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Biografiearbeit: Wie wir unsere roten Fäden finden – und warum das gerade beim Älterwerden gut tut
Ein Wiederhören mit Sven Rohde – und eine Einladung, die eigene Lebensgeschichte neu zu lesen.
Es gibt Momente, da kippt ein Leben vom Alltag in Bedeutung – leise, ohne Trommelwirbel. So ein Moment war das Gespräch mit Sven Rohde, Autor, Coach und Podcaster, der seit Jahren Menschen beim autobiografischen Schreiben begleitet. Wir haben im Podcast über Biografiearbeit gesprochen: Was macht sie mit uns? Wieso stärkt sie Identität und Gelassenheit? Und wie hilft sie in Übergängen – etwa auf dem Weg in den Ruhestand?
„Dasselbe Leben – eine andere Geschichte.“
Sven erzählt von Ruth Rupp, Jahrgang 1926, die er über Monate interviewt und deren Leben er aufgeschrieben hat. Ein Motiv blinkt immer wieder auf: Musik. Als Kind singt sie Hänschen-klein im Garten, später wird sie – nach Kriegs- und Nachkriegsjahren, in denen vieles brachliegt – Mitglied im Chor Heaven Can Wait. Plötzlich ist klar: Musik ist kein Beiwerk, sie ist Lebenslinie.
Die Pointe: Nicht wir „erfinden“ rote Fäden – wir entdecken sie, weil sie schon da sind.
Biografiearbeit macht diese Linien sichtbar. Und sie gibt uns die Wahl: Welches Narrativ erzähle ich mir? Ein Opferstück – oder eine Entwicklungsreise? Es bleibt dasselbe Leben, aber die Kette, auf die ich die Perlen ziehe, kann eine helle sein.
Warum das so gut tut (und manchmal auch weh)
- Selbstwirksamkeit wird greifbar. In einer einfachen Übung zerlegen wir das Leben in 5‑Jahres‑Schritte (0–4, 5–9 …) und notieren: Positives, Negatives, gelöste Probleme. Allein das holt Ressourcen nach oben – „Ach stimmt, ich konnte ja was bewegen.“
- Identität schärfen. Wiederkehrende Muster (Kreativität, Fürsorge, Abenteuerlust …) werden erkennbar. Aus Anekdoten werden Haltungen.
- System in Bewegung. Familie ist keine starre Skulptur, eher eine Platte auf einer Kugel: Wenn sich eine*r bewegt, wackelt das Ganze – und sortiert sich neu. Das kann spannend sein. Manchmal heikel.
- Nebenwirkungen inklusive. Wo Wirkung, da Reibung: Familiengeheimnisse, Loyalitäten, alte Wunden. Deshalb gilt: Pausen erlauben, Grenzen achten, Unterstützung holen (Coaching/Therapie), wenn es schwer wird. Stärke zeigt sich auch im „Ich hör’ hier mal kurz auf.“
Erste Schritte – ganz ohne Roman-Ambitionen
Du magst nicht schreiben? Macht nix. Biografiearbeit ist breiter als ein Notizbuch.
- Stammbaum & Fotoalbum. Namen, Orte, Jahreszahlen ergänzen. Fragen dranheften: Wer war das? Was hat er/sie geliebt? (Plötzlich öffnen sich Türen, manchmal nach Jahrzehnten.)
- Sprachmemo-Podcast. Handy auf Aufnahme – eine Geschichte erzählen. Zehn Minuten reichen. Morgen die nächste.
- Musik als Erinnerungstür. Welche Songs liefen 1973? 1980? 1999? Playlist an, nicht denken – fühlen. Musik spricht direkt mit dem limbischen System; Erinnerungen kommen von selbst ins Zimmer.
- Der 10‑Minuten‑Brief. Timer stellen, Stift aufs Papier – nicht absetzen, egal was kommt. An ein Foto, einen Ort, an dein damaliges Ich. Ja, es darf holpern.
- Die 5‑Jahres‑Liste. Für jeden Abschnitt: 3 Zeilen Positiv, 3 Zeilen Schwierig, 1 Zeile Problem gelöst. Kurz, knackig. Wirkungsvoll.
- „Ohne-aber“-Übung. Erzähl eine gute Geschichte aus deinem Leben – ohne das kleine Wort, das alles relativiert. (Merkwürdig schwer, überraschend befreiend.)
Übergang Beruf → Ruhestand: Jetzt die Fäden neu knüpfen
Sven sagt: „Zwei Jahre vorher anfangen.“ Warum? Weil Sinn selten über Nacht einzieht. Viele Leidenschaften lagen auf Standby – Musik, Handarbeiten, Fotografie, Natur, Schreiben, politisches Engagement. Biografiearbeit ist wie ein Andockmanöver: Du siehst, wo früher etwas geleuchtet hat, und gibst ihm heute wieder Platz.
Ein Beispiel aus dem Gespräch: Nach Jahrzehnten Pause greift Sven wieder zum Bass – erst ein Geschenk, dann eine kleine Wiedereroberung, heute ein Studio voller Instrumente. So entstehen neue Routinen, Freundschaften, Räume.
Sicherheit zuerst: Wenn’s zu viel wird
- Körperzeichen (Nebel im Kopf, Puls hoch) = Stopp.
- Thema parken, zu einem anderen wechseln, später mit Begleitung wiederkommen.
- Aufschreiben verändert bereits – die Erinnerung wird im Gehirn neu abgespeichert (aktualisiert). Das kann mildern; muss aber nicht „alles“ heilen. Darf so sein.
Fragen, die dich ins Tun bringen
- Was war zwischen 20 und 24 schön? Schwer? Was habe ich gelöst?
- Welche Person hat mich „damals“ gesehen – und wofür?
- Welche Leidenschaft liegt seit Jahren still und ruft leise meinen Namen?
- Wo erzähle ich mir noch das Opfer-Narrativ – und welche helle Perlenkette könnte ich stattdessen knüpfen?
Lust auf mehr Tiefe?
- Die Podcastfolge mit Sven Rohde zur Biografiearbeit – mit vielen praktischen Übungen und Beispielen.
- Unser früheres Gespräch zu Gefühlserben (transgenerationale Prägungen) – spannend im Doppelpack.
- Tipp: Der Dokumentarfilm „Alive Inside“ zeigt, wie Musik Erinnerungen berührt – eindrücklich auch für Angehörige.
Zum Mitnehmen
Biografiearbeit ist kein Rückspiegelritual. Sie ist Gegenwartsarbeit: Du entscheidest heute, wie du die Geschichte von gestern erzählst – und wie viel Licht du morgen zulässt.
Wenn du magst, teile in den Kommentaren eine helle Perle aus deinem Leben – oder den Song, der dich in eine gute Erinnerung trägt. Und klar: Hör in die Episode rein; sie ist eine herzwarme Einladung, den eigenen roten Faden wiederzufinden.
Zum Weiterlesen & Hören
- Unsere frühere Doppelfolge mit Sven Rohde zu „Gefühlserben“: Folge 1 und Folge 2
- Alive Inside – berührender Film zur Kraft von Musik bei Demenz
- Heaven Can Wait – Chor 70+
- Sven Rohdes Frageliste „Einladung zu erinnern“ (auf Anfrage)
Frage an dich: Welchen roten Faden entdeckst du in deiner eigenen Lebensspur – und welche „helle Perle“ willst du heute bewusst aufziehen?
🎧 Abonniere den Podcast, teile die Folge mit Freund:innen und schreib uns deine Gedanken.
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Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7