Bertram Kasper

Diesen Magazinbeitrag schenke ich mir zu meinem 64. Geburtstag. Die Farbe Blau und meine Gedanken dazu.

Es gibt Farben, die sehe ich. Und es gibt Farben, die spüre ich. Blau gehört für mich eindeutig zur zweiten Sorte.

Ich könnte jetzt sagen: Blau ist einfach meine Lieblingsfarbe. Fertig. So wie andere Menschen Rot mögen oder dieses warme, sonnenreife Orange, das besonders im Herbst alles für einen kurzen Augenblick zum Leuchten bringt. Doch je länger ich über mein Blau nachdenke, desto weniger scheint mir das Wort „Lieblingsfarbe“ auszureichen. Da ist mehr. Sehr viel mehr.

Blau ist für mich Himmel. Wasser. Ferne. Aufatmen. Das Blau eines Morgens, an dem sich nach tagelangem Regen plötzlich die Wolkendecke öffnet. Dieses fast unwirkliche Sommerblau über einer Bergkette. Das Blau, das sich auf einer Wasseroberfläche bewegt, zitternd, flirrend, niemals wirklich festzuhalten. Und vielleicht mag ich Blau genau deshalb so sehr. Blau lässt sich nicht festhalten.

Der Himmel gehört niemandem. Das Meer lässt sich nicht einpacken. Der Horizont ist immer ein Stück weiter weg, als wir ihn erreichen können. Was für ein wunderbares Bild für das Leben. Und, ich glaube, ganz besonders für das Älterwerden.

Blau, bevor es überhaupt eine Farbe ist

Als ich mich intensiver mit der Farbe Blau beschäftigt habe, stieß ich auf allerlei Forschung. Sehr spannend, ja. Da wird untersucht, wieso Menschen überall auf der Welt Blau mögen, wie unser Gehirn auf Farben reagiert, was Wasser und Himmel damit zu tun haben und weshalb bestimmte Blautöne offenbar beruhigend wirken. 

Doch irgendwann merkte ich: Mich interessiert weniger die Zahl hinter dem Komma. Mich interessiert, was eine Farbe in uns berührt.

Denn bevor ich etwas über Farbpsychologie gelesen hatte, wusste mein Körper längst, dass mir Blau guttut. So geht es uns ja häufiger. Der Kopf kommt später hinterher und findet kluge Erklärungen für etwas, das der Körper schon jahrelang wusste.

Bei Blau scheint unsere Verbundenheit mit der Natur tief mitzuschwingen. Klarer Himmel, sauberes Wasser, Weite, ruhiges Wetter. Wir verbinden damit Erfahrungen, die weit älter sind als unser persönliches Leben. Und offenbar holen Farben ganze Erfahrungslandschaften zurück. Meerblau erinnert dann nicht bloß an Wasser. Da sind plötzlich wieder Wind auf der Haut, Salzgeruch, kühles Wasser an den Beinen, dieser erste kurze Atemstillstand beim Hineingehen.

Ich mag diesen Gedanken. Unsere Erinnerungen wohnen offenbar auch in Farben. Vielleicht ist deshalb ein bestimmtes Blau niemals nur Blau. Es ist ein Stück gelebtes Leben.

Meine Natur trägt ziemlich viel die Farbe Blau

Wer mein Buch Die größte Reise deines Lebens gelesen hat, weiß, wie oft die Natur darin auftaucht, als eine echte Gesprächspartnerin. Manchmal eine sehr sanfte. Manchmal eine ziemlich ungemütliche. Doch immer führt sie mich zu mir zurück.

Das Renautal bei Altastenberg etwa, einer meiner Seelenorte. Dort bin ich viele Male gegangen. Waldwege, kleine Bäche, verwitterte Holzstege, Wiesen, auf denen ich gelegen und geschrieben habe. Buschwindröschen im Frühjahr, feuchte Erde, dieser unverwechselbare Waldgeruch, der einem bereits nach wenigen Atemzügen erzählt: Jetzt biste hier. Einfach. Hier.

Ich beschreibe im Buch einen dieser Wege, das Licht fällt durch die Bäume, Wasser plätschert, Blätter rascheln, und irgendwann entsteht dieses merkwürdige Gefühl, dass der Puls der Landschaft den eigenen Herzschlag übernimmt. „Innehalten“, scheint alles zu sagen. Und genau dort verändert sich mein Blick fast immer. Ich schaue hoch. Zum Himmel.

Vielleicht ist das überhaupt eine meiner liebsten Bewegungen: den Kopf heben. Wir verbringen einen beträchtlichen Teil unseres Lebens damit, nach vorne oder sogar nach unten zu schauen. 

Auf Aufgaben. Auf Straßen. Auf Bildschirme. Auf das, was unmittelbar vor unseren Füßen liegt. Der Himmel verlangt eine andere Körperhaltung. Du musst den Kopf heben. Allein das verändert schon was. Der Brustkorb richtet sich auf, der Blick wird weiter. Und manchmal geschieht mit der äußeren Bewegung gleichzeitig eine innere. Es wird weiter in mir.

Genau deshalb ist Natur für mich so viel mehr als Freizeitgestaltung. Ich habe sie in meinem Lebensteppich© ganz bewusst als Teil meiner Biografie sichtbar gemacht. Natur steht dort für Ruhe, Inspiration, Bewegung, für das Erleben meines Körpers und für diese merkwürdigen Augenblicke, in denen die Grenze zwischen Außenwelt und Innenwelt für einen Moment durchlässig wird. Ich bin dann nicht mehr derjenige, der die Natur betrachtet. Für einen kurzen Augenblick bin ich einfach mittendrin. Wie wunderbar.

Das Blau meines Vaters

Während ich über diesen Text nachdachte, kam plötzlich ein Bild zurück. Mein Vater. Es ist eine jener Erinnerungen, bei denen mich erstaunt, wie ein einziges Detail aus einer ganzen Lebensgeschichte auftauchen und sich nach vorne schieben kann.

Kurz vor seinem Tod suchten wir gemeinsam das Foto aus, das später bei seiner Beerdigung zu sehen sein sollte. Er wollte kein ordentliches Porträt. Natürlich nicht. Das wäre auch irgendwie nicht er gewesen.

Er entschied sich für ein Foto draußen in den Bergen. Barfuß liegt er auf einem glatten Felsen. Sonne im Gesicht. Die Beine ausgestreckt. Auf dem Kopf sein Buff. Die Augen geschlossen. Braun gebrannte Haut. Und: ein blaues T-Shirt.

Als ich die Passage für diesen Beitrag noch einmal gelesen habe, blieb ich genau dort hängen. Die Farbe Blau. Ich weiß nicht, ob mir damals überhaupt bewusst war, welche Bedeutung diese Farbe für mich einmal bekommen würde. 

Wahrscheinlich nicht. Erinnerungen werden ja im Laufe der Jahre umsortiert. Manche Dinge rutschen nach hinten, scheinbare Nebensächlichkeiten wandern plötzlich nach vorne. Dieses blaue T-Shirt gehört inzwischen dazu. Mein Vater wollte mit diesem Bild etwas von sich hinterlassen. Er wollte als der Mensch erinnert werden, der er gewesen war. Draußen. Sonne. Berge. Körperlichkeit. Natur. Ruhe. Und dieses Blau mitten darin. Auch er liebte die Farbe Blau. Und bei im Schrank unzählige blaue Hemden und blaue Pullover. 

Vielleicht bilde ich mir die Symbolik im Nachhinein ein. Das darf sein. Erinnerung ist kein penibel geführtes Archiv, sie ist eher ein lebendiger, manchmal etwas eigenwilliger Erzähler. Doch dieses Bild berührt mich immer mehr. Weil darin etwas liegt, worüber ich in meinem Buch immer wieder schreibe: Wir sind mehr als das, was am Ende von uns sichtbar übrig bleibt.

Ein Mensch besteht aus seinen Landschaften, seinem Lachen, seinen Beziehungen, seinen Berührungen, seinen Wegen, seinen Irrtümern, seinem Mut. Und manchmal vielleicht auch aus einer Farbe.

Die Farbe Blau und die Endlichkeit

Je älter ich werde, desto stärker beschäftigt mich die Endlichkeit. Das überrascht nun wahrscheinlich niemanden, der meinen Podcast hört oder mein Buch gelesen hat. Dabei empfinde ich Endlichkeit längst nicht mehr ausschließlich als düster. Im Gegenteil. Sie hat mir etwas sehr Kostbares beigebracht.

Endlichkeit entreißt mir das Später und reicht mir das Jetzt.

Wenn wir jung sind, steht der Horizont weit entfernt. Fast verschwenderisch weit. Da hinten irgendwo geht es weiter, und weiter, und weiter. Wir verschieben Dinge. Später. Wenn mehr Zeit ist. Wenn die Kinder größer sind. Wenn beruflich weniger los ist. Wenn dieses oder jenes endlich erledigt ist.

Beim Älterwerden verändert sich etwas. Irgendwann spüren wir, dass die verbleibende Wegstrecke begrenzt ist. Das muss uns nicht bedrücken. Es verändert den Wert der Zeit.

In meinem Buch beschreibe ich diese Erfahrung als einen neu ausgerichteten psychischen Kompass. Wir überlegen genauer, wem wir unsere Tage schenken. Welche Menschen uns wirklich nah sind. Was wir noch erleben möchten. Was wir getrost lassen dürfen. Und da ist wieder das Blau.

Denn wenn ich auf einen weiten Himmel schaue, erlebe ich ein eigenartiges Paradox. Ich weiß um meine Begrenztheit. Und gleichzeitig sehe ich Unbegrenztheit. Das eine hebt das andere nicht auf. Genau diese Ambivalenz gefällt mir. Vielleicht gehört sie sogar zum Kern eines gelassenen Älterwerdens: Ich brauche die Begrenzung meines Lebens nicht zu leugnen, um Weite zu empfinden.

Das ist für mich Pro-Aging. Nicht: Alles bleibt wie mit 35. Nicht: Alter ist eigentlich gar nicht da. Doch auch nicht: Jetzt wird die Welt zwangsläufig kleiner. Die Welt verändert sich. Und wir verändern unseren Blick auf sie.

Freiheit hat für mich die Farbe Blau

Im Kapitel über Freiheit beschreibe ich einen Rhythmus, den ich mir für meine neue Lebensphase gegeben habe. Meine Arbeitswochen sind rot markiert. Meine freien Wochen grün. Rot fürs Tun. Grün fürs Sein. Ganz ordentlich durchdacht. Der Stratege in mir hatte vermutlich seine helle Freude daran.

Und dann musste ich beim Schreiben dieses Beitrags lachen. Denn wenn mich heute jemand fragen würde: „Bertram, welche Farbe hat Freiheit für dich?“ Dann würde ich nicht Grün sagen. Ich würde antworten: Blau. Ganz eindeutig.

Blau ist für mich die Farbe der Lebensphase Freiheit, wie es von Gudrun Behm-Steidel genannt wird. Rot und Grün strukturieren meinen Kalender. Blau strukturiert etwas anderes. Meine Sehnsucht. Blau sagt nicht: Heute von 10.00 bis 12.00 Uhr frei sein. Blau sagt: Da ist noch mehr Horizont, noch mehr Weite. 

Und genau darum geht es mir in meiner Freitätigkeit. Dieser Begriff hat mich damals sofort gepackt. Frei tätig sein. Selbst entscheiden, wofür ich meine Zeit, meine Erfahrung und meine Lebensenergie einsetzen möchte. In meinem Buch beschreibe ich diesen Übergang als das bewusste Gestalten einer neuen Lebensform, zwischen Tätigkeit und Kontemplation, zwischen Plan und Geschehenlassen.

Vielleicht ist genau das mein Blau des Älterwerdens. Diese Mischung aus Richtung und Offenheit. Ich gehe. Doch ich muss nicht jeden Meter des Weges kennen.

Wir brauchen beim Älterwerden innere Horizonte

Es gibt eine Seite des Älterwerdens, über die ich weder hinwegtrösten noch sie hübsch reden möchte. Unser Bewegungsradius kann kleiner werden. Krankheiten tauchen auf. Der Körper hat gelegentlich seine eigenen Vorstellungen vom Tagesprogramm. Wege, die früher leicht gingen, werden mühsamer. Menschen fehlen. Manche Türen schließen sich.

Auch unsere Augen verändern sich. Interessanterweise kann gerade Blau im höheren Alter optisch schwächer oder etwas grauer wahrgenommen werden. Und trotzdem bleiben die Erinnerungen und Gefühle, die wir mit einer Farbe verbinden, erhalten. Der Ausgangstext zu diesem Beitrag beschreibt genau diese Verbindung von Blau, Erinnerung, räumlicher Weite und innerer Beruhigung.

Dieser Gedanke beschäftigt mich. Denn womöglich liegt darin eine tiefere Wahrheit über das Älterwerden. Der äußere Horizont und der innere Horizont sind nicht dasselbe. Ein Mensch kann körperlich einen kleineren Radius haben und innerlich weit sein. Und jemand kann durch die halbe Welt fliegen und trotzdem erstaunlich eng leben. Weite ist nicht nur Geografie. Sie ist auch eine innere Haltung.

Dazu gehören Erinnerungen. Fantasie. Gespräche. Musik. Bücher. Natur. Beziehungen. Vielleicht ein Foto. Vielleicht eine Farbe. Ich wünsche mir deshalb eine Alterskultur, die nicht ausschließlich danach fragt, was Menschen noch leisten oder wie viele Kilometer sie noch gehen können.

Mich interessiert genauso: Wie weit ist deine innere Landschaft? Wo kannst du noch staunen? Was berührt dich? Wonach sehnst du dich? Welche Farbe hat deine Freiheit?

Blau anziehen

Farben tragen wir nicht nur vor Augen. Wir tragen sie am Körper. Bei Blau gefällt mir, dass es sich weniger in den Vordergrund drängt. Ein leuchtendes Rot sagt schon mal: „So, da bin ich.“ Blau hat das nicht nötig. Es ist da. Ruhig.

Vielleicht passt es deshalb zu meiner Vorstellung von Souveränität beim Älterwerden. Ich muss nicht mehr jeden Raum gewinnen. Nicht jede Diskussion entscheiden. Nicht jedem beweisen, was ich weiß oder kann. Das ist eine der wohltuenden Seiten dieser Lebensphase, wobei ich zugeben muss: Ich übe noch.

Der alte Leistungsmensch in mir ist keineswegs vollständig ausgezogen. Gelegentlich sitzt er morgens bereits am Schreibtisch, bevor ich überhaupt richtig wach bin, und fragt ungeduldig, was wir denn heute alles schaffen wollen. Dann wäre ein bisschen Blau ganz hilfreich. Nicht als Zaubermittel. So’n Unsinn. Eher als Erinnerung.

Ruhig. Weit. Ich muss nicht jeden Tag erobern.

Vielleicht dürfen wir Farben überhaupt stärker als kleine Erinnerungszeichen verstehen. Nicht nach dem Motto: „Streiche dein Schlafzimmer blau und alle Probleme verschwinden.“ So funktioniert Leben nicht. Aber wir könnten unsere Umgebung bewusster wahrnehmen. Welche Farben tun mir gut? Welche Kleidungsstücke ziehe ich besonders gern an? Welche Bilder hängen in meiner Wohnung? Welche Aussicht suche ich? Warum sitze ich an manchen Plätzen länger als an anderen? Vielleicht weiß unser Körper manchmal längst die Antwort.

Mein kleines Blauprogramm

Ich habe keine sieben Regeln für ein glückliches Leben in Blau. Das wäre mir ein bisschen zu einfach. Doch ich mag kleine Experimente.

Vielleicht probierst du mal Folgendes:

  1. Schau bewusst nach oben. Einfach den Himmel anschauen und genießen
  2. Suche Wasser. Bach, See, Meer, Teich, völlig egal. Setz dich hin und schau eine Weile auf die Oberfläche.
  3. Finde dein Blau. Himmelblau, Nachtblau, Türkis, Ultramarin, Jeansblau. Welches berührt dich?
  4. Verbinde die Farbe mit einer Erinnerung. Welcher Mensch, welcher Ort, welche Lebensphase taucht auf?
  5. Gib deiner Zukunft eine Farbe. Eine Farbe für deinen kommenden Jahren.

Der letzte Punkt gefällt mir besonders. Wir reden beim Älterwerden erstaunlich viel über das Gewesene. Lebensleistung. Biografie. Erinnerungen. Früher. Alles wertvoll. Doch ich möchte nicht ausschließlich rückwärts altern.

Ich möchte mir auch mit 70, 75 oder 80 noch die Frage stellen: Was ruft mich da vorne?

Mein 88-jähriges Ich sitzt hoffentlich noch draußen

In meinem Buch schreibe ich einen Brief an mein zukünftiges 88-jähriges Ich. Ich mag diese Übung immer noch sehr. Weil sie die Blickrichtung verändert. Plötzlich schaue ich nicht vom heutigen Ich auf das Alter, sondern gedanklich vom alten Ich zurück auf den Menschen, der ich heute bin.

Was würde dieser 88-jährige Bertram mir sagen? Vielleicht: „Junge, hast du dir wieder viel zu viele Gedanken gemacht.“ Das wäre durchaus denkbar.

Vielleicht würde er aber auch fragen: Hast du genug draußen gesessen? Bist du gewandert, solange deine Beine dich getragen haben? Hast du den Menschen gesagt, dass du sie liebst? Hast du dir Zeit genommen? Und, das füge ich für diesen Beitrag hinzu: Hast du oft genug nach oben geschaut?

Ich wünsche mir meinen 88-jährigen Bertram nicht in einem makellosen Körper. Das wäre eine alberne Vorstellung. Ich wünsche ihn mir neugierig. Berührbar. Vielleicht etwas langsamer. Vielleicht muss er beim Aufstehen von der Bank kurz die Hände auf die Oberschenkel stützen und murmelt ein wenig vor sich hin. Ja mei, dann ist’s halt so.

Aber bitte noch staunend. Vor einem Himmel. Vor einem Vogelzug. Vor Licht auf Wasser. Vor einem Enkelkind. Vor einem klugen Gedanken. Vor einem Menschen, der ihn überrascht. Solange wir staunen, ist etwas in uns unterwegs.

Vielleicht ist Gelassenheit tatsächlich durch die Farbe Blau repräsentiert

Was bedeutet für mich gelassen älter werden? Diese Frage begleitet mich nun schon viele Jahre. Meine Antworten verändern sich. Zum Glück. Eine Antwort, die endgültig wäre, würde mir fast Angst machen.

Heute würde ich sagen: Gelassen älter werden heißt für mich, die Wirklichkeit meines Lebens anzunehmen und trotzdem offen zu bleiben für seine Weite.

Die Endlichkeit gehört dazu. Die Verletzlichkeit. Der sich verändernde Körper. Abschiede. Doch ebenso die Freiheit. Liebe. Neugier. Natur. Berührung. Freundschaft. Selbstwirksamkeit. Das absichtslose Herumstreunen durch einen Wald. Und dieses ungeheure Blau über uns.

Vielleicht berührt mich diese Farbe deshalb so tief. Weil sie zwei Dinge gleichzeitig in sich trägt, nach denen ich mich beim Älterwerden sehne. 

Ruhe und Weite. Ankommen und Ferne. Gelassenheit und Sehnsucht. 

Eigentlich widersprüchliche Paare. 

Doch das Leben ist voll davon.

Wir möchten festhalten und müssen loslassen. Wir kennen unsere Endlichkeit und schmieden trotzdem Pläne. Wir trauern und lachen. Wir werden älter und bleiben Werdende.

Vielleicht ist Blau deshalb meine Farbe. Nicht weil es mich jünger macht. Ich will gar nicht jünger werden. Ich möchte lebendig älter werden.

Mit einem wachen Blick für das, was ist. Mit einer gewissen Milde mir selbst gegenüber. Mit Menschen, die mir nah sind. Mit Wegen, die noch nicht gegangen wurden. Und mit genügend Zeit, hin und wieder einfach irgendwo stehenzubleiben, den Kopf zu heben und zu denken: Was für ein Blau. Was für eine Weite. Was für ein Leben.

Welche Farbe begleitet eigentlich dein Älterwerden? Und wenn du deinem 80-, 88- oder 90-jährigen Ich heute eine Farbe schicken könntest, welche wäre es? 

Schreib mir gern davon. Solche Antworten interessieren mich, weil sie oft sehr viel mehr über ein Leben erzählen als jeder Lebenslauf.