Zu jung fürs Abstellgleis: Was Altersdiskriminierung mit uns macht und was wir dagegen tun können bei 37 Grad

„Abstellgleis“ ist solch ein Wort, das sofort Bilder erzeugt. Ein Waggon am Rand, Regen, keiner schaut hin. Und genau da liegt das Problem: Nicht nur, dass Menschen wegsortiert werden, sondern dass wir uns irgendwann selber so behandeln, als wären wir schon halb verschwunden.

In der aktuellen Episode von „Gelassen älter werden“ spricht Bertram Kasper mit Klemens Schüttken und Katrin Schwahlen, den drei Protagonisten der ZDF 37 Grad Dokumentation „Zu jung fürs Abstellgleis“ (Ausstrahlung am 24.03. um 22:15 Uhr im ZDF). Das Gespräch ist besonders, weil alle drei den Film zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht gesehen haben. Keine nachträgliche Deutung, keine glatt gebügelte Story, eher so: ehrlich, wach, manchmal auch etwas kantig.

[Link zur Podcast Episode]
[Link zur ZDF Sendung oder Mediathek]

Inhaltsverzeichnis

  1. Worum es in der Episode wirklich geht
  2. Abstellgleis: Warum ein Titel so triggern kann
  3. Altersdiskriminierung: leise im Job, laut im Alltag
  4. Selbstbilder: Wenn die strengste Stimme im Kopf sitzt
  5. Digitalzwang: Die strukturelle Form der Ausgrenzung
  6. Sieben alltagstaugliche Hebel, die wirklich was ändern
  7. Fazit und Frage zum Mitnehmen

Worum es in der Episode wirklich geht

Klar, es geht auch ums Fernsehen: Wie kommt das ZDF auf jemanden, warum sagt man Ja, wie fühlen sich Drehtage an, und was passiert im Kopf, wenn man weiß, da wird später geschnitten, verdichtet, zugespitzt?

Aber darunter liegt das eigentliche Thema: Wie bleibt man als reiferer Mensch sichtbar und wirksam, ohne sich dauernd rechtfertigen zu müssen? Katrin erzählt, wie sie über Palais Fluxx angesprochen wurde. Klemens bringt seine Erfahrungen aus der Kreativbranche mit, in der Wertschätzung manchmal plötzlich dünn wird, je älter man wirkt. Und Bertram verbindet das Ganze mit seinem Pro Aging Blick: Es geht nicht ums „brav alt werden“, sondern ums Gestalten.

Ein Satz von Klemens fasst dieses „wenn schon, denn schon“ gut zusammen: Wer A sagt, muss auch B sagen. Das macht Sinn, wenn man Öffentlichkeit will, dann muss man auch mal reingehen, selbst mit Muffensausen.

Abstellgleis: Warum ein Titel so triggern kann

Katrin reagiert auf den Titel der Doku ziemlich direkt. „Abstellgleis“ fühlt sich für sie nicht nach neutraler Provokation an, sondern nach Abwertung. Ähnlich wie „Überalterung“, ein Wort, das Menschen in eine Problemzone schiebt, als wären sie eine Statistik mit Puls.

Klemens sieht es pragmatischer: Titel sollen piksen, sonst hört keiner hin. Das Wort ist unschön, ja, aber genau das kann die Aufmerksamkeit erzeugen, die das Thema braucht.

Bertram wiederum sagt sinngemäß: Für ihn löst der Begriff nicht automatisch Angst aus, weil er sich selbst nicht dort sieht. Und da wird’s spannend: Wie stark hängt unsere Reaktion davon ab, welches Bild wir von uns selbst haben? Fühlen wir uns noch als Gestalter, oder schon als jemand, der bitte nicht „stört“?

Altersdiskriminierung: leise im Job, laut im Alltag

In der Episode prallen unterschiedliche Erfahrungen aufeinander, und das ist gut so, weil es das Thema nicht auf eine einzige Wahrheit zusammenschrumpft.

Klemens beschreibt Altersdiskriminierung eher als etwas, das selten offen ausgesprochen wird. Entscheidungen werden anders, Aufträge bleiben aus, Türen öffnen sich schwerer. Man vermutet den Grund, man bekommt ihn nicht serviert. Und genau dadurch wird’s so schwer zu greifen.

Katrin dagegen hat offene Abwertung erlebt, gerade in Social Media, dieses pauschale „die Boomer sind schuld“. Da ist nichts versteckt, da ist Etikett drauf und fertig. Und sie benennt etwas, das viele kennen: Man wird plötzlich in eine Gruppe gesteckt, der man gar nicht freiwillig beigetreten ist.

Bertram bringt noch eine dritte Ebene rein: den Alltag. Die Szene an der Kasse, die Ungeduld gegenüber langsameren Menschen, das Abkanzeln in Arztpraxen, wenn jemand schlechter hört. Das sind keine großen Debattenrunden, das ist Alltagssprache. Und die kann ganz schön weh tun.

Selbstbilder: Wenn die strengste Stimme im Kopf sitzt

Einer der stärksten Momente im Gespräch ist nicht „die Gesellschaft da draußen“, sondern das, was innen passiert. Katrin beschreibt diese innere Instanz, die flüstert: „Das kannst du nicht mehr anziehen, so gehst du nicht mehr raus, das macht man in deinem Alter nicht.“ Kein Mensch sagt’s laut, aber es wirkt trotzdem, weil wir solche Bilder irgendwann gelernt haben.

Bertram setzt an der Stelle einen Begriff, der fast altmodisch klingt, aber ordentlich Kraft hat: Ich-Integrität. Also die Fähigkeit, aufs eigene Leben zu schauen, ohne nur die hübschen Kapitel zu nehmen, und ohne sich für die schrägen Stellen zu verdammen. Eher so: Ja, das war ich auch, und trotzdem darf ich heute anders sein.

Und dann kommt dieser Satz von Katrin, der richtig nach vorne geht:


„Wenn es mir nicht gefällt, dann gehe ich woanders hin.“

Ganz klar, wie ein kleines Stück Souveränität, das man sich zurzeit immer wieder neu zurückholen muss.

Digitalzwang: Die strukturelle Form der Ausgrenzung

Richtig konkret wird es beim Thema digitale Teilhabe. Bertram erzählt von einem älteren Freund, der Abrechnungen nur noch per App erledigen soll. Kann er nicht. Und damit ist er nicht „unmodern“, sondern praktisch ausgeschlossen.

Katrin ergänzt: Das trifft nicht nur ältere Menschen. Es trifft auch alle, die aus guten Gründen nicht jeden Lebensbereich digitalisieren wollen. Wenn Tickets, Formulare, Service nur noch online funktionieren, wird analog plötzlich zur Abweichung erklärt. Und Abweichung heißt im Alltag oft: kompliziert, teurer, oder gar nicht mehr möglich.

Das ist der Punkt, an dem Altersdiskriminierung zu einer Systemfrage wird. Wer gestaltet Zugänge? Wer entscheidet, was „normal“ ist? Und wer zahlt den Preis, wenn Bequemlichkeit zur Regel wird?


Sechs alltagstaugliche Hebel, die wirklich was ändern

  1. Wörter nicht durchwinken
    Wenn „Abstellgleis“ oder „Überalterung“ fällt: kurz nachfragen, was genau gemeint ist. Das stoppt Pauschalurteile schneller als jede Grundsatzrede.
  2. Den inneren Altersrichter erkennen
    Wenn Sie denken „das kann ich nicht mehr“, prüfen Sie kurz: ist es eine echte Grenze, oder nur ein gelerntes Bild?
  3. Keine Generationenkämpfe spielen
    Dieses Schubladendenken macht Schlagzeilen, aber selten Lösungen. Hilfreicher ist oft: Was brauchen wir konkret, als Menschen?
  4. Erfahrung als Material sehen
    Erfahrung ist kein Ballast. Sie ist Baustoff. Was lässt sich daraus Neues bauen, im Bezug auf Arbeit, Beziehungen, Sinn?
  5. Analoge Alternativen einfordern
    Bei Tickets, Terminen, Formularen: Fragen Sie nach der Offline Option. Nicht entschuldigend, sondern selbstverständlich.
  6. Sich zeigen, auch wenn’s wackelt
    Öffentlichkeit ist anstrengend, das sagen alle drei. Und trotzdem: Schweigen verändert gar nix.

Frage zum Mitnehmen

Diese Episode zeigt drei Haltungen, drei Biografien, drei unterschiedliche Trigger, und trotzdem ein gemeinsames Ziel: ein Altersbild, das nicht klein macht. Nicht romantisiert, nicht defizitfixiert, sondern menschlich. Mit Ambivalenz, mit Humor, mit dem Willen, sich einzumischen.

Zum Schluss eine Frage, die Sie vielleicht ein wenig begleitet:

Wo reglementieren Sie sich gerade selbst, nur weil Sie denken: „das macht man in meinem Alter nicht“?


[Link zur ZDF Sendung oder Mediathek] wird nachgereich

[Link zur Petition oder Initiative zur digitalen Teilhabe]