Wozu mir ein weiser Steuermann für die zweite Lebenshälfte gut tut!

Es gibt diese Tage, an denen der Schreibtisch wie eine kleine Kommandozentrale aussieht: das iPad aufgeladen, die Kladde aufgeschlagen, ein Stift quer über den Notizen, daneben eine Tasse Kaffee mit diesem brühwarmen Geruch von Alltag und Aufbruch, während auf dem Bildschirm schon wieder Anfragen aufblinken, Mails, Möglichkeiten, Termine, Gespräche, alles verheißungsvoll, alles irgendwie passend, alles mit einem kleinen Glanz versehen, der sagt: Komm, mach noch dies, sag dort zu, leg noch etwas drauf.

Und ich kenne diesen Glanz. Sehr gut sogar.

Mein Podcast ist gewachsen. Mein Buch ist erschienen. Menschen hören zu, schreiben, laden ein, fragen an. All das erfüllt mich mit Dankbarkeit, echter, körperwarmer Dankbarkeit. Zugleich spüre ich in mir diesen alten, fiebrigen Zug nach vorn, dieses innerlich aufgedrehte Mehr, das sich als Begeisterung tarnt und doch oft aus einer anderen Quelle gespeist wird: aus der Angst, die Bewegung könne versiegen, der Applaus abebben, die eigene Bedeutung sich verdünnen wie Tinte in einem zu großen Glas Wasser.

Arthur C. Brooks nennt diese Dynamik den Strebenden-Fluch. Menschen, die in der ersten Lebenshälfte gelernt haben, durch Fleiß, Tempo, Biss und eine gehörige Portion Selbstüberwindung nach oben zu kommen, geraten später gern in den Versuch, das alte Erfolgsrezept einfach weiterzuführen. Noch schneller. Noch präziser. Noch sichtbarer. Als ließe sich das zweite Lebenshalbjahr mit denselben Werkzeugen bearbeiten wie das erste.

Bei mir klingt das dann so:

Der Macher sagt: „Los, Bertram, das schaffst du auch noch. Eine Episode mehr, ein Vortrag mehr, ein Text mehr. Du warst immer gut im Liefern.“

Der Geldverdiener rechnet: „Diese Anfrage hat Potenzial. Daraus könnte etwas werden. Jetzt bloß wach bleiben für die Chancen.“

Der Bestätigungssucher schiebt sich in den Vordergrund, gekämmt, nervös, mit diesem leicht klammen Lächeln: „Wie viele hören zu? Wer hat reagiert? Wo stehen die Zahlen?“

Und dann sitzt da noch der Kontemplative, ein wenig abseits, handwarm, gedankenvoll, mit einem Blick, der tiefer reicht als jede Statistik. Er sagt: „Bertram, spür doch erst einmal hin. Was nährt dich wirklich? Was trägt dich?“

Lange dachte ich, diese Stimmen müssten sich irgendwie einigen, als säßen sie in einem Konferenzraum meiner Seele, alle mit eigener Tagesordnung, alle mit Rederecht, alle mit dem Anspruch auf Führung. Doch je älter ich werde, desto klarer erkenne ich: Sie brauchen einen Steuermann. Einen inneren Alten, der drängende, schmeichelnde, verführende und tadelnde Impulse sammelt und ordnet. Einen, der die Hände ans Ruder legt, während die See des Erfolgs kabbelig wird.

Ich nenne ihn Bonaventura.

Bonaventura. Das klingt für mich nach guter Ankunft, nach einer Zukunft, die ihren eigenen Geschmack hat, aromatisch, erdig, frei von diesem künstlich süßen Beigeschmack der Selbstoptimierung. Bonaventura ist mein innerer Anteil der zweiten Kurve. Er ist verwandt mit dem, was Raymond Cattell als kristallisierte Intelligenz beschrieben hat: jenes Wissen, das aus Erfahrung wächst, aus gelebten Jahren, aus der Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen, Menschen zu verstehen, Widersprüche auszuhalten und aus vielen verstreuten Erlebnissen eine sinnvolle Gestalt zu formen.

Die flüssige Intelligenz, jene schnelle, problemanspringende, jugendlich-forsche Kraft, hat mir lange gute Dienste geleistet. Sie war mein Werkzeugkoffer für Krisen, Konzepte, Projekte, Entscheidungen. Doch irgendwann spürte ich, dass ein Werkzeug, das früher federnd in der Hand lag, schwerer wird. Natürlich ich kann es weiter benutzen, gewiss. Doch was ist der Preis, den ich zahle?

Die kristallisierte Intelligenz hingegen arbeitet anders. Sie hetzt weniger durch die Räume. Sie setzt sich an den Tisch. Sie schaut. Sie sortiert. Sie verbindet. Sie fragt: „Was habe ich gelernt? Was kann ich weitergeben? Wo wird aus Erfahrung Weisheit?“

Bonaventura ist genau dieser Anteil. Mein innerer Mentor. Mein freundschaftlicher Kapitän. Derjenige, der merkt, wann der Macher aus Angst arbeitet, wann der Geldverdiener die vier falschen Götzen füttert, Geld, Macht, Prestige, schnelles Vergnügen, und wann der Bestätigungssucher meinen Selbstwert an fremde Reaktionen bindet, als hinge mein inneres Zuhause an Downloadzahlen und Einladungen.

Dann legt Bonaventura mir eine Hand auf die Schulter, ganz sanft, liebevoll. Mit einer Größe, die aus demütiger Zurückhaltung kommt.

„Bertram“, sagt er dann, „du bist genug. Jenseits von Podcast, Buch, Bühne, Kamera, Honorar. Diese Dinge füllen Tage. Dein Leben füllen sie erst, wenn sie aus der richtigen Quelle kommen.“

Dieser Satz trifft mich jedes Mal. Er trifft den Teil in mir, der noch immer glaubt, Wert müsse erwirtschaftet werden wie ein Kontoauszug der Seele. Er trifft auch den Jungen in mir, der gesehen werden will. Und er trifft den Mann, der gerade lernt, dass Älterwerden auch bedeutet, die eigene Liebenswürdigkeit aus der Umklammerung der Leistung zu lösen.

Bonaventura fragt mich dabei unverblümt. Er stellt Fragen, die direkt an meine gelebten Tage gehen. Sie haben etwas Raues, Wohltuendes, Prüfendes. 

Die erste Frage lautet: Gehört das wirklich zu mir?

Das ist die Frage des Wegmeißelns. Brooks verwendet dafür das Bild des Chipping Away: Meisterschaft entsteht, wenn wir Überflüssiges abtragen. Ich mag dieses Bild, weil es so handfest ist. Der Bildhauer erschafft die Figur, indem er Material entfernt. Er fügt kaum etwas hinzu. Er legt frei.

Und wie viel Material sammelt sich im Laufe eines erfolgreichen Lebens an: Verpflichtungen, Erwartungen, Routinen, Rollen, alte Eitelkeiten, halbherzige Zusagen, Projekte mit schönem Etikett und dürftigem Nährwert. Bonaventura schaut auf all das und fragt: „Bertram, gehört das zu deinem inneren Werkstück? Oder hängt es nur daran wie angetrockneter Leim?“

Die zweite Frage lautet: Nährt es meine Energie?

Damit meine ich diesen Unterschied zwischen raschem Vergnügen und echtem Genuss. Brooks unterscheidet Pleasure und Enjoyment. Das eine ist der schnelle Dopaminspritzer, ein kurzes Funkeln im limbischen System. Das andere entsteht, wenn Freude mit Menschen, Erinnerung und Bedeutung verbunden wird.

Ich kenne den schnellen Reiz: die gute Zahl, die nette Rückmeldung, das kurze Aufleuchten eines Erfolgs. Es schmeckt süß und ist schnell verdaut. Echter Genuss hingegen hat Tiefe. Er bleibt in mir, spürbar in meinem Leib. Er entsteht, wenn ein Gespräch nachklingt, wenn ein Text sich wahr anfühlt, wenn ich nach einem Podcast spüre, dass zwischen zwei Menschen ein Resonanzraum entstanden ist. Dann bin ich genährt.

Die dritte Frage lautet: Dient es meinem Sinn oder meiner Eitelkeit?

Diese Frage ist unangenehm, um nicht zur sagen wirklich furchtbar.

Sie führt mich zu den drei Dimensionen von Sinn, die Brooks beschreibt: Kohärenz, Zweck und Bedeutung. Verstehe ich durch dieses Vorhaben die Welt besser? Dient es einem größeren Ziel? Hilft es anderen Menschen?

Wenn ich ehrlich antworte, wird manches rasch klarer. Manche Anfrage sieht von außen glänzend aus und fühlt sich innen hohl an. Eine andere wirkt klein, fast unspektakulär, und hat doch diesen warmen Kern von Bedeutsamkeit. Ein Gespräch mit einem einzelnen Menschen kann mehr Sinn enthalten als ein Auftritt vor vielen, wenn darin echte Begegnung geschieht. Mein Ego liebt Größe. Mein Sinn liebt Stimmigkeit.

Die vierte Frage lautet: Kann ich das mit ganzer Präsenz tragen?

Das ist eine Frage an meinen Kalender, mehr noch an meine Seele. Denn ein Termin im Kalender ist rasch gesetzt. Präsenz entsteht an anderer Stelle. Sie braucht Atem, Vorbereitung, Nachklang, innere Beweglichkeit. Wenn ich alles zu eng packe, wird selbst das Wertvolle zu einem Produkt auf einem Förderband.

Bonaventura erkennt diese Überladung. Er sieht, wie der Macher sich in Hektik flüchtet, weil Hektik so wunderbar nach Wichtigkeit aussieht. Dann fragt er: „Hast du Raum dafür? Oder schiebst du dir das nur auf deinen Teller, weil du Angst vor der freien Fläche hast?“

Die fünfte Frage lautet: Was sagt mein Lebensende dazu?

Das ist die Maranasati-Perspektive, die Übung, die eigene Sterblichkeit als Kompass zu nehmen. Ich stelle mir mein älteres Ich vor, achtzig Jahre alt, mit müderen Händen und einem klareren Blick für das Wesentliche. Dieser alte Bertram schaut auf die heutige Entscheidung und fragt: „Wird das zählen? Wird es Wärme hinterlassen? Wird es Liebe vergrößern? Wird es meinen Weg wahrhaftiger machen?“

Viele scheinbar dringende Dinge schrumpfen unter diesem Blick. Andere wachsen. Ein Nachmittag mit Inge. Ein Besuch bei Marie oder Lea. Ein zweckfreier Gang über die Felder. Eine Stunde Schreiben mit offenem Herzen. Ein Gespräch mit einem Freund, der mich als Bertram meint, jenseits von Funktion und Außenwirkung.

Brooks nennt solche Menschen „Useless Friends“, nutzlose Freunde. Ein herrlich irritierender Begriff. Gemeint sind jene Beziehungen, die frei sind von Geschäft, Bühne und gegenseitiger Verwertung. Menschen, bei denen ich ankommen darf, auch erschöpft, auch ungeschminkt im übertragenen Sinn, auch mit meinen brenzligen Widersprüchen und meinem manchmal ganz schön bissigen Innenwetter.

Bonaventura erinnert mich daran, dass diese Beziehungen das wahre Vermögen der zweiten Lebenshälfte sind.

Aus diesen Fragen ist ein kleines Ritual geworden. Einmal in der Woche nehme ich meine Kladde, den Füller, setze mich an einen Ort, der mich sortiert, und schreibe. Handschriftlich. Langsam genug, damit die Gedanken ihre Schuhe ausziehen können. Der Stift kratzt über das Papier, die Hand führt den Kopf, und die inneren Stimmen bekommen Gestalt. Was vorher als aufgewühltes Stimmenknäuel in mir hing, liegt nach einer Weile vor mir: lesbar, prüfbar, gestaltbar.

Das hat mit Selbstcoaching zu tun, ja. Doch mehr noch mit Selbstfreundschaft.

Danach schaue ich auf mein kleines Happiness-Portfolio. Vier Felder. 

Transzendenz. Familie. Freundschaft. Sinnvolle Arbeit.

Transzendenz fragt mich: Habe ich mich in dieser Woche mit etwas verbunden, das größer ist als mein Ego?

Familie fragt: Habe ich den Menschen, die mir am nächsten sind, wirklich Aufmerksamkeit geschenkt?

Freundschaft fragt: War ich mit Menschen zusammen, bei denen ich einfach Bertram sein darf?

Sinnvolle Arbeit fragt: Hat mein Tun anderen gedient, oder habe ich nur mein eigenes Echo gesucht?

Allein diese vier Fragen verändern die Temperatur einer Woche. Sie holen mich aus der Expansionslogik heraus und führen mich in eine andere Bilanz. Weg vom „Was habe ich geschafft?“ hin zu „Was hat mich und andere genährt?“

Selbstwirksamkeit und Bonaventura

In der Psychologie spricht Albert Bandura von Selbstwirksamkeit: von der Überzeugung, durch eigenes Handeln schwierige Aufgaben bewältigen zu können. Für mich bekommt dieser Begriff im Alter eine neue Färbung. 

Früher hieß Selbstwirksamkeit oft: Ich packe das, ich löse das, ich bringe es nach vorn. Heute klingt sie anders. Reifer. Herzhafter. Sie heißt: Ich kann auswählen. Ich kann dosieren. Ich kann abtragen. Ich kann mich aus der Verführung des Zuviels lösen. Ich kann Ja sagen zu dem, was meinem Wesen entspricht.

Das ist eine andere Kraft. Eine Kraft mit weniger Muskelspiel und mehr innerer Architektur.

Bonaventura ist für mich daher auch eine Figur der Selbstwirksamkeit. Er macht mich handlungsfähig, indem er mich verlangsamt. Er führt mich in Entscheidungen, die weniger aus Angst und mehr aus Sinn entstehen. Er zeigt mir die zweite Lebenshälfte als Wechsel des Instrumentes, als Übergang von öffentlicher Lautstärke zu erfahrungssattem Klang. Weg von der Trompete des Außen. Hin zum Cello der Erfahrung, diesem dunkleren, wärmeren Klang, der lange nachschwingt.

Und manchmal, wenn der Bestätigungssucher wieder nervös am Fenster steht und zählt, wer draußen vorbeigeht, wenn der Geldverdiener mit glänzenden Augen eine neue Möglichkeit auf den Tisch legt, wenn der Macher schon die Ärmel hochkrempelt, bevor ich überhaupt gespürt habe, was ich will, dann setzt sich Bonaventura zu ihnen.

Er vertreibt sie aus dem Raum? Er gibt ihnen Plätze.

Der Macher darf helfen, wenn Kraft und Richtung da sind. Der Geldverdiener darf rechnen, solange er dem Leben dient. Der Bestätigungssucher darf sich über Resonanz freuen, solange er Resonanz als Geschenk behandelt. Der Kontemplative darf das Fenster öffnen, damit wieder Weite in den Raum kommt.

So entsteht innere Führung.

Und ich ahne: Genau darum geht es beim gelassenen Älterwerden. Die Sehnsucht nach Wirkung darf bleiben. Die Welt darf weiter rufen. Entscheidend wird die Quelle des eigenen Handelns:

Vom Getriebensein zur Gestaltungsruhe.

Von der Jagd nach Bedeutung zur Bedeutung aus Wahl.

Vom Applaus zur Resonanz.

Von der ersten Kurve zur zweiten.

Bonaventura ist dabei eher Weggefährte als fertige Antwort. Eher ein seelenkluger Steuermann, der mich daran erinnert, dass gute Zukunft aus guter Gegenwart wächst. Aus klaren Entscheidungen. Aus liebevoller Begrenzung. Aus echtem Genuss. Aus Beziehungen, die wärmen. Aus Arbeit, die dient. Aus dem Mut, das eigene Ego kleiner und das Leben größer werden zu lassen.

Und so sitze ich wieder vor meiner Kladde, der Kaffee längst lauwarm, draußen ein sommerlich heller Vormittag, und schreibe eine einzige Frage oben auf die Seite:

„Lieber Bonaventura, was ist heute wesentlich?“

Dann warte ich.

Weniger auf eine große Offenbarung. Mehr auf diesen kleinen inneren Ruck, dieses kaum spektakuläre, doch verlässliche Umschalten vom Rennen ins Wahrnehmen.

Und dann beginne ich zu schreiben.

Quellen und wissenschaftliche Bezugspunkte:

Arthur C. Brooks: Der beste Rat für ein gutes Leben / From Strength to Strength. Zentrale Bezugspunkte: Strebenden-Fluch, erste und zweite Leistungskurve, falsche Götzen, Genuss/Zufriedenheit/Sinn, nutzlose Freunde.

Raymond B. Cattell: Theorie der flüssigen und kristallisierten Intelligenz. Zentrale Bezugspunkte: Wandel kognitiver Stärken über die Lebensspanne.

Albert Bandura: Self-Efficacy: The Exercise of Control. Zentrale Bezugspunkte: Selbstwirksamkeit als Erwartung eigener Handlungskompetenz.

Ralf Schwarzer & Matthias Jerusalem: Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse. Zentrale Bezugspunkte: Selbstwirksamkeitsforschung und Anwendung in Gesundheit, Bildung und Lebensgestaltung.

Aaron Antonovsky: Sense of Coherence. Zentrale Bezugspunkte: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit als Ressourcen in Übergängen.

Martin Seligman: Erlernte Hilflosigkeit. Zentrale Bezugspunkte: Ohnmachtserfahrungen und Wege zurück in Handlungskraft.

Buddhistische Achtsamkeitstradition: Maranasati. Zentrale Bezugspunkte: Sterblichkeitsbetrachtung als Klärung von Prioritäten.