Mal ehrlich ist da draußen irgendjemand jenseits der 25 Jahre, der oder die wirklich älter werden will.

Ich glaube nein. Wer will schon älter werden? Zwischen 45 und 55 wollen das die meisten doch noch weniger. Klar doch, denn das ist die Zeit, in der uns so richtig gewahr wird, dass wir älter geworden sind und unaufhaltsam älter werden. Da beißt die Maus keinen Faden ab, jede Sekunde, jede Minute, jeder Tag, jeder Monat, jedes Jahr tickt unsere Älterwerden-Uhr. Es geht buchstäblich mit dem Tag der Geburt auf das Ende zu. Mit meinen Gedanken über das Alter möchte ich im folgenden Beitrag zum Nachdenken anregen, indem ich auch an der einen oder anderen Stelle provoziere und bewusst zuspitze.

Anti Aging Industrie

Jeden Tag werden wir in den sozialen Medien, bei der Werbung, im Fernsehen oder in Zeitschriften mit der Illusion einer ewigen Jugend konfrontiert. Ein ganze Anti Aging Industrie beschallt und bebildert uns immer zu. Da eine Pille, dort eine Creme und dann wieder irgendein Neofood, egal worum es geht, das Versprechen ist das ewig Gleiche, ihr werdet jung bleiben. Milliarden werden in die Bleib-Ewig-Jung-Forschung und weitere Milliarden in die Unsterblichkeitsforschung gesteckt. Da wundert es nicht, das bei der Macht der Altervermeidungssindustrie, Älterwerden zu einem sowohl gesellschaftlichen, als auch zu einem ganz individuellen Problem wird. Und wie soll unter diesen Kontextbedingungen Älterwerden positiv konnotiert werden oder gar Spaß machen?

Da muss ich mich ja 10 Jahre jünger fühlen

Die „Alten“ fühlen sich im Schnitt 10 Jahre jünger als sie tatsächlich sind, da wird das Alter nicht realisiert bzw. wir werden dazu angetrieben, auf die Illusion der Junggebliebenen hereinzufallen. Unsere Gesellschaft hat sich buchstäblich gegen das Altern in Opposition gebracht und das verwundert es nicht, dass Altern ein wirklich schlechtes Image hat. Bei manchen Diskussionen kann der aufmerksame Beobachter den Eindruck haben, dass wir in einem System leben, in dem Altwerden sogar als kränkend erlebt wird oder noch drastischer kränkend ist. Alter steht diametral unserer permanent auf Wachstum ausgelegten Gesellschaft entgegen und wird damit als rein defizitär betrachtet. Für mich ist das ein echtes Armutszeugnis für unseren gesellschaftlichen Entwurf. Doch wie sind die Gedanken über das Alter von den „neuen“ Alten?

Das Lebensgefühl der „neuen“ Alten

Wie titelt Anfang Februar 2021 Die Zeit „Das Beste kommt noch“ und spielt genau auf die zweite Lebenshälfte jenseits der 50 an. Es geht also um das „neue“ Lebensgefühl der „neuen“ Alten und um die gesteigerte Zufriedenheit im Alter. Ich will versuchen diesem Lebensgefühl einmal assoziativ nachzugehen.

Im Alter bekommt das Grundbedürfnis nach Individualität nochmals einen Schub, jedoch verbunden mit dem Urbedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Dies wird unter anderem durch das Gefühl „endlich frei zu sein“ befeuert. Die gewonnene Zeitsouveränität trägt auch dazu bei, endlich Dinge zu tun, die ich schon immer mal angehen wollte. Z.B. sich ein Hobby zu suchen oder eine Aufgabe, die neu für mich ist und mir neue Impulse gibt. Dabei suchen die „neuen“ Alten Gleichgesinnte, mit denen sie ihre Erfahrungen teilen können. Gemeinschaft wird großgeschrieben.

Lebensbilanz ziehen und innehalten

Wie drückt es die schweizerische Alternsforscherin Pasqualina Perrig-Chiello aus:

„Eine neuer Ferrari und eine neue Freundin helfen nicht. Eine einsame Bergtour dagegen schon“ (Die Zeit „Das Beste kommt noch“).

Also ist innehalten angesagt, einmal Bilanz ziehen, zurück und dann nach vorne schauen. Und tatsächlich ziehen wir oft schon intuitiv Lebensbilanz, wenn wir in der Rente angekommen sind. Wir fragen uns, was wir noch von der kommenden Zeit wollen und was wir vielleicht noch erleben bzw. erfahren wollen und wie uns unsere Fähigkeiten dabei unterstützen können.

Vielen wird dann deutlich, dass sie sich noch eine Aufgabe wünschen, dass sie sich auch weiterhin gebraucht fühlen möchten. Da sind wir auch wieder bei dem Begriff der „Generativität“, auf den ich in diesem Beitrag schon einmal näher eingegangen bin.

Das Alter annehmen

Natürlich fällt es schwer, das Älterwerden wirklich anzunehmen. Doch Menschen denen es gelingt, die eigenen Ziele an den Alternsprozess anzupassen, haben es deutlich leichter, als verpassten Gelegenheiten nachzutrauern oder von sich Dingen zu fordern, die nicht altersentsprechend sind. Ohne, dass ich aktuell genau weiß von wem die folgenden Sätze stammen, drücken sie doch aus was ich meine:

Gutes Altern heißt sich mit seinem Altern anzunehmen – dann bin ich in jedem Alter die pure Jugend

Nehme ich die Einschränkungen des Alters an, dann löst es sich auf!

Es hält jung, wenn ich sage: Es ist wie es ist!