Bertram Kasper

Ruhestand war gestern: Wie Vorwärtsleben im dritten Lebensdrittel gelingt

Was geschieht, wenn der Beruf nicht mehr morgens anklopft, der Kalender plötzlich Lücken bekommt und eine Rolle endet, die uns über Jahrzehnte Halt gegeben hat?

Von außen betrachtet klingt Ruhestand nach Freiheit. Kein Wecker, keine Konferenzen, kein Termindruck. Endlich Zeit. Doch unter dieser schönen Oberfläche taucht bei vielen Menschen eine Frage auf, die sich nicht mit einer Kreuzfahrt oder einem neuen Hobby beruhigen lässt:

Wofür bin ich jetzt noch da?

Darüber habe ich mit Christiane Rösel und René Winkler gesprochen. Gemeinsam gestalten sie den Podcast „Vorwärtsleben“, der Menschen im Übergang in die nachberufliche Phase begleitet. Schon der Name trägt eine Haltung in sich: Das Leben wird nicht rückwärts betrachtet, als sei alles Wesentliche bereits geschehen. Es bleibt nach vorn geöffnet.

Und genau davon handelt unser Gespräch.

Als René plötzlich keine Lust auf das Älterwerden hatte

René Winkler erzählt im Podcast sehr offen von einem Moment während der Pandemie. Sein 60. Geburtstag rückte näher und mit ihm ein Gedanke, der viele Menschen irgendwann heimlich erwischt:

Liegt der schönere Teil meines Lebens nun hinter mir?

Vielleicht würde der Rest noch irgendwie gelingen. Möglichst galant, wie René es ausdrückt. Doch schon diese Vorstellung trägt etwas von Abwicklung in sich. Man organisiert die verbleibenden Jahre ordentlich, hält sich gesundheitlich über Wasser und schaut ansonsten auf das zurück, was man einmal geleistet hat.

René wollte sich damit nicht zufriedengeben. Er begann, sich mit dem Älterwerden zu beschäftigen, sprach mit Menschen, hörte Lebensgeschichten und entdeckte, wie viele Möglichkeiten diese Lebensphase bereithält.

Heute sagt er:

„Mittlerweile habe ich Lust aufs Älterwerden.“

Das ist kein unbekümmerter Optimismus. Krankheit, Abschied und Endlichkeit verschwinden dadurch nicht. Vorwärtsleben bedeutet eher, den vorhandenen Spielraum wahrzunehmen. Manchmal ist er groß, manchmal schmal. Aber fast immer gibt es darin noch etwas zu entdecken.

Ruhestand ist kein Zustand

Das Wort Ruhestand hat es sich in unserer Sprache ziemlich gemütlich gemacht. Es klingt, als würden wir nach dem Berufsleben auf einem inneren Abstellgleis Platz nehmen. Jetzt sind die Jüngeren dran, wir ruhen uns aus.

Dagegen spricht erst einmal gar nichts. Wer jahrzehntelang gearbeitet, Verantwortung getragen, Kinder begleitet, Angehörige versorgt und Krisen durchgestanden hat, darf die Füße hochlegen. Unbedingt sogar.

Nur: Auf Dauer reicht das vielen Menschen nicht.

Der Mensch lebt eben nicht allein vom freien Vormittag. Wir wollen gebraucht werden, etwas bewirken, Beziehungen pflegen, lernen und einen Sinn in dem erkennen, was wir tun. Die nachberufliche Lebensphase braucht deshalb mehr als Freizeitgestaltung. Sie braucht eine innere Richtung.

Christiane Rösel und René Winkler nennen diese Richtung Berufung 3.0.

Berufung 3.0 beginnt nicht mit einem neuen Terminkalender

Beim Wort Berufung denken viele an eine große Aufgabe. Etwas, das man finden, leisten oder erfüllen muss. Gerade Menschen, die lange über ihren Beruf, ein Amt oder eine Leitungsfunktion definiert waren, geraten leicht in die nächste Leistungsfalle.

Kaum ist der alte Kalender leer, wird der neue wieder vollgepackt.

Ein Ehrenamt hier, ein Vorstandsposten dort, noch schnell ein Projekt übernehmen. Man hat ja jetzt Zeit. Schwupps, hängt man wieder vor irgendeinem Karren, wie Christiane es sinngemäß im Gespräch beschreibt.

Berufung 3.0 meint jedoch mehr als Beschäftigung. Sie beginnt bei der eigenen Identität:

  • Wer bin ich, wenn meine bisherige Rolle endet?
  • Was möchte ich weitergeben?
  • Wofür schlägt mein Herz noch?
  • Und was darf nun wirklich vorbei sein?

Diese Fragen lassen sich nicht an einem Wochenende abhaken. Sie wollen eine Weile mitlaufen. Beim Spaziergang, beim Kaffee, im Gespräch mit der Partnerin, einem Freund oder vielleicht einer geistlichen Begleiterin.

Manche Antwort kommt spät. Manche garnicht. Auch das gehört dazu.

Die zweite Reihe ist kein Rückzug

Ein Gedanke aus unserem Gespräch ist mir besonders hängen geblieben. Christiane beschreibt, wie sich ihre Rolle allmählich verändert. Sie muss nicht mehr überall vorne stehen oder beweisen, dass sie weiß, wie etwas geht.

Sie darf in die zweite Reihe treten.

Dort wird sie zur Ermutigerin, Unterstützerin und Förderin anderer Menschen. Sie erzählt von einem jungen Prediger, dessen Beitrag sie berührt hatte. Hinterher schrieb sie ihm eine Mail und sagte ihm, was ihr gefallen hatte. Für sie war es eine kleine Geste. Für ihn war es offenbar etwas Besonderes.

Vielleicht liegt genau darin eine unterschätzte Alterskraft.

Menschen mit viel Erfahrung müssen nicht ständig erklären, wie die Welt funktioniert. Sie können Resonanz geben. Sie können eine jüngere Person sehen, ihr etwas zutrauen und im passenden Moment sagen: „Mach weiter. Da ist was.“

Die zweite Reihe ist kein unsichtbarer Platz. Sie ist ein Ort, von dem aus andere wachsen dürfen.

Das setzt allerdings voraus, dass wir unsere alte Bedeutung nicht krampfhaft festhalten. Wer jahrzehntelang entschieden, geführt und Verantwortung getragen hat, dem fällt das nicht unbedingt leicht. Ich kenn das selbst. Man meint es gut, erzählt ausführlich, wie man es früher gemacht hat, und wundert sich, warum die Jüngeren innerlich schon den Raum verlassen.

Ermutigung klingt anders als Belehrung.

Geistliche Großeltern und die Kunst des Daseins

Christiane und René sprechen von geistlichen Großmüttern und Großvätern. Gemeint sind damit keineswegs ausschließlich Menschen mit eigenen Enkelkindern.

Es geht um eine Haltung.

Großelternschaft kann bedeuten, präsent zu sein, ohne einen anderen Menschen zum eigenen Projekt zu machen. Nicht alles kontrollieren, nicht jedes Problem lösen, nicht sofort einen klugen Rat aus der Westentasche ziehen.

Einfach da sein.

Zuhören.

Nachfragen.

Eine Geschichte aushalten, auch wenn sie nicht geradlinig verläuft.

Diese Form von Präsenz brauchen junge Menschen ebenso wie Gleichaltrige oder Hochbetagte. Sie kann in einer Kirchengemeinde entstehen, in einer Kita, im Verein, in der Nachbarschaft oder an einem Küchentisch.

In der Altersforschung wird für dieses Weitergeben häufig der Begriff Generativität verwendet. Dahinter steckt der Wunsch, etwas für kommende Generationen zu tun und Spuren zu hinterlassen, die über das eigene Leben hinausreichen.

Vielleicht lässt es sich einfacher sagen: verschenkend leben.

Nicht, weil man sich selbst aufgeben soll. Sondern weil Leben reicher wird, wenn Erfahrungen zirkulieren dürfen.

Ein Glaube ohne Zweifel wird im Alter schnell zu eng

Unser Gespräch führt irgendwann zu einer Frage, die im Älterwerden für viele Menschen neu auftaucht: Was trägt mich eigentlich, wenn Sicherheiten brüchig werden?

Manche Menschen finden im Alter zum Glauben zurück. Andere verlieren einen Glauben, der sie lange begleitet hat. Wieder andere entdecken, dass frühere Antworten nicht mehr passen.

Christiane spricht davon, Zweifel nicht als lästiges Übel zu betrachten. Zweifel können ein Reiferaum sein. Sie öffnen eine Tür zu einem Glauben, der weniger behaupten muss und mehr aushält.

Ein Satz, den sie zitiert, bringt das mit einem Augenzwinkern auf den Punkt:

„Im Alter verliert man die Zähne, aber nicht die Zweifel.“

Vielleicht verliert ein reifer Glaube tatsächlich ein paar Zähne. Er beißt sich nicht mehr an jeder Lehrmeinung fest. Er muss nicht auf alles eine fertige Antwort haben. Er darf Gott auch die Enttäuschung, die Wut und das Unverständnis zumuten.

Mich erinnert das an mein Gespräch mit Anselm Grün. Er erzählte, dass er seine Zweifel nicht verdrängt, sondern sie Gott anvertraut. Nicht trotz der Zweifel glauben, sondern mit ihnen.

Christiane findet dafür in unserer Episode einen Satz, der lange nachhallt:

„Nicht ich halte fest, sondern ich werde gehalten. Und das ist ein Riesenunterschied.“

Kirche begleitet viele Übergänge nur diesen einen oft nicht

Kirchen sind bei zahlreichen Lebensübergängen präsent. Sie taufen, konfirmieren, trauen und beerdigen. Doch beim Übergang vom Beruf in die nachberufliche Lebensphase bleiben viele Menschen erstaunlich allein.

Dabei verändert sich in diesen Jahren eine ganze Menge. Rollen fallen weg. Beziehungen sortieren sich neu. Die eigenen Eltern werden hochbetagt, erwachsene Kinder gehen Wege, die man sich vielleicht anders vorgestellt hatte. Manchmal kommt Krankheit hinzu, bei einem selbst oder beim Partner.

Und mittendrin steht die Frage nach Sinn und Bedeutung.

Christiane und René wünschen sich Räume, in denen Menschen über solche Erfahrungen sprechen dürfen. Ohne sofortige Lösungen. Ohne fromme Pflaster. Ohne die Erwartung, dass ein gläubiger Mensch mit allem fein sein müsste.

Solche Räume wären auch eine Chance für Kirche selbst. Weniger fertiges Programm, mehr echtes Interesse. Weniger Altersgruppen in getrennten Zimmern, mehr Gespräche zwischen Generationen.

Viele menschliche Fragen haben schließlich kein Geburtsjahr.

Enttäuschung, Verletzung, Hoffnung, Liebe, Abschied und die Sehnsucht, gesehen zu werden, kennen junge wie ältere Menschen.

Own Your Age heißt Verantwortung im Möglichen

Zum Ende unseres Gesprächs frage ich René, was der Satz „Own Your Age“ für ihn bedeutet. Seine Antwort hat nichts mit Selbstoptimierung zu tun.

Das eigene Alter anzunehmen heißt für ihn, Verantwortung für den Bereich zu übernehmen, den man tatsächlich gestalten kann. Nicht alles liegt in unserer Hand. Krankheit, Verluste und Endlichkeit setzen Grenzen. Auch Renés Frau ist erkrankt, diese Wirklichkeit begleitet ihr gemeinsames Leben.

Selbstbestimmung heißt dann nicht: Ich kann alles erreichen, wenn ich mich nur genug anstrenge.

Sie heißt: Ich schaue ehrlich auf das, was ist. Und innerhalb dieses Rahmens frage ich, was mir möglich bleibt.

Wofür möchte ich leben?

Wem kann ich guttun?

Was möchte ich wagen?

Was muss ich akzeptieren?

Vorwärtsleben braucht beides, Gestaltungsfreude und die Bereitschaft, Grenzen anzuerkennen. Vielleicht liegt genau da die Gelassenheit, nach der wir oft suchen.

Vorwärtsleben beginnt mit einer guten Frage

Christiane erzählt am Ende, dass sie früher vor allem klare Antworten gesucht habe. Durch das Podcasten habe sie gelernt, wie viel eine gute Frage auslösen kann.

Das berührt auch meinen eigenen Wunsch an Gespräche. Nicht immer muss der Fahrplan vorher feststehen. Manchmal entsteht Tiefe genau dort, wo Menschen gemeinsam suchen und noch keiner weiß, welche Antwort am Ende wartet.

Vielleicht ist das eine schöne Einladung für die dritte Lebensphase.

Wir müssen nicht alles bereits wissen.

Wir dürfen Fragen lieben lernen.

Und vielleicht beginnen Sie mit einer davon:

Was möchte durch mich in den kommenden Jahren noch ins Leben kommen?

Die Antwort muss heute noch nicht fertig sein. Ein erster Gedanke reicht. Ein Mensch, mit dem Sie darüber sprechen. Ein kleiner Schritt, den Sie schon länger vor sich herschieben.

Ruhestand war gestern.

Heute geht es ums Vorwärtsleben.

Link:

Podcast Vorwärtsleben