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Neugier kennt kein Alter: Wie Ältere den digitalen Wandel antreiben
Ein Gespräch mit Waltraud Hermann – Physikerin, Wirtschaftsinformatikerin, Philosophin, Organisationsentwicklerin und leidenschaftliche Lernarchitektin.
Es gibt Sätze, die bleiben hängen. Einer davon: „Die Jüngeren mögen schneller sein – wir Erfahrenen kennen die Abkürzung.“ Waltraud Hermann hat diesen Satz im Podcast ausgesprochen und damit etwas auf den Punkt gebracht, was wir oft spüren, aber zu selten aussprechen: Erfahrung ist keine Patina. Erfahrung ist Antrieb – gerade in digitalen Zeiten.
Lernen als Haltung – nicht als Pflichtübung
Lernen ist für Waltraud keine To-do-Liste, sondern Lebenshaltung. Physik mit 20, Wirtschaftsinformatik mit 30, Philosophie mit 50 – nicht als Trophäen, sondern als roter Faden: die Welt verstehen, sie gestalten, ihr Sinngewebe erkennen. Informatik? Für sie eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Wer so schaut, sieht: Lernen hört nicht mit dem Abschlusszeugnis auf. Es bleibt – zu Hause beim neuen Router, im Job beim nächsten Tool, im Alltag bei jeder kleinen Entscheidung.
Nebenbei entlarvt Waltraud einen blinden Fleck: In Deutschland wird Lernen oft über Noten und Selektion erzählt – und damit schnell negativ aufgeladen. Was wäre, wenn wir das Blatt wenden? Mehr Grünstift als Rotstift. Markieren, was gelingt. Lust machen auf den nächsten Schritt statt Angst vor dem Stolpern.
Erfahrungswissen: Die unterschätzte Schnellspur
Wer die Entwicklung von der Lochkarte zum Smartphone miterlebt hat, bringt Landkarten im Kopf mit: Systeme, Übergänge, Sackgassen – und ja, Abkürzungen. Genau deshalb sind Ältere nicht das „Change-Risiko“, sondern häufig Change-Beschleuniger. Das Narrativ „zu alt für digital“ ist bequem – und schlicht falsch.
Praktische Digitalität ist mehr als Klicken und Wischen. Sie beginnt bei Strukturdenken: Wie benenne ich Dateien? Wo speichere ich Wissen so, dass andere es finden? Was ist vertrauenswürdig, was Phishing? Hier glänzt Erfahrungswissen – gerade im Zusammenspiel mit der Neugier der Jüngeren.
Lernen im Unternehmen: Von Days of Learning zu Moments of Learning
Waltrauds Weg bei Bosch zeigt, wie Organisationen Lernen entbürokratisieren können:
- Interne Expert*innen als Trainer: Key-User werden ausgebildet und coachen Kolleg*innen – Wissen bleibt im Haus und wächst.
- Event- und Alltagsformate: Aus Days of Learning wurden Moments of Learning – vom punktuellen Feuerwerk zum dauerhaften Lernen-im-Fluss.
- Reverse Mentoring & Generationentandems: Jüngere erklären Tools, Ältere erklären Zusammenhänge; beide gewinnen Geschwindigkeit und Tiefgang.
- Expert Debriefing: Erfahrungswissen beim Austritt systematisch sichern – per Leitfaden, Aufnahme, Auswertung (gern KI-gestützt). Wissen darf nicht mit in Rente gehen.
Solche Formate sind kein „Nice to have“. Sie sind die Infrastruktur für Gelingen im Wandel.
Digitale Aufholjagd: Vom Mythos der Intuition
„Intuitiv“ ist ein schönes Versprechen – bis die Oberfläche wechselt. Dann hilft nur Kompetenz: Grundverständnis für Daten, Werkzeuge, Sicherheit. Waltraud warnt vor „digitalen Analphabetismen“ – Menschen, die vieles bedienen, aber wenig verstehen. Heilmittel: systematisches Lernen in Schule, Verwaltung, Unternehmen und Zivilgesellschaft.
Brücken statt Gräben: Enkel, VHS & MINT
Wie holen wir Menschen ins Boot, die zögern? Mit Geduld und Nähe. Enkel erklären Oma Videochat – und Oma erklärt Geduld. Volkshochschulen, lokale Initiativen, MINT-Projekte und Tüftler*innen-Vereine bieten niedrigschwellige Einstiege. Niemand muss gleich programmieren – doch Souveränität in Alltagstechnologien ist heute Teil von Selbstbestimmung.
Fünf konkrete Schritte – heute anfangen, nicht übermorgen
- Ein Mini-Ziel pro Woche: E-Mail-Regeln anlegen, Passwortmanager einrichten, eine Dateiablage sauber strukturieren. Klein anfangen, konsequent bleiben.
- Peer-Pairing: Suchen Sie sich eine Lernpartnerin – jünger oder älter. 30 Minuten pro Woche genügen. Frage für Frage, Klick für Klick.
- Interne Bühne bauen: In Teams eine monatliche „Lernrunde“ etablieren (15 Minuten Lightning Talk + 15 Minuten Q&A). Rotieren!
- Wissenssicherung starten: Rollenbasierte Checklisten: „Was sollte jemand wissen, der meine Arbeit übernimmt?“ – Aufnahme an, Kurzinterview, ablegen, verschlagworten.
- Sicherheitsgrundlagen: Zwei-Faktor-Authentifizierung, Updates, Phishing-ABC. Nicht als Panikthema, sondern als Routine – wie Gurt anlegen.
Waltrauds Buch – Einladung zur Aufholjagd
Wer tiefer einsteigen will: „Wir können alles, auch die Zukunft. So gelingt uns die digitale Aufholjagd.“ Das Buch bündelt Lagebild, Beispiele und vor allem: Impulse zum Tun – für Einzelne, Teams und Institutionen.
Gelassen älter werden – und mutig lernen
Waltraud definiert Gelassenheit als Haltung, die annehmen kann, ohne hinzunehmen. Erst wenn der Puls runterfährt, weitet sich der Blick. Dann sehen wir Optionen – im Kleinen wie im Großen. Genau hier kreuzen sich Gelassenheit und Digitalisierung: Wir brauchen keine Perfektion, sondern freundliche Konsequenz. Heute ein Schritt. Morgen noch einer. Und sich selber dabei nicht so wichtig nehmen.
Reflexionsfrage: Welchen einen digitalen Handgriff probiere ich diese Woche aus – und mit wem teile ich die Lernkurve?
Zum Weiterlesen
- Waltraud Hermann: Wir können alles, auch die Zukunft. So gelingt uns die digitale Aufholjagd.
- LifeTeachUs – Praxisexpert*innen gestalten Unterrichtseinheiten
Bleiben wir neugierig – Neugier kennt kein Alter.

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7