Berührung ab 60: Wieso Nähe kein Luxus ist?

Blogbeitrag für die Homepage von „Gelassen älter werden“ auf Basis des Gesprächs mit Prof. Dr. Ilona Kroy

Manchmal fehlt im Leben nicht das große Wort, sondern eine Hand auf der Schulter. Berührung wirkt still, fast nebenbei, und genau darin liegt ihre Kraft. Für viele reifere Menschen wird sie im Lauf der Jahre seltener, obwohl das Bedürfnis danach nicht kleiner wird. Das Gespräch mit Prof. Dr. Ilona Kroy führt mitten hinein in diese leise Lücke und zeigt, warum Nähe kein Luxus ist, sondern ein Stück seelische und körperliche Grundversorgung.

Inhalt

  • Warum Berührung mehr ist als eine nette Geste
  • Was im Körper passiert, wenn wir berührt werden
  • Warum Berührung im Alter oft seltener wird
  • Was hilft, wenn Nähe fehlt
  • Warum Einverständnis und Kontext so viel ausmachen
  • Was Pflege und Medizin daraus lernen können
  • Zum Schluss

Warum Berührung mehr ist als eine nette Geste

Berührung wird gern unterschätzt. Wir reden über Ernährung, Bewegung, Schlaf und soziale Kontakte, aber Berührung rutscht oft irgendwo an den Rand, als wär sie bloß ein freundlicher Bonus. Genau das stellt Ilona Kroy infrage. Sie beschreibt Berührung als Grundnahrung, körperlich, seelisch und sozial. Das klingt erst mal groß, trifft aber einen wunden Punkt.

Denn viele Menschen merken erst dann, was ihnen fehlt, wenn Nähe aus dem Alltag verschwunden ist. Wenn der Partner gestorben ist. Wenn die Kinder längst ihr eigenes Leben haben. Wenn Freundschaften tragen, aber kaum Berührung enthalten. Dann bleibt oft ein diffuses Gefühl zurück, schwer zu benennen, und noch schwerer auszusprechen. Man vermisst nicht einfach nur Körperkontakt. Man vermisst Bestätigung, Resonanz, Verbundenheit, das stille Gefühl, nicht allein auf der Welt zu sein.

Was im Körper passiert, wenn wir berührt werden

Im Gespräch erklärt Kroy sehr anschaulich, dass unser Tastsinn nicht nur dafür da ist, einen Schlüssel in der Jackentasche zu ertasten. Der Körper unterscheidet tatsächlich zwischen verschiedenen Arten von Berührung. Ein Teil des Nervensystems hilft uns, Dinge präzise zu erkennen. Ein anderer Teil reagiert besonders auf langsames, warmes Streicheln, also auf Berührung, die als zugewandt und liebevoll erlebt wird.

Diese langsame Berührung wirkt direkt. Die Herzrate geht runter, Stress nimmt ab, der Körper schaltet eher in Richtung Sicherheit. Genau deshalb reicht ein gut gemeintes „Du schaffst das“ manchmal nicht aus, obwohl es natürlich freundlich ist. Berührung spricht eine ältere, tiefere Ebene an. Noch bevor wir Worte verstehen, haben wir Berührung schon verstanden, sagt Kroy sinngemäß. Da ist was dran.

Besonders spannend fand ich die Stelle, an der sie das langsame Tempo beschreibt. Etwa drei Zentimeter pro Sekunde, also wirklich langsam. Man streicht nicht einfach darüber weg, man bleibt einen Moment bei dem Menschen. Das klingt fast banal und ist doch ein kleiner Perspektivwechsel. Viele von uns berühren eher hastig, nebenbei, funktional. Wohltuend wird es oft erst dann, wenn Tempo herausgenommen wird.

Warum Berührung im Alter oft seltener wird

Eine der stärksten Beobachtungen aus dem Gespräch ist schlicht und zugleich ziemlich berührend. Der Wunsch nach Berührung bleibt. Aber das, was tatsächlich an Berührung im Alltag ankommt, nimmt ab. Nicht weil reifere Menschen kein Bedürfnis mehr hätten, sondern weil sich Lebenskontexte verändern.

Kinder sind nicht mehr ständig da. Beziehungen haben ihren Rhythmus verändert. Manche Menschen leben allein. Manche trauern. Manche sind von anderen umgeben und erleben trotzdem wenig Nähe. Freundschaften können tief und tragfähig sein, aber sie haben oft keine eingeübte Berührungssprache. Man redet, man hilft sich, man bleibt verbunden, nur die Umarmung, die Hand auf dem Rücken oder das längere Verweilen fehlen.

Kroy spricht an einer Stelle von einem nonverbalen Tanz. Das ist ein schönes Bild. Berührung geschieht selten nach festem Plan. Sie entsteht in Signalen, im Zögern, im Gegenüber. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele Menschen sich danach sehnen und gleichzeitig unsicher sind, wie sie es ansprechen sollen.

„Der Wunsch nach Berührung bleibt gleich. Aber die Berührungsfrequenz nimmt ab.“

Was hilft, wenn Nähe fehlt

Die ernüchternde Antwort wäre: Es gibt keinen Schalter, den man einfach umlegt. Die hilfreiche Antwort ist trotzdem tröstlich. Man kann klein anfangen. Nicht mit großen Gesten, sondern mit Aufmerksamkeit. Mit einer etwas bewussteren Begrüßung. Mit einer Umarmung, die nicht sofort wieder aufgelöst wird. Mit dem Mut, einen Moment länger dazubleiben, wenn es sich stimmig anfühlt.

Kroy rät an mehreren Stellen dazu, Berührung in erwartbaren Kontexten zu suchen. Begrüßung. Abschied. Trost. Freude. Ein gemeinsamer Erfolg. Solche Momente tragen schon einen Rahmen in sich, und dieser Rahmen erleichtert vieles. Wer eher zurückhaltend ist, muss nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Oft reicht es, den anderen offen anzuschauen, die Arme ein wenig zu öffnen und zu schauen, was passiert.

Und dann gibt es noch eine sehr praktische, fast unspektakuläre Empfehlung, die ich stark finde: professionelle Berührung. Eine Massage, eine Kopfmassage beim Friseur, ein körpernahes Ritual mit klarer Grenze. Anfang und Ende sind gesetzt. Nichts wird zweideutig. Für Menschen mit Berührungsmangel ist das oft nicht die ganze Lösung, aber eben doch eine reale und würdige Form von Wohltat.

Warum Einverständnis und Kontext so viel ausmachen

Berührung ist nie neutral. Sie trägt Beziehung in sich. Genau deshalb braucht sie Feingefühl. Nicht jede Geste passt in jeden Zusammenhang. Nicht jede Nähe ist für jeden Menschen angenehm. Und nicht jede Irritation ist gleich eine Ablehnung, manchmal fehlt bloß eine gemeinsame Sprache dafür.

Im Gespräch wird schön deutlich, wie sehr Kontext schützt. Beim Friseur ist eine Kopfmassage angenehm, im Kollegenkreis wäre sie schnell schräg. Unter Freunden ist eine längere Umarmung in einer Krise oft stimmig. Im beruflichen Rahmen kann dieselbe Geste unpassend wirken. Berührung lebt also nicht nur von der Absicht, sondern auch von Ort, Rolle und Stimmung.

Wer älter wird, bringt zudem Lebensgeschichte mit. Gute Erfahrungen, schlechte Erfahrungen, offene Stellen. Manche Menschen sehnen sich nach Nähe und erschrecken trotzdem, wenn sie kommt. Auch das ist menschlich. Sensibilität ist hier nicht das Gegenteil von Mut, sondern seine Bedingung.

Was Pflege und Medizin daraus lernen können

An einer besonders starken Stelle sprechen Bertram Kasper und Ilona Kroy darüber, wie heilsam Berührung im medizinischen und pflegerischen Alltag sein kann. Nicht als Ersatz für Fachlichkeit, sondern als ihr menschliches Gegenstück. Eine Hand auf der Schulter, ein ruhiger Kontakt, ein Moment echter Zuwendung, das verändert die Atmosphäre sofort.

Gerade in der Pflege zeigt sich allerdings das Dilemma. Wir wissen, wie gut würdige, zugewandte Berührung tut, und gleichzeitig fehlt im Alltag oft die Zeit dafür. Deshalb ist das Gespräch auch dann ehrlich, wenn es über pragmatische Lösungen nachdenkt, über ritualisierte Berührung, über technische Unterstützung, sogar über Roboter in der Pflege. Das wirkt erst mal befremdlich, keine Frage. Und doch steckt darin eine unbequeme Realität. Zwischen einer guten menschlichen Versorgung und gar keiner Nähe liegen viele Grautöne.

Für mich bleibt trotzdem der Kern ein anderer. Berührung erinnert uns daran, dass Versorgung mehr ist als Organisation. Ein Mensch will nicht nur versorgt, sondern auch wahrgenommen werden. Das ist ein Unterschied, und man spürt ihn sofort.

Zum Schluss

Vielleicht ist das die stillste Erkenntnis dieser Episode: Berührung macht uns weicher, verbundener, zugänglicher. Nicht sentimental, sondern menschlich. Sie holt uns raus aus dem reinen Funktionieren. Sie sagt ohne Umweg: Ich sehe Sie. Sie sind mir nicht egal.

Für reifere Menschen, für Angehörige, für Paare, für Freundschaften, für Pflegekräfte und Ärzte steckt darin mehr als ein netter Gedanke. Es ist eine Einladung, mal genauer hinzuspüren. Wo fehlt Nähe im eigenen Alltag? Wo ist sie selbstverständlich geworden? Wo wäre ein wenig mehr davon heilsam, ohne groß, ohne pathetisch, einfach echt?

Links zur Episode

Buch „Touch Me Die geheime Superkraft der Berührung“ von Ilona Croy [Link einfügen]

Profil von Prof. Dr. Ilona Croy an der Friedrich-Schiller-Universität Jena [Link einfügen]