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Hören im Alter: Warum gutes Hören so viel mit geistiger Fitness und Lebensqualität zu tun hat
Worum es in dieser Folge geht
Manchmal wird ein Sinn erst sichtbar, wenn er leiser wird. Beim Hören ist das besonders tückisch, weil der Verlust selten mit einem Paukenschlag kommt. Eher wie Nebel. Erst fragt man etwas häufiger nach, dann wird der Fernseher lauter, eines Tages meidet man die laute Runde im Restaurant. Nicht aus Unlust, sondern weil es anstrengend wird.
In dieser Episode von „Gelassen älter werden“ spricht Bertram Kasper mit Thomas Sünder, Autor, Hörakustikmeister, Hörtherapeut, Tinnitus-Spezialist und Redakteur des Fachmagazins OMNIdirekt. Sünder kennt das Thema nicht nur aus der Fachperspektive. Nach einem Hörsturz, Schwerhörigkeit, Tinnitus und der Diagnose Morbus Menière musste er seine Laufbahn als Musiker und DJ beenden. Aus dem Einschnitt wurde ein neuer Weg.
Sein Satz, der in der Folge hängen bleibt, klingt erst einmal ungewohnt. Dann ziemlich logisch:
„Hörgeräte sind eine Technologie, die mir hilft, mich zu verjüngen.“
Warum Hören so eng mit Teilhabe verbunden ist
Sehen verbindet uns mit den Dingen. Hören verbindet uns mit Menschen. Dieser Gedanke zieht sich durch das Gespräch wie ein warmer Faden.
Wenn wir gut hören, nehmen wir nicht nur Geräusche wahr. Wir hören Zwischentöne, Stimmungen, Lachen am Nebentisch, Warnsignale im Straßenverkehr, die Stimme eines vertrauten Menschen. Hören ist Orientierung. Es ist Sicherheit. Und es ist Beziehung.
Gerade in der zweiten Lebenshälfte zeigt sich, wie hervorragendes Hören die Lebensqualität prägt. Wer Gesprächen leichter folgen kann, bleibt eher in Kontakt. Wer sich in Gruppen nicht ständig überfordert fühlt, sagt eher Ja zu Einladungen. Und wer sich nicht schämt, Hilfe anzunehmen, bleibt in vielen Situationen freier.
Das klingt schlicht. Ist es aber nicht. Denn Schwerhörigkeit verändert nicht nur die Lautstärke des Lebens, sondern oft auch den Radius, in dem wir uns bewegen.
Hörverlust kommt schleichend.
Thomas Sünder beschreibt in der Folge einen Unterschied, der vielen Menschen hilft: Ein Hörsturz ist plötzlich. Altersschwerhörigkeit dagegen schleicht sich langsam an.
Genau darin liegt das Problem. Das Gehirn gleicht viel aus. Es ergänzt Lücken, rät mit, sortiert Stimmen und Geräusche. Eine Weile klappt das erstaunlich gut. Eines Tages wird dieses innere Mitraten aber zur Dauerarbeit.
Typische Hinweise auf einen Hörverlust sind:
- Gespräche in Restaurants oder Familienrunden werden mühsamer.
- Andere scheinen zu nuscheln.
- Der Fernseher läuft lauter als früher.
- Nach Treffen mit mehreren Menschen stellt sich Erschöpfung ein.
- Man fragt häufiger nach, überspielt es aber mit Humor oder einem schnellen „Ach, egal“.
Viele Betroffene warten Jahre, bevor sie einen Hörtest machen. Nicht aus Dummheit. Eher aus Gewöhnung, Scham, Unsicherheit und manchmal auch wegen alter Bilder im Kopf: Hörgeräte als klobige Dinger, die pfeifen und sichtbar „Alter“ markieren. Nur stimmt dieses Bild heute kaum noch.
Das Gehirn hört mit
Eine der stärksten Erkenntnisse aus dem Gespräch: Hören passiert nicht nur im Ohr.
Im Ohr wird Schall aufgenommen und in elektrische Signale verwandelt. Doch was wir als Sprache, Musik, Richtung, Bedeutung oder Nähe wahrnehmen, entsteht im Gehirn. Thomas Sünder spricht davon, dass ein großer Teil des Hörens eigentlich Verarbeitung ist.
Das erklärt auch, warum ein Hörgerät nicht wie eine Brille funktioniert. Bei einer Brille setzt man neue Gläser auf, und die Buchstaben werden oft sofort schärfer. Beim Hörgerät bekommt das Gehirn plötzlich wieder Klanginformationen, die es lange nicht mehr verarbeitet hat. Frequenzen tauchen auf, die weg waren. Alltagsgeräusche wirken anfangs manchmal zu laut. Besteck, Klospülung, Papier, Vogelstimmen, alles meldet sich zurück.
Das ist kein Versagen. Das ist Lernen.
Wer lange schlecht gehört hat, muss das neue Hören wieder einüben. Darum spricht Sünder über Hörtraining. Es geht nicht nur um Technik im Ohr, sondern um Gewöhnung, Verarbeitung und Vertrauen in den eigenen Sinn.
Höranstrengung: Der unterschätzte Kraftfresser
Vielleicht ist „Höranstrengung“ das Wort, das man nach dieser Folge mitnehmen sollte.
Wir reden beim Hörverlust oft nur über Verstehen oder Nichtverstehen. Dabei liegt viel dazwischen. Ein Mensch kann Sprache noch verstehen, aber nur mit gewaltigem inneren Aufwand. Das kostet Kraft.
Dann sitzt jemand in einer Runde, lächelt, nickt, hört etwas mit und ist innerlich im Dauerlauf. Das Gehirn versucht, aus Bruchstücken Sinn zu bauen. Wer spricht? Von wo kommt die Stimme? Was wurde am Satzanfang gesagt? War das ein Witz oder eine ernste Bemerkung?
Diese Anstrengung sieht man von außen nicht immer. Manchmal wirkt die Person still, abwesend oder mürrisch. In Wirklichkeit ist sie schlicht erschöpft. So entsteht schnell ein Missverständnis: Die Umgebung denkt, da zieht sich jemand zurück. Der Betroffene denkt, die anderen sprechen undeutlich. Und zwischen beiden wächst ein kleiner, unnötiger Graben.
Hören, Demenzrisiko und geistige Fitness
Das Thema Demenz braucht Sorgfalt. Niemand sollte hören: „Nimm ein Hörgerät, dann bekommst du keine Demenz.“ So einfach ist es nicht. Und solche Versprechen wären unseriös.
Trotzdem zeigen große Forschungsarbeiten seit Jahren: Unbehandelter Hörverlust gehört zu den beeinflussbaren Risikofaktoren, die im Zusammenhang mit kognitivem Abbau und Demenz diskutiert werden. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt unbehandelten Hörverlust unter anderem mit Folgen für Kommunikation, soziale Isolation, Kognition und einem erhöhten Risiko für kognitive Verschlechterung. Auch die Lancet Commission zur Demenzprävention führt Hörverlust als relevanten veränderbaren Risikofaktor auf.
Warum könnte dieser Zusammenhang entstehen?
Drei Erklärungen liegen nahe:
- Das Gehirn bekommt weniger Anregung. Wenn bestimmte Klanginformationen fehlen, werden Netzwerke weniger genutzt.
- Hören kostet mehr Arbeitskraft. Das Gehirn muss Lücken füllen, statt Energie für andere Denkprozesse zu haben.
- Sozialer Rückzug wird wahrscheinlicher. Wer schlecht versteht, meidet eher Gespräche, Vereine, Kultur, Restaurantbesuche oder Familienrunden.
Das heißt nicht: Hörgeräte sind ein Wundermittel. Es heißt eher: Hörgesundheit gehört zur Vorsorge. Wie Bewegung, Schlaf, Ernährung, Blutdruck, soziale Kontakte und geistige Aktivität.
Warum viele Menschen zu lange warten
„So schlimm ist es bisher nicht.“ Diesen Satz kennen viele Familien.
Oft merken Angehörige den Hörverlust früher als die betroffene Person selbst. Der Fernseher ist zu laut. Antworten passen nicht ganz zur Frage. Gespräche werden gereizter, weil ständig wiederholt werden muss. Und dann kommt dieser heikle Punkt: Wer darauf angesprochen wird, fühlt sich schnell kritisiert.
Thomas Sünder benennt das sehr klar. Manchmal wird die Verantwortung verschoben: Die anderen nuscheln. Die Akustik ist schlecht. Der Raum ist zu laut. Alles stimmt vielleicht sogar ein wenig. Nur erklärt es nicht, warum es immer öfter passiert.
Hilfreich ist kein Druck, sondern eine Einladung zur Selbstwirksamkeit:
- „Wollen wir das einfach mal prüfen lassen?“
- „Ein Hörtest heißt ja nicht automatisch Hörgerät.“
- „Vielleicht wäre es schön, wenn Gespräche wieder leichter werden.“
- „Lass uns das wie einen Gesundheitscheck sehen, nicht wie ein Urteil.“
Ein Hörtest ist kein Bekenntnis zum Alter. Es ist eine Bestandsaufnahme. Punkt.
Moderne Hörgeräte: Kleine Technik, große Wirkung
Das alte Bild vom piependen Hörgerät hält sich hartnäckig. Moderne Hörsysteme haben damit kaum noch etwas zu tun.
Sünder beschreibt Hörgeräte als kleine Hochleistungsgeräte, die Klangumgebungen fortlaufend analysieren, Sprache hervorheben, Störgeräusche reduzieren und sich mit Smartphone, Fernseher oder Computer verbinden lassen. Telefonieren über die Hörgeräte, Podcasts hören, Fernsehton direkt empfangen, in manchen Fällen sogar Sturzerkennung: Das alles gehört längst zur Realität.
Besonders schön ist sein Beispiel vom Spaziergang im Stadtpark. Vogelstimmen hören, gleichzeitig die Person neben sich verstehen, nicht abgeschnitten sein von der Umgebung. Genau darum geht es: Nicht nur lauter hören, sondern wieder sortierter, natürlicher, entspannter im Leben stehen.
Sünder weist aber auch auf Handwerk hin. Ein gutes Hörgerät allein reicht nicht immer. Passgenaue Ohrstücke, eine sorgfältige Einstellung und genug Zeit zur Gewöhnung machen den Unterschied. Wer nur ein Standardschirmchen im Ohr trägt, obwohl eine andere Versorgung sinnvoll wäre, nutzt die Möglichkeiten der Technik womöglich nicht aus.
Was Sie konkret tun können
Wenn Sie bei sich oder einem nahen Menschen merken, dass Hören anstrengender wird, helfen kleine, klare Schritte.
1. Einen Hörtest machen
Ab etwa 50 lohnt sich ein regelmäßiger Hörtest. Viele Hörakustiker bieten ihn unkompliziert und kostenfrei an. Auch HNO Ärztinnen und HNO Ärzte sind eine gute Anlaufstelle, besonders bei medizinischen Fragen.
Bei plötzlichem Hörverlust, einseitiger deutlicher Veränderung, starkem Schwindel oder neuem Tinnitus sollte man nicht abwarten, sondern zeitnah ärztlich abklären lassen.
2. Nicht nur fragen: „Höre ich noch genug?“
Besser ist die Frage: „Wie anstrengend ist Hören für mich geworden?“
Denn manchmal ist nicht die reine Lautstärke das Problem, sondern das Verstehen in schwierigen Situationen. Restaurant, Familienfest, Bahnhof, Kirche, Vortrag, Vereinsabend. Genau dort zeigt sich, wie alltagstauglich das Hören noch ist.
3. Hörgeräte ausprobieren, ohne Drama
Ein Hörgerät ist keine Niederlage. Es ist ein Hilfsmittel. Wie eine Brille, ein guter Schuh, ein Blutdruckmessgerät oder ein Geländer an der Treppe. Alles Dinge, die Würde nicht nehmen, sondern Alltag erleichtern.
4. Hörtraining ernst nehmen
Wer länger schlecht gehört hat, braucht Geduld. Das Gehirn lernt wieder, Klangmuster zu deuten. Hörtraining, konsequentes Tragen und eine gute Begleitung durch Fachleute verkürzen den Weg zurück in ein entspannteres Hören.
5. Das Gehör schützen, solange es gut ist
Gehörschutz ist nicht nur etwas für Baustellen. Konzerte, Sporthallen, laute Feiern, Maschinen, Kopfhörer in hoher Lautstärke: All das belastet die Ohren. Maßgefertigter Gehörschutz mit Filter dämpft, ohne die Welt dumpf zu machen. Ein kleiner Luxus vielleicht, aber einer mit Langzeitwirkung.
Links zur Episode
Buch: „Ganz Ohr: Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält“ von Thomas Sünder und Dr. Andreas Borta
Link zum Buch: [Link hier]
Website Thomas Sünder: [Link hier]

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7