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„100 Jahre Lebensglück“ – Warum Karsten Thormaehlen unsere Sicht aufs Alter auf den Kopf stellt
Ein Gespräch im Kurpark von Bad Nauheim.
Es gibt Begegnungen, die nisten sich ein. Das Gespräch mit Karsten Thormaehlen, Fotograf und Langzeitbeobachter des hohen Alters, gehört für mich dazu. Seit 2006 porträtiert er Menschen, die die 100 geknackt haben – ruhig, nah, respektvoll. Kein Schnickschnack. Ein Gesicht, ein Blick, Tageslicht. Und plötzlich ist Altern nicht mehr Defizit, sondern Dichte.
„Am Ende bereuen wir die Sünden, die wir nicht begangen haben.“
– ein Satz, der uns im Gespräch begleitet hat und nachhallt.
Der Moment, in dem alles begann
Ein Frühstück am Scharmützelsee, eine Lokalnotiz über einen 100. Geburtstag, dazu die Erinnerung an den verstorbenen Schwiegeropa – kein Foto, keine Geschichte festgehalten. Aus dieser kleinen Stichelei des Lebens entsteht Thormaehlens erstes Porträt: Margarete, 102, Berlin-Dahlem. Kurz darauf ein Bühnenbildner, ebenfalls 100. Die Presse winkt damals ab. Also: Schublade. Aber die Idee blieb wach – und wächst seither zu vier Büchern über Hundertjährige (insgesamt sein siebtes über das Alter), zig Ausstellungen und unzähligen Begegnungen.
Die Bildsprache: Augen vor allem
Thormaehlen macht Farbe, bewusst. Nicht die nostalgische Schwarzweiß-Melancholie, sondern Haut, Augen, Teint – das Lebendige. Helle Oberteile, kein Muster, dunkler Hintergrund. Die Augen als Brennpunkt, „Fenster zur Seele“ – ja, eine alte Redensart, aber hier trägt sie. Fotografiert wird bei Tageslicht, ohne Blitz-Opernlampe. Das Setting ist minimalistisch, der Aufwand liegt in der Haltung: Da ist ein Mensch. Alles andere weicht einen Schritt zurück.

Wie findet man Hundertjährige?
Geradeaus und kurvig zugleich: Hinweise aus der Presse, Tipps von Familien, Anrufe in Senioreneinrichtungen, Recherche in Listen, manchmal eine Reise in sogenannte „Blue Zones“. Und doch: Statistik erzählt nur die halbe Wahrheit – entscheidend ist die Begegnung. Thormaehlen reist mit einem Koffer Hintergrund, einer Kamera (ein Objektiv!), einem Stativ und einer Spiegelfolie. Mehr braucht es nicht, um jemandem auf Augenhöhe zu begegnen.
Kleine große Geschichten
- Edgar Feuchtwanger (Großneffe von Lion Feuchtwanger) schreibt aus England zurück: Es sei ihm eine Ehre, porträtiert zu werden. Wer so antwortet, hat das Leben verstanden.
- Michèle Presle, französische Schauspielerin, lässt sich in einer Künstlerresidenz porträtieren. Später lese ich: Ein Film mit ihr inspirierte den 13‑jährigen Jean‑Paul Gaultier – eine Biografie, die als Funke bei einem anderen zündet. Berührend.
- Emma Morano (1899 geboren) am Lago Maggiore: eine Woche warten, fast aufgeben, dann die Tür, das Licht, die Aufnahme. Manchmal belohnt das Leben jene, die bleiben.
- Susannah Mushatt Jones: eingeschlafen beim Besuch – und doch entsteht ein preisgekröntes Foto. Weil Würde auch im Schlaf atmet.
Was Hundertjährige lehren
Es gibt kein Patentrezept für Langlebigkeit. Je mehr wir danach gieren, desto mehr verrutscht der Blick. Aber Spuren sind da: Bewegung (Treppen statt Laufband, Alltag statt Drill), Einbindung (Familie, Nachbarschaft, Teilhabe), Humor (als Entlastungsventil), eine stoische Grundhaltung: das ändern, was geht; das annehmen, was ist. Proviant für die Reise – nicht mehr und nicht weniger.
Und noch etwas: Viele Hochaltrige wollen mitreden. Nicht als Zierde am Rand, sondern mittendrin. In Thormaehlens neuem Buch 100 Jahre Lebensglück schreibt der 100‑jährige Dr. Helmut Luft über vier L’s – Laufen, Lernen, Lachen, Lieben. Das ist kein Rezept, eher ein Kompass. Einfache Worte, erstaunlich tragfähig.
Pro‑Aging: Worte machen Welten
„Alt“ ist in unserer Kultur häufig ein Stempel, der klebt und drückt. Thormaehlen schlägt vor, den Begriff zugunsten von „reifen“ oder „erfahren“ zu entlasten. Ich nicke innerlich. Worte ziehen Linien in unsere Köpfe; ändern wir das Wort, weitet sich der Blick. Hundertjährige als Pionier:innen der Zukunft – nicht romantisiert, sondern ernst genommen.
Zwischen Askese und Genuss – die ehrliche Mitte
Wir wollen länger leben, klar. Aber bitte ohne große Zumutungen. Hier liegt der Hund begraben. Langlebigkeit ist weniger Glamour als Konsequenz: kleines, tägliches Tun, soziale Netze, Sinnfäden. Und: weniger brauchen. Thormaehlen sagt es nüchtern – je älter er wird, desto weniger braucht er. Das klingt unspektakulär und ist doch radikal in einer Zeit, die ständig „mehr“ flüstert.
Ein Satz für die Innentasche
Der oben zitierte „Sünden“-Satz lässt mich nicht los. Er ist eine charmante Ohrfeige gegen Aufschieberitis und die Angst, anzuecken. Vielleicht ist Altern – im besten Sinne – die Kunst, rechtzeitig zu bereuen und dann doch zu tun. Einen Anruf, eine Reise, einen Versöhnungsschritt, ein Lachen.
Und wir – was nehmen wir mit?
- Hinsehen. In Gesichter, nicht auf Klischees.
- Zuhören. Hundertjährige haben Geschichten, die nicht nach „Gestern“ klingen, sondern nach Welt.
- Mitreden lassen. Teilhabe ist kein Gnadenbrot.
- Wörter wässern. „Alt“ muss nicht eng sein. „Reif“ macht Platz.
Hören, schauen, weiterdenken
Diese Episode von „Gelassen älter werden“ ist eine Einladung, das Alter neu zu buchstabieren – ohne Träumerei, mit Wärme im Bauch. Die Porträts von Karsten Thormaehlen zeigen keine Helden, sondern Menschen. Genau deshalb wirken sie so lange nach.
Zum Weiterlesen
Aktuelle Ausstellung in Landshut
📱 Tipp für Bequemhörerinnen und -hörer: Unsere App „Gelassen älter werden“ – keine Suche, kein Chaos, einfach zuhören.
Auf dem Foto oben: Emma Morano, 116, aus dem Buch »Young at Heart« (hrsg. von Christine von Arnim, Steidl, Göttingen 2021)
Foto im Text: Karsten Thormaehlen (Foto: Raphael Zydek)

Bertram Kasper ist Podcaster, Blogger, Autor, Speaker, Altersstratege und wird gerne als Visionär in Sachen Älterwerden bezeichnet. Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast, seinem Magazin und seinen Vorträgen einen differenzierten Blick auf das Älterwerden zu werfen.
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