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Longevity 60+ ohne Leistungsdruck: Wieso ein Spaziergang zur Unsterblichkeit nach Leben klingt

Manchmal merkt man das Älterwerden nicht in großen Diagnosen, sondern in einer ganz kleinen Szene. Bertram Kasper erzählt gleich zu Beginn dieser Folge, wie er versucht hat, etwas schneller rückwärtszugehen. Klingt harmlos. War’s aber nicht. Und genau da sitzt dieser innere Spagat, den viele reifere Menschen kennen: Wir wollen beweglich bleiben, klar im Kopf, wach im Alltag, und gleichzeitig wird der Körper ehrlicher. Er macht nicht mehr jeden Quatsch mit. Schlaf wird fragiler. Routinen werden auf einmal so etwas wie ein Geländer.

In der Episode spricht Bertram mit Nils Behrens über Longevity, also Langlebigkeit, aber auf eine Weise, die nicht nach Silicon Valley riecht, sondern nach Alltag. Nach einem Leben, das sich nach Leben anfühlt.

Inhaltsverzeichnis

  1. Spaziergang statt Sprint: Was Longevity bei Nils wirklich meint
  2. 10.000 Schritte und warum 7.000 oft reichen
  3. Muskeln als Reservekonto und der Trick mit dem Ja Bereich
  4. Supplements ohne Hokuspokus: Omega 3 Vitamin D K2 Magnesium
  5. Die drei Fs Familie, Freunde, Fremde und das Thema Verbundenheit
  6. Nowgevity und die Sache mit der Erlebnisdichte
  7. Laufen lernen, lachen, lieben – eine Formel, die hängen bleibt
  8. Drei kleine Experimente für Ihre Woche

Spaziergang statt Sprint

Nils Behrens hat einen Satz in seinem Buch, der erstmal wie ein Stachel wirkt: „Ich hasse Longevity.“ Nicht, weil er Gesundheit doof findet. Sondern weil ihn diese dogmatische Aufladung nervt, dieses Gefühl, man müsse sich Regeln unterwerfen, Pulsbereiche zählen, ständig optimieren, und am Ende ist man vielleicht länger am Leben, aber schlechter gelaunt.

Sein Bild ist simpel und trotzdem stark: Es geht nicht um einen Sprint. Es geht um einen Spaziergang. Beim Gehen wird der Kopf leiser, der Körper meldet sich zurück. Und plötzlich merkt man, wo man eigentlich steht, statt einfach loszurennen.

Da steckt ein leiser Trost drin, finde ich. Weil es den Druck herausnimmt. Und gleichzeitig bleibt es konkret, nicht esoterisch. Eher so: wir kümmern uns um den Körper, weil wir gern frei bleiben.

Ein Satz aus der Folge, der mir hängen blieb: „Gesundheit bedeutet Freiheit.“

10.000 Schritte und der Mythos der Zahl

Viele haben diese 10.000 Schritte im Kopf wie ein eingebranntes Mantra. Bertram sagt es offen: Bei ihm sind sie „voll eingebrannt“. Nils erzählt dann die Herkunftsgeschichte, und die ist fast schon amüsant.

Zur Olympiade in Japan, 1964, wurde ein Schrittzähler vermarktet. Es gab ein japanisches Wort für 10.000 Schritte, „Manpo“. Das klang gut, war catchy, also wurde daraus ein Ziel. Marketing, nicht Magie. Der Körper hat das damals nicht unterschrieben, der Werbetext schon.

Nils sagt: Für viele reicht es völlig, regelmäßig um die 7.000 Schritte zu gehen. Nicht die Zahl ist der Punkt, sondern die Regelmäßigkeit. Wenn Menschen frustriert sind, weil sie 10.000 nicht schaffen, und dann komplett aufhören, ist das schade. Wenn 7.000 machbar sind und man bleibt dran, ist das ein Gewinn.

Vielleicht ist das die freundlichste Botschaft: weniger Perfektion, mehr Kontinuität.

Muskeln als Reservekonto und der Ja Bereich

Bertram bringt das Thema Muskelaufbau aus einer sehr menschlichen Ecke: Er war Marathonläufer, hohe Trainingsumfänge, und hat lange gebraucht, zu akzeptieren, dass es im Älterwerden anders wird. Heute ist er im Fitnessstudio, sogar in einem professionelleren, weil er merkt: Kraft ist nicht Luxus, sondern Schutz.

Nils nennt Muskeln ein „Reservekonto“ fürs Alter. Da ist was dran. Nicht im Sinne von Bodybuilding, sondern im Sinne von Alltag: Treppe, Einkaufstasche, Balance, Sturzprävention, Stabilität im Rücken, und ja auch dieses Gefühl, dem Körper wieder vertrauen zu können.

Und dann kommt eine schöne, sehr alltagstaugliche Formulierung: Wenn der Körper zu bestimmten Dingen Nein sagt, fangen Sie da an, wo er Ja sagt.

Das klingt simpel, ist aber oft der einzigste realistische Einstieg, gerade wenn man Schmerzen kennt oder Angst hat, sich „was einzuhandeln“, was dann bleibt. Nils nennt Beispiele, die nicht nach Hochleistung klingen:

  • langsame konzentrierte Übungen, z. B. aus dem Tai Chi Bereich
  • CARS, also kontrollierte Rotationen der Gelenke, er nennt es „Zähneputzen für die Gelenke“
  • gelenkschonende Alternativen wie Radfahren oder Schwimmen
  • im Reha Umfeld auch spezielle Lösungen, wenn man tiefer drinsteckt

Das Entscheidende ist diese Haltung: nicht auf das schauen, was nicht geht, sondern das trainieren, was noch da ist. Und das regelmäßig. „If you don’t use it, you lose it“, sagt er, und ja, der Satz ist englisch, aber der Körper versteht ihn leider sofort.

Supplements ohne Hokuspokus

Hier lohnt ein kleiner Hinweis, bevor wir ins Detail gehen: Das ist keine medizinische Beratung. In der Folge geht es um Orientierung und um das, was Nils aus Erfahrung und aus seiner Arbeit ableitet. Wenn Sie Medikamente nehmen, Vorerkrankungen haben oder unsicher sind, sprechen Sie bitte mit Ärztin oder Arzt, vorwiegend im Bezug auf Vitamin K und Blutverdünner, da kann es Wechselwirkungen geben.

Nils ist ein Fan von „Messen statt Raten“. Also nicht nur ein „großes Blutbild“ im klassischen Sinne, weil das oft gar nicht das abbildet, was Menschen erwarten. Er bringt dazu eine ziemlich böse, aber lustige Analogie: Das große Blutbild sagt über Mikronährstoffmangel ungefähr so viel wie ein Horoskop über Karrierechancen.

Was er „blind“ vielen empfiehlt, sind drei Basics:

1 Omega 3
Er erklärt es über ein Mischgetränk Bild: Für Zellmembranen sei ein Verhältnis von Omega 3 zu Omega 6 günstig. Durch Alltagsnahrung ist Omega 6 oft zu hoch, Omega 3 zu niedrig. Mehr Omega 3 soll die Zellgesundheit unterstützen, auch im Gehirn, das sehr fettreich ist.

2 Vitamin D plus K2
Nils sagt: Wer nördlich von Mailand lebt, bekommt übers Jahr oft zu wenig Sonne, vor allem von Oktober bis Ostern, weil die Strahlen flacher kommen. Vitamin D wird dann häufig supplementiert, und K2 setzt gewissermaßen den Job zu Ende, den Vitamin D beginnt, so beschreibt er es.

3 Magnesium
Magnesium ist an vielen Stoffwechselprozessen beteiligt. Nils warnt vor dem billigsten Magnesiumoxid, wegen Bioverfügbarkeit und weil man bei höheren Mengen schnell mit Durchfall bezahlt. Er empfiehlt eher Mischungen verschiedener Magnesiumsalze.

Man muss nicht alles davon sofort kaufen. Vielleicht reicht schon der Gedanke: Wenn man supplementiert, dann mit Verstand, mit Qualität, und nicht nach dem Motto „viel hilft viel“.

Proteine und die Sache mit der Sättigung

Bei Proteinen wird es schnell sportlich, und gleichzeitig ist es ein echtes Alltagsthema, gerade im Alter, wenn Muskelabbau ein Thema wird. Nils spricht über höhere Proteinziele, die in manchen neueren Empfehlungen diskutiert werden. Wichtig ist dabei sein Zusatz: Protein allein reicht nicht. Protein plus Muskelreiz ist die Kombination.

Er beschreibt auch, warum das im normalen Essen oft schwer wird. Ein Beispiel: Skyr oder Quark am Morgen kann einen ordentlichen Proteinblock liefern. Aber wenn man abends eher leicht isst, bleibt schnell eine Lücke.

Seine Lösung klingt pragmatisch: Eiweißshake muss nicht immer „dicker Milchshake“ sein. Er nutzt ein klares Molkenprotein, eher wie ein Eistee, und trinkt es beim Training, weil er da sowieso etwas trinkt.

Wenn Sie da einsteigen wollen, könnte eine gute Frage lauten: Wie viel Protein bekomme ich wirklich über den Tag, ohne dass es zur Krampfnummer wird. Und was passt zu meinem Körper, meinem Magen, meinem Alltag.

Die drei Fs Familie, Freunde, Fremde

Beziehungen sind ein bekannter Langlebigkeitsfaktor. Aber Nils setzt einen Haken, der hängen bleibt: Familie, Freunde, Fremde.

Familie und Freunde, klar. Aber Fremde?

Weil Fremde irgendwann Freunde werden können. Oder sogar Familie. Und weil Fremde neue Impulse bringen, neue Geschichten, kleine Überraschungen. Neugier ist für Nils einer der unterschätztesten Longevity Faktoren, sagt er. Und Neugier braucht Kontaktflächen.

Er sagt auch etwas, das ich mir fast an die Wand hängen würde: „Das Gegenteil von Einsamkeit ist nicht Gesellschaft, sondern Verbundenheit.“

Das erklärt, warum man sich auch in voller Runde einsam fühlen kann. Und warum ein einziges Gespräch mit einem Menschen, den man eigentlich nur flüchtig kennt, plötzlich satt machen kann.

Bertram knüpft daran eine Szene aus einem Gespräch mit der Philosophin Ina Schmidt: Freundschaft muss nicht immer Dauervertrag sein. Manchmal reicht ein Abend, an dem es „matcht“, ein intensiver Moment, und das ist dann eben auch Freundschaft, nur für diesen Moment. Das entlastet. Und es macht das Leben weiter.

Nowgevity Alles, was wir haben, ist jetzt.

Nils benutzt den Begriff „Nowgevity“. Er will damit sagen: Longevity klingt oft wie ein Apfelbaum, den man heute pflanzt, und in 8 bis 20 Jahren erntet man. Er hält das für schief.

Denn vieles, was wir für die Gesundheit tun, wirkt heute: Wenn ich heute lecker esse, fühle ich mich danach besser. Wenn ich mich heute bewege, fühle ich mich danach klarer. Wenn ich erholsam schlafe, ist der Morgen anders.

Und dann kommt dieser Blick auf Zeit, den ich wirklich liebe: Nils erzählt von einem Spiegel Artikel, der erklärte, warum sich 6 Wochen Sommerferien als Kind endlos anfühlten, und heute rauschen 6 Wochen weg. Ein Grund: neue Eindrücke. Je mehr neue Eindrücke, desto höher das subjektive Zeitempfinden. Nils nennt das „Erlebnisdichte“.

Er fragt sich manchmal ganz praktisch: Wenn ich heute auf der Couch bleibe, wie wahrscheinlich ist es, dass ich mich in einem Jahr an diesen Abend erinnere. Und wenn ich gehe, Menschen treffe, etwas erlebe?

Das ist keine Dauerpflicht zur Aktivität. Eher eine kleine Entscheidungshilfe, wenn man zwischen bequem und lebendig schwankt.

Laufen Lernen Lachen Lieben

Am Ende landet die Folge bei einer Formel, die simpel ist, aber nicht banal: Laufen, Lernen, Lachen, Lieben.

  • Laufen steht für Bewegung, für Körper, für dieses „Dranbleiben“ ohne Heldentum.
  • Lernen steht für Neugier, für Offenbleiben, für den Kopf, der nicht einrostet.
  • Lachen steht für Geselligkeit, denn wir lachen selten allein, und wenn doch, dann ist’s meistens ein gutes Buch oder ein komischer Film.
  • Lieben kam dazu, weil eine Zuhörerin sagte: Da fehlt noch ein L. Und ja, das stimmt. Liebe ist eine Energie, die trägt, und auch wehtut, wenn sie verloren geht. Nils sagt dabei etwas Kluges: Man sollte das Wort Liebe nicht inflationär benutzen. Spaghettis mögen ist keine Liebe. Herzbruch schon.

Drei kleine Experimente für Ihre Woche

  1. 7.000 statt 10.000
    Nehmen Sie sich für 7 Tage eine machbare Zahl vor. Nicht als Strafe, eher als Einladung. Und schauen Sie, ob Regelmäßigkeit sich anders anfühlt als Zielstress.
  2. Bereich Training
    Wählen Sie eine Bewegung, bei der Ihr Körper Ja sagt. 10 Minuten reichen. Gelenkrotationen, ein Spaziergang, Treppen langsam, eine kleine Kraftübung. Hauptsache, Sie fangen an, nicht „perfekt“, sondern echt.
  3. Zwei Minuten länger neugierig
    Beim nächsten Gespräch, beim Bäcker, im Wartezimmer, im Kurs, bleiben Sie zwei Minuten länger dran. Fragen Sie nach. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus echtem Interesse. Fremde sind manchmal ein überraschend gutes Vitamin.

Erwähnt und verlinkbar

  • Nils Behrens: Buch „Spaziergang zur Unsterblichkeit“, [Link einfügen]
  • Begriff „Nowgevity“
  • Ari Boomsma und sein Fitnesskonzept für Ältere