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Nachhaltigkeit über Generationen leben, ohne dogmatisch zu werden
Wenn man Aline Pronnet zuhört, bekommt Nachhaltigkeit plötzlich etwas entwaffnend Bodenständiges. Da steht keine perfekte Weltretterin auf der Bühne, sondern eine Frau, die irgendwann als Schülerin schlicht keine Lust mehr hatte, samstags mit einem übervollen Plastiksack zum Wertstoffhof zu fahren. Der Weg zur Zero-Waste-Expertin begann nicht mit großen Parolen – sondern mit der sehr alltäglichen Frage: „Muss dieser ganze Kram wirklich sein?“
In dieser Podcastfolge von „Gelassen älter werden“ sprechen Aline Pronnet, Catharina Maria Klein und Bertram Kasper gemeinsam über Nachhaltigkeit als Lebenshaltung zwischen Einkaufskorb, Wahlzettel und Kinderwunsch.
Zero Waste: Vom Plastikmüll zum Gefühl von Selbstwirksamkeit
Aline erzählt, wie sie noch vor dem Abi einen Selbstversuch startete: plastikfrei leben. Nicht, weil es damals schon hip war, sondern weil der Müll genervt hat, Platz weggenommen hat – und in der ersten eigenen Wohnung plötzlich nicht mehr „Papaprobelem“, sondern ihr eigenes war.
Unverpacktladen statt Discounter, alte Einmachgläser der Großmutter statt Plastikboxen: Aus dem pragmatischen „Ich will weniger schleppen“ wurde nach und nach ein Lebensstil. Erst später lernte sie den Begriff Zero Waste kennen – die Idee, sich einem „Null-Müll-Lebensstil“ anzunähern, wohl wissend, dass echte Null nie erreichbar ist.
Sie fasst das in eine Art innere Pyramide:
- Refuse – den Kram, den ich nicht brauche, gar nicht erst kaufen
- Repair & Reuse – Handy-Display reparieren, Knopf annähen, Kleidung länger tragen
- Recycle & Rot – erst am Ende kommt das, was wirklich entsorgt oder kompostiert wird
Im Deutschen klingt „verzichten“ schnell nach Mangel, nach erhobenem Zeigefinger. Aline dreht den Blick:
„Kauft den Scheiß halt ned.“
Nicht als Askeseprogramm, eher als Einladung, den eigenen Alltag zu entmüllen – im Schrank wie im Kopf.
Coffee to stay: Was Nachhaltigkeit mit unserer Lebenszeit zu tun hat
Ein Beispiel, das im Gespräch hängen bleibt: Coffee to go versus Coffee to stay.
Natürlich gibt es den Mehrwegbecher. Aber Aline denkt noch einen Schritt weiter: Warum nicht einfach mal sitzenbleiben, aus der Porzellantasse trinken, zehn Minuten nichts „optimieren“, sondern einfach da sein – mit sich oder einem Lieblingsmenschen?
Nachhaltigkeit, so sagt sie, betrifft nicht nur Ressourcen wie Plastik, Energie und Geld, sondern auch zwei unterschätzte Schätze: Zeit und Gesundheit.
Wenn ich mir erlaube, meinen Kaffee in Ruhe zu trinken, ohne ständig im Kopf schon drei To-dos weiter zu sein, schone ich nicht nur den Müllberg, sondern auch mein Nervensystem.
Catharina erzählt offen, wie sie selbst einmal sehr dogmatisch unterwegs war – stark beeinflusst von Greta Thunbergs Botschaften, getrieben vom Wunsch, „alles richtig zu machen“, und irgendwann erschöpft vom eigenen Perfektionismus. Heute wünscht sie sich alltagstaugliche Tipps, die ohne Selbstkasteiung auskommen. Genau da setzt Aline an: kleine Schritte, die sich leicht anfühlen und trotzdem Wirkung haben.
Das schlechte Gewissen der Babyboomer – und die Chance dahinter
Bertram bringt eine andere Perspektive ins Gespräch: die der Babyboomer-Generation. Er beschreibt das diffuse Gefühl eines schlechten Gewissens – groß geworden in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, des Überflusses, der vollen Kühlschränke und Urlaubsflieger, die plötzlich im Rückspiegel anders aussehen, seit die Klimakrise so deutlich spürbar ist.
Gleichzeitig sieht er eine enorme Ressource:
- jahrzehntelange Erfahrung
- die Fähigkeit, Projekte zu steuern
- Netzwerke, in denen man Menschen zusammenbringen kann
- eine biografisch gewachsene Verantwortung
Diese Generation, sagt er, hat es in der Hand, sich einzumischen – im Ehrenamt, in lokalen Initiativen, in der Wahlkabine, in Familien und Unternehmen. Und doch entsteht oft ein Gefühl von: „Es ist nie genug.“
Im Gespräch wird deutlich: Die Lösung liegt nicht darin, sich in Schuldgefühlen einzukringeln, sondern im gemeinsamen Tun. Oder, wie Aline es für die politische Ebene zuspitzt:
„Weniger Ego, mehr Dialog.“
Generationendialog: Mentoring, Reverse Mentoring und das berühmte Dorf
Ein roter Faden durch die Folge ist die Frage: Wie kommen Jung und Alt wirklich miteinander ins Gespräch?
Aline erzählt von Lehrer:innen, die erst Mathelehrer oder Kunstlehrerin waren, dann Mentor:innen und später fast Freund:innen. Menschen, doppelt so alt wie sie, die ihre Begeisterung sahen, Zeit investierten und damit Türen geöffnet haben – bis hin zu der Impro-Theatergruppe, die sie mitgründete und die heute, 20 Jahre später, immer noch besteht.
Bertram beschreibt den inneren Rollenwechsel vom Chef zum Mentor, Begleiter, Freund. Wer lange geführt hat, muss, so sagt er, bewusst entscheiden:
„Ich trete einen Schritt zurück, höre zu, lasse mich irritieren – auch von Jüngeren.“
Und Catharina ergänzt die andere Seite: Jüngere, die sich ebenfalls zeigen dürfen – in Stadtratssitzungen, Ortsversammlungen, Initiativen vor Ort. Dialog passiert nicht nur, weil „die da oben“ zuhören sollen, sondern auch, weil jemand hingeht, eine Frage stellt, bleibt, wenn es zäh wird.
Nachhaltigkeit wird hier viel größer gedacht: als Beziehungsarbeit zwischen Generationen, als Bereitschaft, sich gegenseitig Mentor:in zu sein – mal in Lebensfragen, mal bei Technik, Digitalisierung und neuen Ideen.
Kinder auf einem wackeligen Ast – über Angst, Zuversicht und Urvertrauen
Ein besonders berührender Teil der Folge: die Frage nach Kindern in dieser Zeit.
Aline kennt aus ihrer Nachhaltigkeits-Bubble Sätze wie: „Wie kann man heute noch Kinder in diese Welt setzen?“ Klimakrise, politische Unsicherheiten, wirtschaftliche Fragen – Gründe, es zu lassen, gäbe es genug.
Sie selbst entscheidet sich trotzdem bewusst dafür. Warum?
- Sie glaubt, dass wir das Ruder noch herumreißen können.
- Sie möchte ihre Werte – Respekt vor Menschen, Tieren, Natur – weitergeben.
- Sie vertraut auf die Resilienz des Menschen und unsere Fähigkeit, uns anzupassen und kreativ Lösungen zu finden.
Auch Catharina erzählt von ihrem hin- und herschwankenden Kinderwunsch – vom Gefühl des „sinkenden Schiffs“ bis zur tiefen Sehnsucht, etwas weiterzugeben, überhaupt in einer Linie zu stehen, die über das eigene Leben hinausreicht. Am Ende bleibt ein Mix aus Hoffnung, Urvertrauen und klarem Blick auf die Risiken.
Aline sagt sehr offen, dass Gelassenheit in der Schwangerschaft nicht ihre größte Stärke war – die Arzttermine, das Warten, die Sorge, die Vorfreude, alles gleichzeitig. Und trotzdem spürt sie, je näher die Geburt rückt, ein starkes inneres Vertrauen: in ihren Körper, ihre Intuition, ihre Partnerschaft – und darin, dass dieses Kind in einer Welt ankommt, in der Menschen sich kümmern.
Was bedeutet „gelassen älter werden“ in diesem Kontext?
Am Ende der Folge fragt Catharina: Was bedeutet Gelassenheit für dich – gerade mit Blick auf die Zukunft?
Aline fasst es in zwei Worte: Intuition und Urvertrauen.
Gelassenheit ist für sie nicht Abwesenheit von Sorge, sondern ein innerer Boden:
- Ich weiß nicht, wie alles wird – aber ich werde meinen Weg finden.
- Ich kann nicht die ganze Welt retten – aber ich kann meine Entscheidungen bewusst treffen.
- Ich bin nicht perfekt – aber ich bin wirksam, im Kleinen wie im Großen.
Bertram bringt es noch einmal auf den Punkt, wenn er sagt, dass Zuversicht im Kleinen beginnt: beim bewussten Konsum, beim Gespräch am Küchentisch, beim liebevollen Blick auf das eigene Leben.
Und du?
Vielleicht ist das die wichtigste Einladung dieser Folge:
Nicht alles auf einmal verändern zu wollen – sondern heute einen kleinen Schritt zu gehen.
- Einen Coffee to stay statt to go.
- Ein Teil nicht kaufen, das du sowieso nicht brauchst.
- Ein Gespräch mit einem Menschen führen, der doppelt so alt oder halb so alt ist wie du.
- Beim nächsten Wahlgang an diejenigen denken, die noch gar keine Stimme haben.
Wenn viele von uns solche Schritte gehen, wird aus Nachhaltigkeit kein moralischer Zeigefinger, sondern eine geteilte Zukunftsaufgabe, die sich sogar ein bisschen leichter anfühlt.
Mehr zu unserem Gast:
👉 alinepronnet.de

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7