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Mut zur Entscheidung, was wir von Schiedsrichter Hellmut Krug fürs Älterwerden lernen können
Da steht einer mitten im Lärm, 80.000 Menschen, Millionen vor den Bildschirmen, ein Pfiff – und plötzlich hängt alles an einer einzigen Entscheidung.
Wer da weich wird, hat verloren.
In dieser Podcastfolge von „Gelassen älter werden“ spricht Catharina Maria Klein mit Hellmut Krug, langjährigem Bundesliga- und FIFA-Schiedsrichter, Funktionär beim DFB, Mitgestalter des Videobeweises – und heute: Speaker zum Thema Entscheidungen.
Es ist ein Gespräch über Fußball, klar. Aber vor allem ist es ein Gespräch über Mut, Fehler, Übergänge und Gelassenheit im Alter.
Vom fremdbestimmten Pfeifen zum eigenen Wollen
Hellmut Krug erzählt, wie er gar nicht freiwillig Schiedsrichter wurde. Ruhrgebietskind, Schalke 04 vor der Haustür, jeden Tag bolzen – eigentlich wollte er einfach nur Fußball spielen. Sein Vater aber, selbst Schiedsrichter und Funktionär, drängte ihn in den Lehrgang. Erst war es das Taschengeld, das lockte. Dann kam ein Moment, der alles kippte:
Der Vater stellte ihn vor die Wahl „Entweder du machst das richtig, oder du hörst sofort auf.“ Zwei Stunden Denkzeit.
Aus der Fremdbestimmung wurde ein inneres „Jetzt erst recht“.
Mit dieser Entscheidung begann eine Karriere, die ihn in die Bundesliga, zu Europa- und Weltmeisterschaften führte.
Für uns, die wir vielleicht vor Entscheidungen rund um Ruhestand, neue Projekte oder Loslassen stehen, steckt da schon viel drin:
- Manchmal beginnt etwas Wichtiges ungewollt.
- Entscheidend ist, ob wir es uns irgendwann zu eigen machen.
Mut zur Entscheidung im Hexenkessel: Fachwissen, Intuition, Kritik
Spannend wird es, als Hellmut erzählt, wie er gelernt hat, unter permanentem Druck zu entscheiden. Am Anfang: Ascheplatz, Jugendspiele, Eltern an der Seitenlinie, Gemecker von allen Seiten. Später:
Bundesliga, Presselandschaft, Vereinsbosse mit großer Öffentlichkeit – ein falscher Pfiff, und tagelang wird darüber geredet.
Was hat ihm geholfen?
- Fachwissen und Kompetenz: Wer nicht wirklich sattelfest ist, entscheidet unsicher – im Fußball wie im Leben.
- Intuition, die auf Erfahrung baut: Dieser berühmte „Fingerspitzengefühl-Moment“, der sich nicht in Regeln pressen lässt.
- Mut zur eigenen Linie: Keine Fahne im Wind sein, nur weil der Druck steigt.
- Fehlerkultur: „Jemand, der keine Fehler macht, entscheidet auch nicht.“ Fehler lassen sich nicht vermeiden – aber wir können aus ihnen lernen, statt uns von ihnen zerfressen zu lassen.
Interessant ist: Hellmut überträgt dieses Denken nicht nur auf den Sport, sondern auf alltägliche Lebensentscheidungen.
Gerade im Älterwerden – bleibe ich im Job, gehe ich früher, fange ich noch mal etwas Neues an? – hilft genau das:
- sich bewusst Szenarien auszumalen,
- Alternativen zu entwickeln (nicht nur Plan A, sondern auch einen Plan B in der Tasche),
- und dann wirklich eine Entscheidung zu treffen, statt sich wegzuducken.
Videobeweis und Lebenswirklichkeit: Wenn Sicherheit zur Falle wird
Natürlich kommt auch der Videobeweis zur Sprache – dieses Stück Technik, das den Fußball gerechter machen sollte und bis heute für Diskussionen sorgt.
Hellmut war zunächst skeptisch, dann – nach Lektüre des Protokolls – überzeugt, dass es unter einer Bedingung funktionieren kann:
Der VAR greift nur bei klaren, offensichtlichen Fehlern in entscheidenden Situationen ein.
Die Realität: Der Videoassistent mischt sich oft viel zu stark ein, Entscheidungen werden „übertechnisiert“, es entstehen neue Ungerechtigkeiten – und Schiedsrichter verlassen sich teilweise mehr auf den Blick von außen als auf ihre eigene Wahrnehmung.
Übertragen auf unser Leben ist das fast schon eine Steilvorlage:
Wenn wir jede Entscheidung nur noch absichern – Experten, Ratgeber, Foren, zig Meinungen –, kann es passieren, dass wir unsere eigene Urteilskraft verlieren.
Gelassen älter werden heißt nicht, alles „abzusichern“, sondern:
- sich zu informieren,
- die eigenen Kriterien zu klären,
- und dann trotz Restunsicherheit zu sagen: „So mache ich es jetzt.“
Drei Abschiede – und die Frage: Wie wollen wir das Spielfeld verlassen?
Besonders berührend ist, wie Hellmut seine drei großen Abschiede beschreibt:
- Abgang als aktiver Schiedsrichter (mit 47)
Erleichterung, Dankbarkeit, ein letztes Bundesligajahr fast ohne Reibungen. Ein geordneter, selbstbestimmter Abpfiff. - Abschied vom DFB / DFL
Hier wird es bitter: Vorwürfe einer kleinen Schiedsrichtergruppe, mangelnde Unterstützung durch den Verband, kein würdiger Abschied – nach all den Jahren.
Ein Beispiel dafür, wie schmerzhaft es ist, wenn Übergänge nicht wertschätzend gestaltet werden. - Abschied vom Schweizer Verband
Genau das Gegenbild: Anerkennung, Geschenke, gemeinsame Zeit, spürbare Dankbarkeit. Ein Abschied, der trägt.
Diese Kontraste lassen sich wunderbar in unser Thema Älterwerden hineinlesen:
Ob jemand „gut rausgeht“ – aus einem Job, einem Ehrenamt, einer Rolle – hängt nicht nur vom eigenen inneren Prozess ab, sondern auch davon, wie das Umfeld Abschiedskultur lebt.
Aber: Hellmut zeigt auch, dass wir uns nicht nur als Opfer widriger Umstände sehen müssen. Er hat Wege gefunden, seine Erfahrung weiterzugeben – als Speaker, in Gesprächen, in Vorträgen über Entscheidungen.
Gelassen älter werden: Zwischen Golfplatz, Gesundheitsangst und Humor
Zum Schluss sprechen die beiden direkt über Gelassenheit im Alter.
Hellmut sagt sinngemäß: Früher war da sehr viel Druck – Zieljagd, Öffentlichkeit, Kritik. Heute ist es anders. Er reist viel mit seiner Frau, spielt Golf, genießt das, was er sich erarbeitet hat.
Gleichzeitig ist er ziemlich klar:
Gelassenheit hat Grenzen.
Würde seine Frau schwer krank, wäre es mit der Gelassenheit vorbei. Gesundheit erlebt er als Geschenk, nicht als Selbstverständlichkeit.
Und doch schwingt da etwas sehr Kostbares mit:
- der Wille, geistig wach zu bleiben (Vorträge, Auseinandersetzung mit Themen),
- der Humor, der die Dinge ein bisschen leichter macht,
- und die Fähigkeit, nicht mehr jedem inneren und äußeren Sturm hinterherzurennen.
Genau da trifft sich das Gespräch mit der Haltung unseres Podcasts:
Gelassen älter werden heißt nicht, alles wegzulächeln, sondern innere Stabilität aufzubauen, Entscheidungen bewusst zu treffen und die eigene Lebensgeschichte nicht an andere zu delegieren.
Was nimmst du mit?
Vielleicht kennst du das:
- eine große Entscheidung steht an – Aufhören? Weitermachen? Neu anfangen?
- du hast Angst, Fehler zu machen, kritisiert zu werden, dich zu verrennen.
- ein Teil in dir hätte manchmal gern einen „Videobeweis fürs Leben“.
Diese Folge mit Hellmut Krug lädt dazu ein, dir ein paar Fragen zu stellen:
- Wo in meinem Leben weiche ich Entscheidungen aus, weil ich Angst vor Fehlern habe?
- Wo bin ich zu sehr „Fähnchen im Wind“ – und wo halte ich vielleicht schon zu starr an etwas fest?
- Welche Erfahrungen, Menschen oder „Coaches“ könnten mir helfen, klare, mutige Entscheidungen zu treffen?

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7