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Später Gipfelsturm: Was wir vom Klettern im Alter lernen können – mit Irmgard Braun
Manchmal reicht ein einziger Gedanke, um das innere Altersbild leise umzuschreiben. In dieser Podcastfolge war es dieser: Wer Treppen steigen kann, der kann auch klettern. Nicht als Trotzsatz. Eher als freundliche Erinnerung daran, dass Fähigkeit oft näher ist, als unser Kopf behauptet.
Ich habe mit Irmgard Braun gesprochen, seit über 40 Jahren am Fels, früher Erstbegehungen, Nationalmannschaft, heute immer noch mit ehrlichem Ehrgeiz unterwegs. Und ja: Sie klettert im neunten Schwierigkeitsgrad. Nach Unfällen. Nach OP. Und ohne diese asketische „Nur noch Sellerie und Verzicht“-Attitüde. Sie spricht offen über Wein, Schokolade – und darüber, warum genau das kein Widerspruch ist.
Dieser Artikel ist kein Aufruf, ab morgen alle an die Wand zu gehen. Es geht um etwas Größeres: um ambitioniertes Älterwerden mit einem klaren Kopf, einer Portion Freude – und einem sehr nüchternen Verhältnis zu Risiko.
Wer ist Irmgard Braun und wieso berührt uns ihre Geschichte?
Irmgard Braun ist eine dieser Personen, die nicht laut beweisen wollen, dass „Alter nur eine Zahl“ sei. Sie macht einfach ihr Ding. Und genau das ist so wirksam.
Zwei Unfälle haben sie ausgebremst: ein Mofa-Unfall mit Handgelenkbruch und Muskelschwund, später ein Fahrradunfall mit Kreuzbandriss. Ein Jahr nach der Knie-OP wieder im Vorstieg eine Route im neunten Grad zu klettern – das ist nicht „ein bisschen fit bleiben“. Das ist: sich ein Ziel setzen, eine Struktur leben, einen langen Atem haben.
Und trotzdem sagt sie etwas, das man in Leistungsgeschichten selten hört: Anerkennung freut sie – aber es ist nicht der Kern. Der Kern ist Freude. Bewegung. Und dieses stille Glück, etwas hinzubekommen, das man selbst zuerst für „eher schwierig“ hielt.
Ambitious Aging – Leistung im Alter, aber ohne Selbstdrama
Irmgard beschreibt etwas, das ich sehr mag: nicht „höher, schneller, weiter“ um jeden Preis, sondern schwierige Ziele, die zu ihr passen. Keine Weltmeisterschaft, kein Größenwahn. Sondern Herausforderungen, die Leben in den Alltag bringen.
Ihr Satz dazu hat einen feinen Stich Wahrheit:
Wenn sie keine schwierig erreichbaren Ziele hat, wird es ihr schnell langweilig.
Das ist kein Sportthema. Das ist ein Lebensprinzip.
Viele Menschen 60 plus kennen genau diese Leere nach dem Berufsende: plötzlich weniger „Mussgeschichten“, weniger Termine, weniger Dringlichkeit. Irmgard nennt das nicht Krise – sie nennt es Freiheit. Sie sucht sich, womit sie sich beschäftigen will. Und sie zeigt damit: Freiheit braucht Form. Sonst wird sie zur Wabbelwolke.
Mentale Stärke: Die inneren Stimmen – und wer am Ende das Steuer übernimmt
Einer der spannendsten Teile unseres Gesprächs war ihr Umgang mit Angst. Und das ist beim Klettern eben nicht theoretisch, sondern körpernah: Angst sitzt plötzlich im Griff, im Atem, im Tempo.
Irmgard nutzt ein Modell, das erstaunlich simpel klingt – und gerade deshalb funktioniert: die inneren Stimmen.
- Da ist die ängstliche Stimme („Die Haken sind weit auseinander …“)
- Da ist die rationale Stimme („Du bist gut gesichert, du schlägst nirgends auf …“)
- Da ist die Ehrgeizstimme („Das wäre toll, wenn du das packst …“)
Der Trick ist nicht, die Angst wegzudrücken. Der Trick ist: Alle dürfen kurz sprechen. Und dann kommt der Moment der Entscheidung:
Wenn klar ist, dass keine reale Gefahr besteht, sagt sie sinngemäß: Ihr seid jetzt still. Und dann geht sie los. Voll präsent.
Das ist im Alltag genauso wertvoll.
Vor einem schwierigen Gespräch. Vor einem neuen Kurs. Vor einem Auftritt. Vor dem ersten Schritt in eine neue Lebensphase.
Nicht die Abwesenheit von Angst macht frei, sondern die Fähigkeit, sie zu sortieren.
Risikomanagement: Die erste Regel im Alter lautet „Verletz dich nicht“
Irmgard sagt es glasklar: Wenn ihr am Fels etwas riskant erscheint, dann macht sie es nicht. Punkt.
Das ist interessant, weil es nicht nach „vorsichtig“ klingt, sondern nach souverän.
Im Alter haben Verletzungen oft längere Schatten: Heilung dauert länger, Aufbau dauert länger, manchmal bleibt etwas. Deshalb wird die Frage wichtiger:
Ist das Risiko real – oder nur ein Film im Kopf?
Diese Unterscheidung ist Gold wert. Und sie ist, ehrlich gesagt, auch ein guter Kompass für alles, was wir „nochmal anfangen“ wollen: Es gibt Risiken, die man klug minimieren kann. Und es gibt Risiken, die man einfach nicht eingehen muss, um sich lebendig zu fühlen.
Training 50 plus: Regelmäßigkeit, Intensität – und ein bisschen kluges Beiwerk
Irmgard spricht nicht von „ein bisschen bewegen“. Sie spricht von Training.
Was bei ihr drin ist (vereinfacht):
- Klettern draußen 2–3 Tage (Sommer), Halle im Winter
- dazu Kraftübungen (Klimmzüge, Liegestütze, Antagonisten, Rumpf)
- Ausdauer (z. B. 2× pro Woche 40 Minuten)
Ihr zentraler Punkt: Muskeln sind ein Schlüssel.
Und wenn man nur gemütlich dahin-klettert, passiert muskulär nicht viel – so wie langsames Radfahren eben nett ist, aber nicht unbedingt aufbaut.
Mir gefällt daran, dass es nicht nach Drill klingt, sondern nach Klarheit. Auch: Anstrengung kann Spaß machen. Das ist ein Satz, den viele erst wieder lernen müssen.
Klettern als Gehirntraining: knobeln, planen, kreativ werden
Klettern ist nicht nur „hochziehen“. Irmgard beschreibt es als Mischung aus Schach und Rätsel:
Welche Reihenfolge? Welche Bewegung? Welche Lösung?
Und manchmal braucht es genau diese Out-of-the-box-Idee:
ein Fuß in ein Loch, eine ungewöhnliche Körperposition, ein anderer Rhythmus.
Das ist in Zeiten, in denen wir oft geistig in Routinekanälen laufen, eine ziemlich schöne Vorstellung: ein Sport, der Körper und Gehirn gleichzeitig fordert, ohne dass es sich wie Gehirnjogging anfühlt.
Bouldern vs Seilklettern: Warum im Alter die Wahl der Spielwiese zählt
Irmgard macht einen wichtigen Unterschied:
- Bouldern: ohne Seil, in Absprunghöhe, kurze harte Züge, höhere Belastung für Gelenke, Absprung kann problematisch sein
- Seilklettern: gesichert, kontrollierter, geringere Verletzungsgefahr – wenn man Risiken rational managt
Das ist eine dieser Stellen, wo man merkt: Nicht „Sport“ ist die Frage, sondern welcher Sport in welcher Form.
Genuss und Zielorientierung: Wein, Schokolade – und das gute Leben
Ich mochte sehr, wie selbstverständlich Irmgard Genuss in ihr Konzept einbaut. Kein Rechtfertigen, kein „eigentlich dürfte ich nicht…“.
Sie lebt ziemlich bewusst: proteinreich, eher Low Carb, aber mit Platz für Käsekuchen, Wein, Schokolade, gutes Essen, Museum, Kultur. Und sie sagt: Im Alter wird das bewusster, weil man irgendwann merkt, dass Zeit nicht unendlich ist.
Das ist vielleicht die reifste Form von Leistung: nicht nur Ziele erreichen, sondern das Leben dabei nicht verlieren.
Was Sie aus der Folge mitnehmen können – auch ohne Klettergurt
Drei Gedanken, die über den Fels hinausreichen:
- Suchen Sie sich ein Ziel, das Sie wirklich reizt. Nicht irgendeins, das gut klingt. Eines, das Ihnen morgens ein kleines „hm, interessant…“ in den Bauch setzt.
- Hören Sie Ihre inneren Stimmen – aber lassen Sie nicht jede ans Steuer. Angst darf da sein. Doch Entscheidung auch.
- Wählen Sie eine Form, in der Sie Erfolg erleben können. Irmgard sagt es sehr praktisch: Stärken ausbauen, Erfolg beflügelt. Das gilt für Sport, Hobbys, Lernen, Neuanfänge.
Mini Impuls für Ihren Alltag
Wenn Sie mögen, nehmen Sie sich heute 5 Minuten und beantworten Sie diese Frage schriftlich:
Was wäre ein „neunter Grad“ in meinem Leben – klein genug, dass ich anfangen kann, groß genug, dass es mich kitzelt?
Und dann:
Welche eine realistische erste Stufe wäre diese Woche möglich?
Links:
Irmgard Braun und ihre Bücher: [Link zur Autorinnenseite]

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
Hier auf seiner Internetseite können Sie seinen Podcast hören, in seinem Magazin lesen und ihn für Vorträge buchen.
Und jetzt gibt es das Buch zum Podcast. Es erscheint am 07.04.2026 unter dem Titel „Die größte Reise deines Lebens – mit Gelassenheit älter werden“ und ist hier z. B. vorbestellbar: Buch 7