensviertel von Susanne Schneider mit dem Titel „Wenn ihr wüsstet“, der mir irgendwie den Rest gegeben hat. Susanne Schneider ist 63 und erkundet in ihrem Text präzise, fast sezierend ihre Altersangst und sie warnt damit die „Jungen“ schon mal eindrücklich vor.

Wolltest du nicht gelassen älter werden?

Na klar, und so fokussiere ich entsprechend meinem Naturell all die Aspekte des Älterwerdens, die ich proaktiv beeinflussen kann. Ich lese Bücher, die Mut und Lust auf das Älterwerden machen, die Wege aufzeigen meine Gesundheit zu erhalten. Ich ernähre mich gut, treibe Sport und halte mich geistig fit. Meine sozialen Kontakte geben mir Halt und Anregung und die Arbeit macht mir immer noch Freude. Beste Voraussetzungen, um gelassen älter zu werden. Beim Atmen könnte ich noch einiges optimieren – schon der Energie wegen – habe ich jetzt im Urlaub gelernt. Vielleicht später in einem eigenen Beitrag einmal mehr darüber.

Die Gäste in meinem Podcast sind so gewählt, dass sie optimistisch rüberkommen, auch wenn sie Themen benennen, die schwierig werden könnten. Wenn, z. B. bei Männern mit dem Einstieg in die Rente, die Arbeit wegfällt und die Renovierungsaufträge der Ehefrau erledigt und die vertagten Urlaubsreisen nachgeholt sind. Plötzlich wird es still und leer. Was gibt meinem Leben jetzt noch einen Sinn? Ist etwa eine Zäsur notwendig? Ein Innehalten könnte hilfreich sein. Tipps und Hinweise gibt es in einschlägigen Ratgebern und in meinem Podcast. Gelassen älter werden als Anregungsformat fürs Ohr! Ohne Garantie versteht sich.

Altersangst

Selbstwirksamkeitserleben als Voraussetzung

Gelingt es, die Transformationen in und durch die dritte Lebensphase proaktiv und selbstwirksam zu gestalten, dann sind die Voraussetzungen für einen entspannten Alterungsprozess günstig. Natürlich bedarf es an der einen oder anderen Stelle notwendige Anpassungsprozesse, die auch schmerzhaft sein können. Denken Sie zum Beispiel daran, Ihre beste Freundin oder Ihr bester Freund würde schwer erkranken und plötzlich würde ihnen die eigene Endlichkeit ganz drastisch und nah vor Augen geführt. Wie damit umgehen, wie im Gespräch mit dem Nächsten bleiben, auch wenn es schwerfällt, Worte für das Unfassbare zu finden? Wir sind nicht wirklich darauf vorbereitet. Können wir uns überhaupt darauf vorbereiten? Wer will sich allen Ernstes auf sein Endlichkeit vorbereiten?

Hier schaut das erste Mal die Altersangst um die Ecke

Was ist das eigentlich Altersangst? Es geht nach Wikipedia in der Regel um genau vier Aspekte:

  1. Angst vor alten Menschen
  2. Bedenken bezüglich des eigenen psychischen und körperlichen Wohlbefindens beim Älterwerden
  3. Die Veränderungen bezüglich meines äußeren Erscheinungsbild im Alter
  4. Verlust- und Todesangst

Wir können bei näherem Nachdenken sicher alle etwas damit anfangen und haben in der einen oder anderen Form schon direkt oder indirekt Berührungen gehabt. Von der Angst vor alten Menschen vielleicht einmal abgesehen. Dies war für mich zumindest ein neuer Punkt.

Hand aufs Herz und mal ganz ehrlich, in welchen Ihrer Gesprächsrunden mit Babyboomern wird über die Punkte 2 – 4 ernsthaft gesprochen. Gefühle wie Altersangst scheinen auf tragische Weise tabuisiert zu sein. So ging es mir auch als ich den Artikel von Susanne Schneider gelesen habe. Wie kann ich so etwas mit 63 Jahren wirklich schreiben wollen? Da bleibt doch nur die Altersangst nackt und unübersehbar übrig.

Als ich anfing mich mit dem eigenen Älterwerden intensiver zu beschäftigen, wollte ich auf gar keinen Fall den Fokus auf Abbau, Krankheit, Verlust, Pflegenotstand und Endlichkeit, meines letztes Drittel setzen. Doch ist das wirklich angemessen? Gehört es nicht auch zu unserer Realität den Blick darauf eben nicht zu vermeiden.

Älterwerden ist einfach ambivalent

Und die Ambivalenz steigt von 0 auf 100, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, auch wenn es vorhersehbar war, spätestens mit 75 Jahren muss ich doch mit allem rechnen. Dann kann es so richtig und drastisch bergab gehen. Von einem Tag auf den anderen benötige ich vielleicht die Hilfe eines Pflegedienstes, lasse das Bad gebrechlichkeitsgerecht umbauen, kann am wöchentlichen Wanderausflug mit meinen Freunden nicht mehr teilnehmen. Anpassungsleistungen sind gefragt. Wird es mir gelingen, mich darauf einzustellen? Wenn es gut läuft, kann ich mich daran erinnern, wie ich andere Krisen in meinem Leben gemeistert habe, mit welchen Strategien ich den Übergang gemeistert habe. Doch da ist noch mehr.

Angst vor dem Altwerden

Ja, trotz meiner inneren Haltung positiv auf das Leben zuzugehen und dankbar für meine aktuelle Lebenssituation zu sein, ich habe Angst vor dem Altwerden. Angst vor Autonomie- und Individualitätsverlust, Angst vor Fremdbestimmung, Angst vor Einsamkeit, Angst vor Gebrechlichkeit und Angst dann vielleicht keine Antworten mehr zu finden. Was mache ich dann?

Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, genau diese Ängste nicht mehr zu ignorieren bzw. zu verdrängen Ich werde ganz bewusst einen Counterpart zu all den „forever young“ Ratgeber setzen. Alt werden hat zwei Seiten ein und derselben Medaille.

An dem Rosarot der Anti Aging Industrie werde ich mich nicht beteiligen. Älterwerden ist ambivalent, basta. Und wenn wir alle einmal selbstkritisch zurückblicken, hatte doch jedes Alter vielfältige Ambivalenz-einladungen, wahrscheinlich das erste Mal bewusster wahrgenommen mit der Pubertät, der ersten großen Transformationsaufgabe in unserem Leben.

Doch das letzte Lebensdrittel ist eben noch nicht gelebt und genau deshalb bleibt es eine ungewisse Herausforderung mit offenem Verlauf, denn das Ende ist für uns alle gleich.

Wie schreibt Susanne Schneider zum Schluss ihres Beitrages: „Ich sage: Verdrängt weiter das Alter. Man mag es hin und her wenden, die Aussichten sind trostlos“. Und da habe ich dann eben doch eine andere Haltung: Die Aussichten sind durchwachsen mit sonnigen Abschnitten und Schauern zur Abkühlung. Und eins ist auch sicher, es gibt Hoch und Tiefs, so wie es immer schon war.