+49 175 2600238

Porto bei Nacht und die Fragen, die dein Leben ausmachen

Es gibt Texte, die sind wie Muscheln: Man hebt sie auf, hält sie ans Ohr, und plötzlich hört man mehr als nur Worte. In dieser Episode von Gelassen älter werden ist genau ein solcher Moment passiert, weil es keine klassische Gesprächsfolge ist, sondern eine Lesung. Ich lese einen Text vor, der es am Ende nicht ins Buch geschafft hat und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) etwas sehr Wesentliches trägt: diesen stillen, manchmal widersprüchlichen Kern der dritten Lebensphase.

Denn wenn man schreibt, entsteht fast immer mehr, als später zwischen zwei Buchdeckeln landet. Und das Ausgesparte ist nicht „für die Tonne“. Es ist eher wie ein Nebenweg im Wald, der nicht auf der offiziellen Karte steht, aber genau dorthin führt, wo es nach Moos riecht und man kurz mal wieder atmet wie früher.

Eine Lesung über Orte die denken helfen

Der Text führt nach Porto im Herbst 2019. Nicht als Reiseführer, eher als Seelenkulisse. Eine Ferienwohnung, eine Terrasse, der Blick auf den Douro, warmes Licht am Morgen – und diese eine Art von Abend, die man kennt: Der andere schläft schon, draußen ist die Stadt leiser geworden, und in der Küche sitzt man plötzlich da wie an einer inneren Weggabelung.

Manchmal braucht es genau das: Abstand vom Alltag, eine fremde Stadt, ein bisschen Melancholie in der Luft, damit Fragen auftauchen dürfen, die sonst im Lärm untergehen.

Und dann sind sie da, diese zwei Sätze, die wie alte Bekannte wirken und gleichzeitig wie Zumutungen:

Wo komme ich her?
Wo gehe ich hin?

Der Raum dazwischen heißt Leben. Und Leben heißt, von Anfang an: älter werden.

Warum diese zwei Fragen eine solche Wucht haben

Ich glaub, diese beiden Fragen sind so mächtig, weil sie gleichzeitig schlicht und gnadenlos sind. Sie sind Wegweiser – und Stolpersteine. Wer ihnen ausweicht, hat manchmal ein ruhigeres Wochenende. Wer ihnen zuhört, bekommt dafür etwas anderes: Richtung, Tiefe, vielleicht sogar so eine Art inneres Aufräumen.

Und dann kommen, wie von selbst, die Nebensätze des Lebens hinterher:

  • Wer will ich sein, wenn niemand mehr meinen „Titel“ ruft
  • Welche Spuren will ich hinterlassen, ohne gleich pathetisch zu werden
  • Welche Werte tragen mich, wenn’s unübersichtlich wird
  • Wofür lohnt es sich, noch mal aufzustehen – und wofür auch nicht mehr

In der dritten Lebensphase verändern sich diese Fragen. Nicht unbedingt, weil wir plötzlich schlauer sind. Sondern weil wir mehr erlebt haben. Weil wir Verlust kennen. Weil wir schon mal falsch abgebogen sind. Weil wir gemerkt haben, dass Zeit nicht nur vergeht – sondern manchmal auch steht, zäh wie Honig.

Die ungeschriebenen Seiten und dieser Moment wenn der Körper mitredet

In der Lesung erzähle ich auch von einer Zäsur, die bei mir früh kam: mit 44. Eine Knieverletzung, nach Jahren intensiven Laufens. Plötzlich Schluss. Nicht „einfach mal Pause“, sondern: wirklich Schluss.

Vielleicht kennst du sowas auch. Nicht unbedingt das Knie. Aber diesen Moment, in dem das Leben sagt: So wie bisher geht’s nicht weiter. Und man merkt, wie schnell man innerlich in Widerstand rutscht. Kämpfen, reparieren, zurückholen, so tun, als sei es nur eine Phase.

Und dann steht man irgendwann an einer anderen Schwelle: Akzeptanz. Nicht als Aufgeben, eher als nüchternes Anerkennen der Wirklichkeit. Und ausgerechnet dort, wo es erst mal eng wird, entsteht manchmal etwas Neues. Bei mir war es Nordic Skating – eine andere Bewegung, ein anderer Rhythmus. Nicht mehr laufen, sondern gleiten. Klingt banal, ist aber als Bild ziemlich stark: Die ungeschriebenen Kapitel bleiben – nur die Art, wie man sie füllt, verändert sich.

Das ist, nebenbei, ein ziemlich brauchbarer Gedanke fürs Älterwerden: Nicht alles, was aufhört, nimmt dir Bedeutung weg. Manches macht nur Platz für eine andere Form.

Respekt und Angst sitzen oft am gleichen Tisch

In dieser Porto Nacht (0.30 Uhr, ein Glas Portwein, diese besondere Stille) kommt dann noch etwas dazu: Respekt vorm Älterwerden. Und direkt dahinter – fast schon wie ein Schatten – Angst.

Angst vor:

  • Verlust von Autonomie
  • Fremdbestimmung
  • Einsamkeit
  • körperlichem Verfall
  • und dieser fiesen Frage: Was, wenn ich keine Antworten mehr finde

Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Im Gegenteil. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Gelassenheit anfängt: nicht beim Wegdrücken, sondern beim Hinstellen. Auf den Tisch. „Da bist du also, Angst. Setz dich. Aber du bestimmst hier nicht alles.“

Was du aus dieser Lesung mitnehmen kannst

Diese Folge ist keine „Tipps und Tricks“ Episode. Eher ein Resonanzraum. Und trotzdem bleiben beim Hören (oder Lesen) oft ganz konkrete Dinge hängen. Zum Beispiel:

  1. Orte können innere Prozesse beschleunigen
    Nicht weil sie magisch sind, sondern weil sie Abstand geben.
  2. Sinnfragen sind nicht nur Philosophie sondern Praxis
    Sie bestimmen, wie du deine Zeit füllst, wen du nah ranlässt, wofür du Energie ausgibst.
  3. Brüche sind oft der Anfang eines neuen Narrativs
    Nicht schön im Moment – aber rückblickend manchmal der Wendepunkt.
  4. Älterwerden beginnt nicht mit der Rente
    Es beginnt mit jedem kleinen Abschied, jeder Veränderung, jeder Anpassung.
  5. Gelassenheit ist kein Dauerzustand
    Eher eine Übung. Mal klappt’s, mal nicht. Und genau deshalb lohnt’s sich.

Drei Fragen zum Mitnehmen in deinen Alltag

Vielleicht magst du sie dir irgendwo hinschreiben, ganz altmodisch, Zettel an den Kühlschrank oder so:

  • Welcher Ort bringt mich in Kontakt mit mir selbst – und warum gönn ich mir den zu selten
  • Welche leeren Seiten liegen gerade vor mir – und womit will ich sie füllen
  • Wovor hab ich Respekt – und was davon ist Angst, die nur laut tut

Ausblick auf Teil 2

Am Ende der Episode entscheide ich mich, die Lesung zu teilen: Teil 1 ist Porto und die Fragen. Teil 2 kommt in der nächsten Episode – mit einer Lesung der Abschiedsrede, die ich zu meinem Abschied gehalten habe.

Manchmal ist es ja so: Erst wenn man etwas wirklich beendet, spürt man, was es einem bedeutet hat. Und was man loslassen muss, damit was Neues überhaupt eine Chance hat.

Links und Hinweise

  • Link zum Buch
  • Buch „Die größte Reise deines Lebens –  mit Gelassenheit älter werden“ erscheint am 7.04.2026, Vorbestellung: [Link zum Buch]