Hier in meinem Blog geht es um unsere dritte Lebensphase, also um die jenseits der 55 gewonnen Jahre, bei einigen werden es mehr als 20 sein. Oft noch richtig gute Jahre. Oder ich könnte es noch anders ausdrücken – nie war das Alter jünger als heute. Rein rechnerisch beginnt die dritte Lebensphase bei Frauen – ausgehend von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von ca. 83 Jahre – mit ungefähr 55,3 Jahren. Und bei Männern mit durchschnittlich 79 Jahre Lebenserwartung schon mit 52,6 Jahren. Oder mit einem etwas anderen Blick hat ein heute 65 – jähriger Mann in Deutschland noch durchschnittlich 18 Jahre vor sich und eine 65 – jährige Frau durchschnittlich noch fast 22 Lebensjahre.

Also befinde ich mich Stand heute den 05.08.2020 schon seit gut 4 Jahren in der dritten Lebensphase.

Wofür will ich mich noch einsetzen?

Um die Herausforderungen der dritten Lebensphase zu bewältigen, ist es nach der schweizerischen Wissenschaftlerin Perrig-Chiello (2008, S. 142 f.) von zentraler Bedeutung für sich die Lebensinhalte, Themen und Entwicklungsaufgaben herauszuarbeiten, für die ich mich im letzten Drittel meines Lebens einsetzen will.
Dazu gehört zunächst die Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Lebensentwürfen. Folgende Fragen auch hinsichtlich der Antizipation der Zukunft können in das eigene Blickfeld gerückt werden und den Prozess der Selbstauseinandersetzung begünstigen:

  • Was waren meine Jugendträume?
  • Wie realistisch waren sie?  
  • Was konnte von mir realisiert werden, was eher nicht?
  • Wie soll ich meine Zukunft gestaltet?
  • Wie will ich älter werden und wie soll mein älter werden aussehen?

Neudefinition der eigenen Identität und Perspektive für die dritte Lebensphase

Zu den vorgenannten Fragen gehört ebenfalls die Reflektion meiner vorhandenen Ressourcen. Was steckt noch in mir? Was liegt vielleicht brach und was will ich noch entwickeln?

Selbstverantwortung, Proaktivität und Generativität

Die drei zentralen Schlüsselqualifikationen Selbstverantwortlichkeit, Proaktivität und Generativität begünstigen inwieweit die Auseinandersetzung mit diesen Fragen gelingt und ob daraus neue Entwicklungsmöglichkeiten identifiziert und umgesetzt werden können Die schweizerische Wissenschaftlerin Perrig- Chiello (2008) hat dies im Rahmen ihrer Forschung herausgearbeitet. Wofür stehen Selbstverantwortlichkeit, Proaktivität und Generativität im Einzelnen.

Selbstverantwortung

Menschen mit hoher Selbstverantwortlichkeit sehen sich weniger als Opfer ihre Umstände, das auf Hilfe anderer angewiesen ist, sondern setzen stärker auf ihre eigene Kompetenz, werden lösungsorientiert aktiv und suchen die Kommunikation mit Nahestehenden. Dabei lassen sie sich nicht von negativen Gefühlen wie Wut, Trauer und Enttäuschung überwältigen, sondern betrachten Krisen und Schicksalsschläge als notwendigen und zu bewältigenden Bestandteil menschlicher Existenz, und sind in der Lage,  auch in schwierigen Zeiten auf sich zu achten und es sich selber gut gehen zu lassen. Laut zahlreiche Studien korreliert hohe Selbstverantwortlichkeit mit positiver psychischer und physischer Befindlichkeit.

„Ich meine, dass das Schicksal die Hälfte unserer Handlungen bestimmt, die andere Hälfte lässt es uns selbst entscheiden“

Niccolo Machiavelli, II Principe

„Es mag sein, dass wir durch das Wissen anderer gelehrter werden – weiser werden wir nur durch uns selbst.“

Michel de Montaigne

Proaktivität

Unter Proaktivität versteht man vorausdenkendes, überlegtes und antizipativ orientiertes Handeln. Proaktive Menschen planen voraus, nehmen Langzeitperspektiven ein und entwickeln Strategien um Visionen zu verwirklichen. In der dritten Lebensphase sind proaktive Menschen eher in der Lage, sich anbahnende Veränderungen (Auszug der Kinder, Pflegebedürftigkeit der Eltern) zu antizipieren und sich darauf einzustellen, sowie sich auch potentieller unvorhersehbarer Veränderungen (Verlust des Arbeitsplatzes, Trennung der Partnerschaft) bewusst zu werden und damit wichtige Bestandteile des Lebens nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als kostbares, zu pflegendes Gut zu betrachten.

„Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst kriegen wir eine, die wir nicht wollen“

Josef Beuys

Generativität

Unter Generativität wird nach Erikson (1973) das Ausrichten des Lebensinteresses auf die nachfolgende Generation verstanden. Das Bestreben etwas zu schaffen, was die eigene Existenz überlebt, sowie auch der Wunsch, für andere Menschen von Bedeutung zu sein, hat für Personen des mittleren Lebensalters hohen sinnstiftenden Charakter. Generativität erleichtert zudem das Akzeptieren des bisherigen Lebens und gilt nach Erikson als Voraussetzung zur Erlangung einer Ich-Integrität im  höheren Alter. „Je generativer sich Menschen im mittleren Lebensalter verhalten, desto größer ist ihr Selbstbewusstsein und desto besser ist ihr physisches und psychisches Wohlbefinden“ (Perrig-Chiello 2008, S. 148).

„Die Zukunft liegt in den Händen jener, die der kommenden Generation triftige Gründe dafür geben, zu leben und zu hoffen“ Pierre Teilhard de Chardin

Literatur: In der Lebensmitte, Pasqualina Perrig-Chiello, Verlag Neue Züricher Zeitung, 2. Auflage 2008